Weinberge und Olivenhaine: Ein archäologischer Sommer in der Toskana

Blog6. Oktober 2016, 08:00
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Wie verbringen Archäologen ihren Sommer in Italien? Mitarbeiter der Universität Wien schildern, wie ein archäologisches Forschungsprojekt abläuft

Das Team um Professor Günther Schörner von der Universität Wien betreibt im Rahmen des Vienna Orme and Pesa Valley Project archäologische Grundlagenforschung in der Toskana. Ziel ist es, die ländliche Besiedelung besonders in römischer Zeit (150 v. Chr. bis 400 n. Chr.) in den Tälern und angrenzenden Hügelländern der Flüsse Orme, Virginio und Pesa zu erforschen. Für die Durchführung werden verschiedene Methoden kombiniert. Dadurch können für die Vergangenheit sowohl die Landschaft, etwa alte Flussverläufe, als auch Siedlungsformen wie ländliche Güter und Landnutzung rekonstruiert werden.

Zuletzt fand im August und September eine umfangreiche dreiwöchige Kampagne statt, bei der ein österreichisch-deutsch-amerikanisches Team von 17 Archäologen der Universität Wien Feldforschungen in der sommerlichen Toskana unternahm. Drohnen für Videos der Fundplätze befanden sich dafür ebenso im Gepäck wie tausende "Fundsackerln" für das archäologische Fundmaterial und die Erdproben.

Ein Arbeitstag in der Toskana

Nachdem die Ersten bereits um 6 Uhr von des Nachbarn Hahn geweckt worden sind, trifft man sich, noch etwas schlaftrunken, in der nahe gelegenen Bar zum Frühstück. Mit doppeltem Espresso, dazu ein mit Vanillecreme gefülltes Cornetto, startet man in den Tag.

Um 7.30 Uhr beginnt der Arbeitstag mit der Besprechung der Tagesplanung. Darauf erfolgt die Verladung des umfangreichen Equipments in die Fahrzeuge – hochpräzise Vermessungsinstrumente, Action-Camcorder, wasserfestes Spezialpapier und Bohrer für Erdproben müssen sicher in den Transportmitteln untergebracht werden. Im Anschluss teilen sich die Archäologen in unterschiedliche Teams auf, die gleichzeitig an verschiedenen Orten unterschiedlichste Projekte verfolgen.

Während sich die einen zur geoarchäologischen Probenentnahme mittels Bohrungen nach Podere Piano aufmachen, geht es für andere zur Ausgrabung nach Molino San Vincenzo. Wieder andere fertigen Luftbilder und 3D-Modelle verschiedener Fundplätze an. Der größte Teil des Teams aber macht sich zum Survey – dem systematischen Aufsammeln archäologischer Oberflächenfunde – an vielen verschiedenen Orten im Projektgebiet auf.

Forschen in einer Postkartenlandschaft

Auf der Fahrt bewundern besonders die neuen Mitarbeiter des Surveyteams die pittoreske Postkartenlandschaft. Begleitet von den italienischen Charts aus dem Radio, werden nach Ankunft im Untersuchungsgebiet, das vor allem aus Ackerland, Weingärten und Olivenhainen besteht, die regelmäßig angelegten Surveyfelder mittels GPS vermessen und die nun zu begehenden Flächen mit Fluchtstangen markiert. Acht Archäologen suchen im Anschluss systematisch entlang vorgegebener Pfade die Messflächen ab und sammeln alle archäologischen Funde ein. Ist das eine Feld beendet, wartet schon das nächste. Um einen möglichst vollständigen Eindruck der archäologischen Landschaft zu erhalten, finden die Untersuchungen sowohl im Umfeld bekannter Fundplätze als auch im dazwischen liegenden freien Gelände statt.

Das archäologische Material wird säuberlich verpackt und mit Formularen versehen, die Auskunft über Ort, Datum, Fundanzahl und viele weitere Informationen geben. Die Ergebnisse sind dabei unterschiedlich – während es in manchen Feldern zu keinem einzigen Fund kommt, zählt man in anderen hunderte: Ziegel, Glasscherben, Gefäßfragmente, Steinartefakte und Metallfunde von der Stein- bis in die Neuzeit.

Hunderte Kilogramm an Artefakten

Auf diese Weise können in drei Wochen etwa 600.000 Quadratmeter untersucht und tausende archäologische Funde aufgesammelt werden. Trotz der hunderten Kilogramm an Artefakten besteht aus wissenschaftlicher Neugier heraus bis zuletzt eine stetige Freude am Auffinden, fast wie bei der Ostereiersuche. Im Gegensatz zu Ostereiern ist das archäologische Material allerdings zumeist nicht bunt, weshalb es schwierig ist, dieses am Erdboden auszumachen.

Eine weitere Erschwernis stellt die Hitze dar, die jedoch hartgesottene Archäologen nicht unterkriegen kann. Hinsichtlich der Bekleidung passt man sich den gegebenen Umständen an. In der Toskana belässt man es zudem bei äußerst grob gepflügten Feldern mit metergroßen Schollen, die eine regelmäßige Begehung eher zu einem Hindernislauf ausgestalten. Trotz des hohen Sturzpotenzials müssen glücklicherweise keine Verletzten beklagt werden. Nach großen Feldern, wenn alle Taschen und Rucksäcke voll mit Funden sind, müssen diese sortiert und in den Fahrzeugen verstaut werden, während einige Teilnehmer sich zwischenzeitlich auf die Suche nach auf dem Feld zurückgebliebenen Ausrüstungsgegenständen machen.

Kartenspiel und Rotwein

Am Abend geht es nach einem langen Arbeitstag im Feld zurück in die Unterkunft. Dort teilt sich das Surveyteam in der Regel in zwei Hälften: Die einen tragen die aktuellen Ergebnisse in die Funddatenbank ein, die anderen kümmern sich um das leibliche Wohl der Gruppe und kochen das Abendessen, wenn nicht doch die örtliche Pizzeria aufgesucht wird.

Bis dahin sind auch die Mitglieder der anderen Teams wieder in der Unterkunft eingetroffen: Die "Bohrer" sortieren auf der Dachterrasse der benachbarten Bauruine die Erdproben zum Trocknen, das Grabungsteam lädt die Akkus der Vermessungsgeräte für den nächsten Arbeitstag, die Drohnenpiloten berechnen aus Landschaftsbildern 3D-Modelle der Surveyflächen und Grabungsschnitte. Wenn diese Aufgaben ebenfalls beendet sind, klingt der Tag in geselliger Runde bei Kartenspiel und einem Gläschen toskanischem Rotwein aus.

Hoch die Hände: Wochenende

Am Wochenende startet das Team in die wohlverdiente Freizeit: Zunächst entspannt man am kühlen Pool, danach beschließt man die erfolgreiche Arbeitswoche mit einem Grillfest. Anstatt sonntags auszuschlafen, ziehen die Teammitglieder frühmorgens aus, um kulturelle Zentren wie Arezzo, Assisi, Bologna und Florenz zu erkunden. So gibt es doch auch etwas Urlaubsfeeling und Erholung. Am nächsten Tag heißt es dann aber wieder früh raus und ab aufs Feld! (Dominik Hagmann, Felix Eder, Thomas Leutgeb, Nicole Rottensteiner, 6.10.2016)

Dominik Hagmann ist Archäologe, Felix Eder, Thomas Leutgeb und Nicole Rottensteiner sind studentische Mitarbeiter am Institut für Klassische Archäologie der Universität Wien. Sie sind alle am Institut für Klassische Archäologie der Universität Wien und im Rahmen des Vienna Orme and Pesa Valley Project in der Toskana tätig. Seit Februar 2015 widmet sich das vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung finanzierte Projekt der Erforschung des ländlichen Etrurien, einer der am wenigsten bekannten Regionen des römischen Italien.

Links

  • Interaktive Karte des Projektgebiets.

  • Das Surveyteam, aufgenommen mit einer DJI Phantom 4 (von links): Felix Eder, Thomas Leutgeb (erste Reihe), Sarah Defant, Nicole Rottensteiner, Mona Baumgarten, Sabrina Leixnering (zweite Reihe), Florian Oppitz, Sebastian Gradauer (dritte Reihe), Hadwiga Schörner (ganz hinten).
    foto: dominik hagmann, andreas steininger

    Das Surveyteam, aufgenommen mit einer DJI Phantom 4 (von links): Felix Eder, Thomas Leutgeb (erste Reihe), Sarah Defant, Nicole Rottensteiner, Mona Baumgarten, Sabrina Leixnering (zweite Reihe), Florian Oppitz, Sebastian Gradauer (dritte Reihe), Hadwiga Schörner (ganz hinten).

  • Mitarbeiter beim Sortieren der Surveyfunde in Molino San Vincenzo.
    foto: thomas leutgeb

    Mitarbeiter beim Sortieren der Surveyfunde in Molino San Vincenzo.

  • Panoramafoto des Fundplatzes Piazzano.
    foto: dominik hagmann

    Panoramafoto des Fundplatzes Piazzano.

  • Drohnen-Luftbild mit eingezeichnetem Raster für den Survey in Il Cotone.
    foto: dominik hagmann, andreas steininger

    Drohnen-Luftbild mit eingezeichnetem Raster für den Survey in Il Cotone.

  • Funddokumentation in den Weinbergen Piazzanos.
    foto: thomas leutgeb

    Funddokumentation in den Weinbergen Piazzanos.

  • dominik hagmann

    Zeitraffervideo des Surveys und die Freilegung der Grabungsschnitte in Molino San Vincenzo, aufgenommen mit einer Gopro Hero 4 Silver.

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