"Der Menschenfeind": Immerzu auf Konfrontationskurs gehen (müssen)

2. Oktober 2016, 16:35
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Dem jungen Regisseur Felix Hafner gelingt am Volkstheater eine achtbare Inszenierung, die auch viel Publikumszuspruch erhalten könnte. Souverän auch die Tourneeproduktion "Mittelschichtblues"

Wien – Die Bussi-Bussi-Gesellschaft geht im Haus der jungen Witwe Célimène ein und aus. Man parliert hinter freundlichen Gesichtern, auch wenn man in Wahrheit nicht alles so wohlwollend meint. Es fördert das friedliche Miteinander, sich bei Kritik zurückzuhalten und beim Champagner nicht. Der französische Komödiendichter Molière (1622–1673) hat diese Gepflogenheiten den Salons seiner Zeit abgehorcht und der verlogenen Gesellschaft mit Der Menschenfeind ein ewig gültiges Denkmal gesetzt.

Am Volkstheater hat der junge Regisseur Felix Hafner diese falschen Konversationen und ihre bitterbösen Reime (Übersetzung: Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens) auf ihre innere Mechanik abgeklopft. Er bringt das Puppenhafte in den Figuren zum Vorschein. Die Herren und Damen kommen im akkuraten Gleichschritt mit gekünsteltem PR-Lächeln über die Showtreppe. Sie haben sogar den Rückwärtsgang drauf. Dass ihr Tun auf diesem Parkett lediglich um Oberflächlichkeit bemüht ist, unterstreicht ein alles umfassender Glitzervorhang (Bühne: Paul Lerchbaumer).

Sonett mit Kassettenrekorder

Es schickt sich also nicht, den anderen die Wahrheit ins Gesicht zu sagen. Aber einer, Alceste (Lukas Holzhausen), tut dies um jeden Preis. Er kann es sich zum Beispiel nicht verkneifen, das Sonett eines verliebten Poeten gründlich zu schmähen. Jeden bitterbösen Vokal seines vernichtenden Urteils poliert er extralang und gelehrig heraus. Indes hätte der arme Dichter (Rainer Galke) sein Innerstes sogar zur Kassettenrekordermusik inbrünstig nach außen gekehrt. Ein schauspielerisches Juwel wie dieses ist ebenso das giftig anschwellende Wortgefecht von Célimène (Evi Kehrstephan) und ihrer "Freundin" Arsinoé (Birgit Stöger), in dem Punschkrapferln eine Rolle spielen. Volkstheater, du hast fabelhafte Spieler!

Felix Hafner, 1992 in Voitsberg geboren, hat im Vorjahr, noch zu Studienzeiten am Max-Reinhardt-Seminar, als Schauspieler die Bühne geentert, in der Rolle des traumwandlerisch sich durch eine Partynacht manövrierenden Transvestiten Micheline in Das Schlangennest, einem Gastspiel am Akademietheater. Wie viel Zutrauen Hafner in das Theater hat, wie scheinbar leichthändig es ihm von der Hand geht, zeigt diese puristische Inszenierung.

Es sind nur wenige Schliffe, die das Stück im Heute verankern, ohne dabei seine Eigenheiten (Reimform, Moralbegriffe etc.) zu verraten. Es sind kleine, oft stumme Gesten, die aus den papierenen Figuren lebhafte Zeitgenossen machen: Nadine Quittner als pragmatische Éliante, Sebastian Klein als schüchtern-gleichmütiger Philinte und die beiden Marquis (Kaspar Locher und Nils Rovira-Muñoz) als Schnöselstudenten im Zwist um die Buhle. Und wenn der Nörgler Alceste, für den man – je nach Sichtweise – erhebliches Verständnis aufbringen kann, zum Einsiedler zu werden gedenkt, um die "Like"-Gesellschaft ganz hinter sich zu lassen, so darf man vermuten, er, mittlerweile barfüßig, wird dort vermutlich vegan werden und auf jeden Kompromiss verzichten.

Rauer Wind im "Mittelschichtblues"

Mit einem überaus soliden Mittelschichtblues gelingt dem Volkstheater am Wochenende – in der Regie von Ingo Berk – ein weiterer respektabler Abend, der nun durch die Bezirke tourt. Das Stück des US-Dramatikers David Lindsay-Abaire (2011) beginnt mit einer frappierenden Kündigungsszene, in der der alleinerziehenden Mutter Margaret (Claudia Sabitzer) wieder einmal der raue Wind ihres Arbeiterbezirks in Boston um die Ohren weht. Der Ein-Dollar-Job ist futsch, wie soll sie sich jetzt um ihre behinderte Tochter kümmern?

Den Teufelskreis der sozialen Segregation zeichnet Berk auf wechselnden Schauplätzen vor einer rostigen Wand (mit abgekratzer Dollarnote) nach: Hinterhof, abgewohnte Küche, Arztpraxis und Villenwohnzimmer (da hat der Rost schon wieder neuen Wert als Industrial Chic).

Dass das Stereotyp der sich aufopfernden Mutter hier kritisch auseinandergenommen wird, dafür steht auch Claudia Sabitzers Spiel ein, die die Bedingungen ihres unfairen Überlebenskampfes sukzessive offenlegt und ihrer Figur eine triumphale Trotzigkeit, ja souveränen Eigensinn verleiht. (Margarete Affenzeller, 2.10.2016)

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"Der Menschenfeind" im Volkstheater

"Mittelschichtblues" in den Bezirken

  • "Der Menschenfeind": Sie haben es verdammt schwer, einander zu mögen (v. re.): Alceste (Lukas Holzhausen), seine Verehrte Célimène (Evi Kehrstephan) und der ebenfalls in sie verliebte Dichter Oronte (Rainer Galke).
    foto: apa / georg hochmuth

    "Der Menschenfeind": Sie haben es verdammt schwer, einander zu mögen (v. re.): Alceste (Lukas Holzhausen), seine Verehrte Célimène (Evi Kehrstephan) und der ebenfalls in sie verliebte Dichter Oronte (Rainer Galke).

  • "Mittelschichtblues": Claudia Sabitzer hat es nicht leicht als alleinerziehende Mutter.
    foto: lupi spuma/volkstheater

    "Mittelschichtblues": Claudia Sabitzer hat es nicht leicht als alleinerziehende Mutter.

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