Virtual Reality-Modell von Auschwitz hilft bei Jagd nach Nazi-Verbrechern

3. Oktober 2016, 12:56
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Deutsche Kriminalisten wollen mit der VR-Technologie die Blickwinkel von verdächtigen NS-Kriegsverbrechern nachempfinden

Erschreckend detailreich zeigt ein Headset die unauslöschlichen Bilder von Auschwitz – die Stahlschienen, das Eingangsgebäude, Baracken, Gaskammern und Krematorien: Mit einem hochpräzisen, digitalen 3D-Modell von Auschwitz will das bayerische Landeskriminalamt (LKA) die Ermittlungen der letzten Kriegsverbrecherprozesse durch virtuelle Rekonstruktionen erleichtern.

Kein genaueres Modell

"Früher sagten die Leute oft, sie hätten in Auschwitz Dienst getan, aber wüssten nicht, was passiert ist", erklärt Jens Rommel, Leiter der Zentralen Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen. "Juristisch geht es um den Vorsatz: Musste ein Verdächtiger wissen, dass die Leute in die Gaskammern gebracht oder erschossen wurden? Dafür ist das Modell eine sehr gute, sehr moderne Hilfe bei den Ermittlungen."

Wie die Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen dem Guardian berichtet, ist ihr Modell die genaueste Abbildung des Konzentrationslagers aus dem Jahr 1943, das es gibt.

Entwickelt wurde das Modell vom Münchener LKA-Experten für digitale Bildbearbeitung, Ralf Breker. Es macht das Vernichtungslager im besetzten Polen, in dem im Zweiten Weltkrieg mehr als 1,1 Millionen Menschen starben, erstaunlich lebendig. "Wir nutzen die modernsten Virtual-Reality-Brillen, die auf dem Markt sind. Wenn ich reinzoome, kann ich kleinste Details erkennen."

Bessere Übersicht

Staatsanwälten, Richtern und Nebenklägern verschafft dies einen beängstigend realen Eindruck des Lagers – etwa, wenn ein scheinbar endloser Zug virtueller Häftlinge vorbeimarschiert. Sogar die Bäume sind dort, wo sie einst standen, um herauszufinden, ob sie die Sicht verdeckten. "So ein 3D-Modell bietet natürlich eine wesentlich bessere Übersicht als ein 2D-Plan und kann rekonstruieren, was beispielsweise ein Wachmann von einem Turm aus sehen konnte und was nicht", beschreibt Breker.

Ausgangspunkt für das Projekt war das Verfahren gegen den tschechischstämmigen Maschinisten Johann Breyer wegen Beihilfe zum Mord an 216.000 ungarischen Juden. Die Staatsanwaltschaft in Weiden bediente sich einer frühen Version des 3D-Modells. Doch der 89-jährige US-Bürger starb im Juni 2014, nur Stunden bevor ein US-Gericht seine Auslieferung genehmigte.

In diesem Jahr kam ein erweitertes Modell zum Einsatz, als der ehemalige SS-Wachmann Reinhold Hanning wegen Beihilfe zum Mord an 170.000 Menschen zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde. Gegen einige Dutzend Verdächtige ermittelt Rommels Team noch, eine "zweistellige Zahl" sei noch am Leben und könne möglicherweise noch vor Gericht kommen, glaubt er.

Daten aus Warschauer Vermessungsamt und Fotos

Für seine computergenerierte Nachbildung nutzte Breker Material aus dem Warschauer Vermessungsamt und mehr als tausend Fotos. Bei zwei Reisen nach Auschwitz 2013 sammelte er weitere Daten. Gebäude bildete er mit einem terrestrischen 3D-Laserscanner und Archivmaterial nach: "Wir konnten jedes Gebäude dank ganz exakter Pläne rekonstruieren", sagte Breker.

Auch als erfahrenen Mordermittler schockierten ihn die Erzählungen des polnischen Archivleiters: Weil die Schornsteine der Krematorien wegen ihrer intensiven Nutzung Risse bekamen, seien die Leichen auf Scheiterhaufen außerhalb der Krematorien verbrannt worden. "Die SS-Leute haben dann tatsächlich Rinnen konstruiert, wo das Fett der verbrannten Leichen abfließen konnte, um es zur Befeuerung der nächsten Leichen zu verwenden", erzählt Breker leise. "Da findet man gar keine Worte dafür."

Angst vor Missbrauch

Nach Abschluss der letzten Untersuchungen könnte das Modell theoretisch Holocaust-Gedenkstätten wie Yad Vashem oder Auschwitz selbst überlassen werden, doch dafür gebe es keine konkreten Pläne, sagt Breker. "Man muss natürlich sehr vorsichtig sein, wir haben Angst vor Diebstahl und Missbrauch der Daten", etwa in Computerspielen.

Die Virtual-Reality-Technologie werde in der Kriminaltechnik weltweit bald einen festen Platz einnehmen, prophezeit Breker. Das Münchener LKA nutzt sie bereits bei neuen Ermittlungen zum rechtsextremistischen Anschlag auf das Oktoberfest 1980, bei dem 13 Menschen starben. (AFP/APA, rec, 3.10.2016)

Links

Guardian

  • Mit der VR-Brille können die Blickwinkel von Wachmännern nachempfunden werden.
    foto: apa/afp/christof stache

    Mit der VR-Brille können die Blickwinkel von Wachmännern nachempfunden werden.

  • Ralf Breker mit seinem Modell des KZ Auschwitz.
    foto: apa/afp/christof stache

    Ralf Breker mit seinem Modell des KZ Auschwitz.

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