"Islamischer Staat" verdient gutes Geld mit Landwirtschaft

3. Oktober 2016, 09:57
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Studie: In IS-Gebieten zum Teil höhere Erträge als in Regionen unter Regierungskontrolle

Damaskus/Bagdad/Kairo – Neue Technologien machen es möglich, dass Forscher auch in für sie unzugänglichen Kriegsgebieten Daten erheben können. Das haben die Wissenschafter Hadi H. Jaafar und Eckart Woertz mithilfe von Satellitenaufnahmen in einer Studie über die Landwirtschaft im Herrschaftsgebiet der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) getan, die in der akademischen Zeitschrift Food Policy veröffentlicht wurde.

Sie hat ergeben, dass die Landwirtschaft eine immer wichtigere Einnahmequelle für die Terrororganisation darstellt, die derzeit weite Teile der Kornkammern in Syrien und im Irak unter Kontrolle hat.

Stabiler Wirtschaftszweig

In Syrien war die Landwirtschaft immer schon einer der wichtigsten Pfeiler der Ökonomie. Auch der IS hat offensichtlich realisiert, dass die Grundversorgung mit landwirtschaftlichen Produkten seinem Regime in gewissem Maße Rückhalt und Legitimität verleiht. Während die Einkünfte aus Erdöl, Erpressung, Raubzügen, ausländischer Unterstützung und den unterschiedlichsten Formen von Steuern in letzter Zeit aus verschiedenen Gründen wie Bombenangriffen und Gebietsverlusten zurückgingen, konnte die landwirtschaftliche Produktion in den Jahren 2014 und 2015 trotz der zerstörerischen Effekte des Krieges praktisch aufrechterhalten werden.

Die Landwirtschaft stellt in den vom IS gehaltenen Gebieten die vorherrschende ökonomische Aktivität dar. Nach der extremen Dürre von 2014 erholten sich die betroffenen Landstriche 2015 wieder nach reichlichen Regenfällen. Die ersten Indikatoren über die Wintergetreide im Jahr 2016, die mit Satellitenbildern erhoben wurden, zeigen in den irakischen Gebieten eine Ernte, die signifikant über dem Vorkriegsdurchschnitt liegt, während sie in den syrischen Regionen etwas unter dem Durchschnitt bleibt. Der IS produziert in seinem Gebiet mehr Getreide, als die dort lebende Bevölkerung konsumiert, wobei unklar bleibt, was mit dem Überschuss geschieht.

Der IS erhebt Steuern auf die Agrarprodukte, wie an die Öffentlichkeit gelangte Buchhaltungsdokumente der IS-Administration in Deir Ezzor zeigen. Dabei machen Weizen und Gerste einen Anteil von 60 Prozent der Einnahmen aus. Nach Schätzungen von Jaafar und Woertz hat der IS im Jahr 2015 allein mit Getreide 56 Millionen Dollar an Steuern eingenommen. Hinzu kommen andere Produkte, beispielsweise aus der Viehzucht oder vom Baumwollanbau, sowie Einkünfte aus der ganzen Produktionskette wie etwa Verarbeitung, Handel und Lagerung. Der Wert der 2,5 Millionen Tonnen Getreide, die 2015 auf IS-Territorium produziert wurden, entspricht laut der Studie dem Wert der Jahreseinnahmen aus der Ölproduktion, die Ende 2014 und Anfang 2015 ihren Höhepunkt hatte.

Schlüsse für die Zukunft

Wie lange unter den jetzigen Umständen der Anbau von Getreide noch aufrechterhalten werden kann, müssen die Forscher offen lassen. Sie äußern Zweifel an der Nachhaltigkeit und sprechen von "gekaufter Zeit", weil die Produktion von hochwertigem Saatgut unterbrochen ist, was sich bald in sinkenden Erträgen manifestieren dürfte. Für die Zukunft ziehen sie das Fazit, dass alle Wiederaufbauanstrengungen in der Nach-IS-Zeit der Lebensmittelsicherheit eine hohe Priorität einräumen müssten. Dazu zählt insbesondere auch die Wiederherstellung der Angebotsketten für die Landwirtschaft, das heißt vor allem qualitativ gutes Saatgut und Dünger in ausreichender Menge. (Astrid Frefel, 3.10.2016)

  • Während Geldquellen wie Öl im Krieg immer spärlicher fließen, ist die Landwirtschaft eine stabile Einnahmequelle für den IS.
    foto: reuters / ashawi

    Während Geldquellen wie Öl im Krieg immer spärlicher fließen, ist die Landwirtschaft eine stabile Einnahmequelle für den IS.

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