"Fever Room": Wie im Traum im dampfenden Dschungel stehen

30. September 2016, 17:10
posten

Apichatpong Weerasethakul beeindruckt beim Steirischen Herbst mit seiner ersten Theaterarbeit

Graz – Er habe sich früher besser an seine Träume erinnern können, erzählt ein Soldat namens Itt. Früher, als er noch jünger war. Itt ist eine Figur aus Cemetery of Splendour, dem jüngsten Film des thailändischen Regisseurs Apichatpong Weerasethakul.

Itt teilt seine Traumsequenzen, die im Film von stillen, intensiven Bildern begleitet werden – etwa von Bootsfahrten und schweigenden Menschen am Ufer des Mekong, Standbildern aus Parks, von Pflanzen, Tieren und Menschen -, mit Frau Jen. Laut dem Regisseur ist sie eine ehrenamtliche Helferin, die den Soldaten als Medium unterstützt. Über allen Bildern, die die beiden ruhig kommentieren, scheint etwas wie Morgentau zu liegen, wie über dem Moment, da man langsam vom Schlaf in das Wachsein wechselt.

Für den Steirischen Herbst kombinierte der als erster Thailänder bei den Filmfestspielen in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnete Weerasethakul den Film mit dem Stück Fever Room, seiner ersten Theaterarbeit überhaupt. Das mehr als gelungene Experiment wurde am Donnerstag und Freitag insgesamt sechsmal in Graz gezeigt, 40 Personen durften jeweils nur in den dunklen Raum, um sich auf eine Reise zwischen den erzählten Wahrnehmungsebenen zu begeben.

Im ersten Teil fand man sich als Zuseherin auf der nach allen Seiten geschlossenen und völlig abgedunkelten Bühne des Grazer Orpheums wieder. Auf vier Leinwänden auf drei Seiten dieses Gevierts wurden verschiedene Teile des Films projiziert. Das Publikum saß und lag zwischen den Leinwänden am Boden. Nach einer knappen, fast meditativen Stunde passiert etwas Unerwartetes. Die Wand vor der vierten Wand – man hatte ganz vergessen, auf einer Bühne zu sitzen – wird hinaufgezogen, und man blickt in den menschenleeren, aber dramatisch mit Licht, Nebel und einer Straßenlaterne inszenierten Publikumssaal. War man schon vorher nicht sicher, wann Itt träumt und wann er vom Träumen erzählt, wird man nun selbst vom Zusehenden zum betrachteten Objekt.

Silhouetten schleichen

Weerasethakul nimmt einen zuerst – umzingelt von Leinwänden und vollkommener Beschallung – völlig in seinem Film gefangen, um einen dann in eine zweite – ebenso erfundene – "Wirklichkeit" zu stoßen. Mit diesem raffinierten Dreh holt er das Publikum von einer Wahrnehmungsebene auf die andere. Der große leere Publikumsraum, dem es das Dach weggerissen zu haben scheint, der beschallt von Naturgeräuschen aus dem Film wie in einen dampfenden Dschungel verwandelt wirkt, ist plötzlich da, wie die Sterne, die eigentlich immer da sind, aber tagsüber nur für die Augenblicke einer totalen Sonnenfinsternis sichtbar werden.

In diesem Raum bespielt nun Weerasethakul Lichtkegel mit Nebelschwaden, zieht Böden in die Luft, über die man vage die dunklen Silhouetten von Geisterwesen schleichen sieht. Durch verschiedene Lichtkörper entstehen Himmelsstücke und Meeresbrandungen, es steigen Wolken aus dem Boden auf wie Flaschengeister.

Man kommt nicht umhin, darüber nachzudenken, wer hier im Fever Room liegt: Itt, die Geisterwesen seiner Träume oder das Publikum selbst, dass im letzten Fall selbst zu einem Traum, zu einem Stück im Stück gemacht worden wäre.

Oder einem Stück im Film, denn einer der Lichtkegel, der aus dem Saal des Orpheums kommend Bilder in die Luft schnitzt, sieht aus wie der eines Filmprojektors. Für welche Erzählung man sich entscheidet, lässt Weerasethakul offen. Wie auch immer: Hier hat er nicht nur im sprichwörtlichen Sinn großes Kino für das Theater geschaffen. (Colette M. Schmidt, 30.9.2016)

Steirischer Herbst

Nächste und letzte Termine am 30. 9. um 19.30 und 22.30 Uhr

  • "Fever Room" von Apichatpong Weerasethakul in Graz.
    foto: steirischer herbst

    "Fever Room" von Apichatpong Weerasethakul in Graz.

Share if you care.