Bosnien: Spannendes Rennen in Sarajevo

2. Oktober 2016, 17:18
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Mladen Grujicic könnte Bürgermeister erster bosnisch-serbische Bürgermeister werden – Keine Abstimmung in Mostar

Sarajevo –Nach den landesweiten Lokalwahlen in Bosnien-Herzegowina waren am Sonntagabend viele Augen auf die einstigen bosniakische (muslimische) Enklave Srebrenica gerichtet. Dort waren um den Bürgermeisterposten der derzeitige Amtsinhaber Camil Durakovic (SDA) und der gemeinsame Kandidat mehrerer bosnisch-serbischer Parteien Mladen Grujicic im Rennen.

Grujicic hat am Wahlabend auf Basis von Wahlresultaten in 15 von 27 Wahllokalen seinen Wahlsieg verkündet. Er habe 3.534 Stimmen erhalten, sein Gegenkandidat Durakovic nur 650, erklärte der bosnische Serbe.

Warten auf Briefwahl-Stimmen

Aus dem SDA-Wahlstab verlautete unterdessen, dass es gelte, noch 3.700 Stimmen jener Wähler auszuzählen, die per Post oder in Abwesenheit für den Bürgermeister Srebrenicas abgestimmt hätten. Es geht um die einstigen bosniakischen Stadteinwohner, die seit dem Kriegsende im Jahre 1995 nicht mehr in Srebrenica leben.

Sollte Grujicic Recht behalten, wäre er der erste bosnisch-serbische Bürgermeister der einstigen muslimischen Enklave. Nach der Einnahme der Kleinstadt durch bosnisch-serbische Truppen im Juli 1995 wurden in der Umgebung von Srebrenica rund 8.000 muslimische Stadteinwohner brutal ermordet. Ihre Familienangehörigen versammeln sich alljährlich am 11. Juli zu einer Gedenkfeier im naheliegenden Potocari, wo die Massakeropfer begraben wurden. Der Gedenktag werde auch künftig wie bisher begangen werden, erklärte Grujicic am Sonntagabend.

Dodik-Wahlsieg erwartet

Den vorläufigen, inoffiziellen Wahlresultaten zufolge durfte in der kleineren bosnischen Entität, der Republika Srpska, der Bund der Unabhängigen Sozialdemokraten (SDSN) von Milorad Dodik erneut als stärkste Partei hervorgegangen sein. Der Chef der Serbischen Demokratischen Partei (SDS) Mladen Bosic hat am Abend enttäuschende Resultate für seine Partei bestätigt, ohne Konkreteres zu nennen.

Banja Luka, das Verwaltungszentrum der Republika Srpska, bleibt offenbar in den Händen der Partei Dodiks. Ihr Bürgermeisterkandidat Igor Radojicic hat die Wahl gegen den Oppositionskandidaten Dragan Cavic, offenbar überzeugend gewonnen.

In Sarajevo hat die Partei der Demokratischen Aktion (SDA) von Bakir Izetbegovic, Mitglied der dreiköpfigen Staatsführung, nach eigenen Angaben überzeugend gewonnen. Die SDA stehe in acht von neun Bezirken in Führung, hieß es in der Partei.

Die HDZ, die führende Partei der bosnischen Kroaten, hat nach eigenen Angaben 18 Bürgermeisterposten errungen, um einen mehr als bisher.

Laut Amtsangaben lag die Wahlbeteiligung bei knapp 54 Prozent, dabei in der Bosniakisch-Kroatischen Föderation bei gut 50 Prozent und in der Republika Srpska bei knapp 60 Prozent.

Unregelmäßigkeiten

Bei den Lokalwahlen in Bosnien-Herzegowina wurden am Nachmittag erste Unregelmäßigkeiten gemeldet. In Stolac, einer Kleinstadt in dem größeren Landesteil, der Bosniakisch-Kroatischen Föderation, wurde um 16.00 Uhr die Stimmabgabe vollkommen eingestellt, meldeten Medien in Sarajevo.

In der gesamtstaatlichen Wahlkommission wurde die Einstellung des Urnengangs in der Kleinstadt mit rund 18.000 Einwohnern bestätigt. Die Gründe schienen zuerst aber nicht gänzlich klar zu sein.

Fünf Stunden Verspätung

Bereits in den frühen Morgenstunden hatte es Probleme in der von Kroaten und Bosniaken (Muslime) bewohnten Kleinstadt gegeben. In einem Wahllokal konnte der Urnengang erst nach einer fünfstündigen Verspätung aufgenommen werden. Der unmittelbare Grund für die Einstellung des Urnenganges am Nachmittag schien allerdings der Austausch von mehreren bosniakischen Mitgliedern der Wahlkommissionen in einzelnen Wahllokalen gewesen zu sein.

Nach Angaben der gesamtstaatlichen Wahlkommission haben am heutigen Urnengang bis 11.00 Uhr landesweit knapp 17 Prozent der 3,2 Millionen Stimmberechtigten teilgenommen. Um 3.136 Gemeinderatsplätze ringen etwa zehnmal mehr Kandidaten. In der herzegowinischen Stadt Mostar, wo die Wahlen erneut nicht stattfinden, wurde von einer nicht-staatlichen Organisation eine symbolische Stimmabgabe organisiert. (APA, 2.10.2016)

  • Wahlplakate in Srebrenica.
    foto: apa/afp/elvis barukcic

    Wahlplakate in Srebrenica.

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