Antonio Fian: Urinstinkt

2. Oktober 2016, 15:16
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Wien an einem sonnigen Herbsttag. Zwei Herren mittleren Alters bei einem Spaziergang am Donauufer

DER ERSTE: Entschuldige mich einen Augenblick.

DER ZWEITE: Schon wieder? Du warst doch grad.

DER ERSTE: Ich weiß auch nicht, was das ist. In der freien Natur hab' ich immer so einen Druck. (Er verschwindet hinter einem Busch.)

DER ZWEITE: Wahrscheinlich eine Art Urinstinkt.

DER ERSTE: Früher war das nicht.

DER ZWEITE: Früher warst du ein junger Mann. Je älter du wirst, umso panischer musst du dein Revier abstecken.

DER ERSTE: Du meinst, wie die Hunde?

DER ZWEITE: Wie die Hunde, ja.

(Pause. Der Erste, den Reißverschluss seiner Hose schließend, erscheint wieder.)

DER ERSTE: Wie ist das eigentlich bei denen? Machen sie das, damit die Weiberln angezogen werden oder damit die anderen Manderln wegbleiben?

DER ZWEITE: Keine Ahnung. Beides wahrscheinlich.

(Sie gehen weiter. Pause.

Eine Joggerin mit Kopfhörern kommt ihnen entgegen. Sie ziehen ihre Hüte. Die Joggerin läuft ohne Reaktion an ihnen vorbei. Sie blicken ihr nach. Die Joggerin ab. Sie gehen weiter. Pause.)

DER ERSTE: Die Nilpferde, hab' ich gelesen, scheißen den halben Fluss zu, wenn sie ihr Revier abstecken.

DER ZWEITE (bleibt stehen)

DER ERSTE (weitergehend): Nein, nein, keine Sorge. (Vorhang)

Antonio Fian (2.10.2016)

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