Chanel-Parfümeur: "Werden niemals einen Sommerduft machen"

Interview29. November 2016, 09:00
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Ein Parfum ist Ausdruck einer Lebenseinstellung, sagt Olivier Polge, Chefparfümeur von Chanel. Ein Gespräch über Handwerk, Ästhetik und Marketing

STANDARD: Als Coco Chanel 1926 das Parfum No. 5 vorstellte, galt es als Revolution. Warum eigentlich?

Polge: Weil es mit vielen Traditionen brach. Chanel No. 5 folgte, wie Parfums bis zu diesem Zeitpunkt, keinem Blütenduft. Die Idee des Parfümeurs Ernest Beaux war insofern total abstrakt. Er hat verschiedene Blumen zu einem Duft komponiert, das hatte etwas Künstliches, das in dieser Form noch nie da war. Das war die Revolution. Es hat seine Bedeutung bis heute nicht eingebüßt. Chanel 5 ist eines der zehn erfolgreichsten Parfums seit fast 90 Jahren.

STANDARD: Haben Sie eine Erklärung?

Polge: Chanel No. 5 war das erste Parfum, in dem auch synthetische Duftstoffe eingesetzt wurden. Der Einsatz von Aldehyden in der Parfümerie war ebenfalls etwas ganz Neues. Dabei hatte das sehr praktische Gründe.

STANDARD: Welche?

Polge: Coco Chanels Auftrag an den Parfümeur war, ein "reiches Parfum" zu machen. Reich im doppelten Sinne. Einerseits sollte eine Vielfalt an Blütenessenzen verwendet werden, andererseits sollte es bewusst auch so teuer sein, dass es sich nur sehr reiche Menschen leisten können. Doch dann, so erzählt mir mein Vater, gab es technische Probleme.

STANDARD: Und zwar?

Polge: Die Essenzen aus Rosen, Jasmin, Harzen waren so schwer, dass sie kaum aus der Flasche rauskamen. Insofern brauchte Ernest Beaux eine Art Transportmittel, um die Moleküle quasi zum Fliegen zu bringen. Er fand die Aldehyde, die gleichzeitig aber auch eine spezielle Note hinzufügten. In der Parfümerie ist es oft so, dass eine minimale Veränderung bei den Inhaltsstoffen eine enorme Veränderung bringt.

STANDARD: Wie unterscheidet sich das klassische No. 5 von ihrer Neuinterpretation, dem Chanel No. 5 L'Eau?

Polge: Eines vorneweg. Chanel No. 5 ist unsere Identität und bleibt es auch. In meiner Interpretation bleibt es auch klar erkennbar, an der DNA des Duftes habe ich nichts verändert. Ich habe lediglich an der Frische gearbeitet. Ich sehe es als Weiterentwicklung, als meinen Beitrag, den Duft ins 21. Jahrhundert zu tragen – ohne den Kontakt zu den Ursprüngen zu verlieren.

STANDARD: Überall werden Flankers, also diese leichten Variationen gemacht. Ist No. 5 L'Eau auch eine Art Flanker?

Polge: Nein, nicht für uns. Flanker ist ein Fachbegriff der Industrie und bezeichnet saisonale Veränderungen – Versionen für die warme oder kalte Jahreszeit. Flankers verschwinden auch sehr schnell wieder von der Bildfläche. Wir von Chanel werden aber niemals einen Sommerduft machen. Wenn wir uns dafür entscheiden, einen neuen Duft zu lancieren, dann wird er auch immer im Sortiment sein. Es ist ein langfristiges Projekt.

STANDARD: Aber im Grunde haben Sie nur die Rezeptur verändert?

Polge: Natürlich, es geht um Inhalt und Menge. Das ist das Grundprinzip der Parfümerie. Hinter jedem Parfum steckt eine Art Rezept. Als ich vor drei Jahren zu Chanel kam, habe ich mich mit diesen Rezepten befasst. Ich habe an Chanel No. 5 nicht zum ersten Mal gearbeitet. Doch bisher habe ich nur die Konzentrationen variiert, also am Eau de Parfum gearbeitet. Jetzt habe ich erstmals auch die Inhaltsstoffe verändert.

STANDARD: Wie würden Sie Ihre Arbeit beschreiben?

Polge: Die meisten Menschen haben eine sehr romantische Vorstellung von meinem Beruf. Ich arbeite viel mit Excelsheets. Für den Entwurf eines Duftes brauche ich am Anfang nicht einmal meine Nase. Die Welt der Gerüche ist im Grunde genommen ein sehr geschlossenes System und eine Herausforderung dabei ist, meinen Geruchssinn möglichst unbeeinflusst zu lassen. Das Ausprobieren dessen, was ich mir ausdenke, passiert dann im Labor. Aber auch das ist wiederum nur ein Teil.

STANDARD: Wie meinen Sie?

Polge: Ich bin auch für die Rohstoffe verantwortlich, gerade war ich auf den Plantagen in Grasse und habe dort über eine neue Züchtung von Jasmin gesprochen. Mit der Familie, die für Chanel die Blumen züchtet, verbindet uns eine lange Tradition, sie haben viel Erfahrung. Aber wir wollen eine neue Jasminart züchten, wollen Plastikplanen einsetzen, überlegen uns, wo der Boden dafür perfekt wäre. Es gibt ständig Dinge zu verbessern.

STANDARD: Parfümeure als Gärtner?

Polge: Ja, weil Chanel, und da sind wir nahezu die einzigen, eigene Blumenplantagen betreibt. Es ist ein Familienbetrieb, der exklusiv nur uns zusammenarbeitet und das seit Jahrzehnten. Aber das ist nur ein Aspekt meines Berufes, es geht auch um die Gewinnung der Duftextrakte. Da genügt es, an einer Maschine einen Schalter um ein klein wenig nach rechts zu drehen, und der Pflanzenextrakt verändert sich. Und dann stellen wir die Essenzen her. Sie müssen jedes Jahr genau gleich riechen. Wir müssen also immer Chargen vom Vorjahr aufbewahren, um uns daran orientieren zu können.

STANDARD: Das klingt eher nach Maschinenbau und Chemie?

Polge: Ist es auch. Wir entwickeln Maschinen weiter. Im Rahmen meiner Ausbildung habe ich ein Jahr lang in einer Fabrik gearbeitet. Deshalb kann ich gut mit den Technikern dort sprechen. Mein Beruf hat viele Aspekte eines Handwerks. Aber das liegt mir.

STANDARD: Sie sind vor drei Jahren Ihrem Vater nachgefolgt, der ihren Job die vergangenen 30 Jahre gemacht hat. Wollten Sie schon immer Parfümeur werden?

Polge: Nein, der Beruf meines Vaters war bei uns zu Hause eigentlich kaum Thema. Ich habe Kunstgeschichte studiert, mich für Musik interessiert. Aber um Pianist zu werden, fehlte mir das Talent.

STANDARD: Und wie kamen sie dann zu Ihrem Beruf?

Polge: Mein Vater hat mir ein Ferialpraktikum in seinem Labor organisiert. So kam ich zu Chanel, in genau jene Abteilung, in der ich heute arbeite. Zwei Monate später habe ich dann mein Studium geschmissen und meine Ausbildung bei Charabot in Grasse begonnen.

STANDARD: Was meinte ihr Vater dazu?

Polge: Dass es ein Fehler ist (lacht). Obwohl: Ich erinnere mich an einen Spaziergang in Südfrankreich, und an den Wirt eines Gasthauses, der berühmt war für seine Fähigkeit, aus der Hand lesen zu können. Er sagte zu mir: "Du wirst einmal einen Beruf ausüben, den du dir nie wirst vorgestellt haben. Und damit hatte er Recht.

STANDARD: Haben Sie und ihr Vater gemeinsame Vorlieben?

Polge: Ich denke wir mögen beide die Tuberose nicht so besonders gerne. Mein Vater hat eine Vorliebe für Patschuli und Jasmin, ich für die Iris.

STANDARD: Hat ihr Vater Chanel No. 5 je verändert. Oder ist das ihr Privileg?

Polge: Mein Vater hat es verändert. Die Originalversion war ja sehr nahe am Extrakt und die Moleküle sehr schwer. Das machte nichts, denn ursprünglich tupfte man sich Parfum ja nur auf, ein paar Tropfen an den Hals und die Handgelenke. Die Formulierung funktionierte dann für die Sprays nicht mehr. Er hat also schon die eine oder andere Anpassung vorgenommen, die Grundformulierung aber stets bewahrt.

STANDARD: Parfums sind heute Massenware. Wie positioniert sich Chanel zur Konkurrenz?

Polge: Ich habe kein Problem mit der Konkurrenz. Man könnte diese Beobachtung ja auch zum Büchermarkt machen. Es gibt Tausende neue Bücher jedes Jahr, und nur ein paar werden große Erfolge. Das ist also normal. Im Gegensatz zu den meisten anderen haben wir die Kontrolle über unsere Rohstoffe. Wir produzieren die Blüten, das schützt uns auch vor Kopien.

STANDARD: Ist das eine Gefahr?

Polge: Ja, denn markenrechtlich lässt sich ein Parfum nicht schützen. Es gibt also nur ganz wenige Menschen auch bei Chanel intern, die das "Rezept" für Nr. 5 kennen. Wir splitten das File, auch in der Produktion. Es ist ein wohl behütetes Geheimnis.

STANDARD: Was unterscheidet ein gutes von einem schlechten Parfum?

Polge: Der Geruchssinn jedes Menschen ist sehr subjektiv. Insofern ist es schwer, von gut und schlecht zu sprechen. Es gibt derzeit recht viel Zuckriges bei der Konkurrenz. Ein wenig zu viel, nach meinem Geschmack. Aber abgesehen davon. Ein Parfum ohne entsprechendes Marketing, also Anzeigen, Kampagnen und Spots, wäre nicht erfolgreich, davon bin ich hundertprozentig überzeugt. Es ist ein Gesetz unserer Branche.

STANDARD: Sind Sie in die Vermarktung des Parfums involviert?

Polge: Nicht unmittelbar. Ich weiß, was gemacht wird, aber das ist die Aufgabe anderer. Mein morgen: Das sind die Projekte, die im Jahr 2018 stattfinden. Die Lancierung eines neuen Parfums ist immer ein langfristiges Projekt.

STANDARD: Woran arbeiten Sie derzeit?

Polge: An vielen Projekten gleichzeitig. Ich bin im Konzern für alles Olfaktorische zuständig. Das sind ja nicht nur Parfums, sondern auch sämtliche Kosmetikprodukte, also Cremen, Lippenstifte und Duschbäder. Es ist eine ziemlich breite Palette.

STANDARD: Mit Misia und Boy haben Sie eigenständige Parfums gemacht, die allerdings nur in Chanel-Boutiquen in der Serie der "Exclusifs" verkauft werden. Macht Chanel billige und teure Parfums?

Polge: Es war Coco Chanel, die als erste Mode und Parfum miteinander verknüpft hat. Auch bei Parfums gilt: Es ist eine Frage der Ästhetik. Ein Parfum, das vielen gefallen soll, muss anschaulich und klar sein. Einfach zu verstehen. Die Parfums, die als Exclusifs nur in den Boutiquen verkauft werden, dürfen spezieller, vielleicht auch etwas dünkler und pudriger sein. Vielleicht kann man es so sagen: Parfums wie Chanel Nr. 5 L'Eau, sollten viele Menschen erobern, Parfums wie Misia oder Boy müssen erobert werden. Parfum ist ein Ausdruck von Ästhetik. (Karin Pollack, 29.11.2016)

Olivier Polge, Parfümeur von Chanel, hat seine Ausbildung bei Charabot im südfranzösischen Grasse absolviert und ab 1998 beim Schweizer Konzern IFF gearbeitet. Dort hat er an der Entwicklung von 58 Parfüms mitgewirkt. Seit 2013 ist er bei Chanel, wo er seinem Vater, Jacques Polge, in seiner Funktion als Chefparfümeur nachfolgte.

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  • "Ein Parfum, das vielen gefallen soll, muss anschaulich und klar sein. Einfach zu verstehen", das ist sein Konzept für Chanel No. 5 L'Eau.
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    "Ein Parfum, das vielen gefallen soll, muss anschaulich und klar sein. Einfach zu verstehen", das ist sein Konzept für Chanel No. 5 L'Eau.

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