Das Geheimnis des Erfolges

2. Oktober 2016, 08:00
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Sie müssen "Österreich" auch die nächsten zehn Jahre nicht lesen. Inserieren genügt

Sie müssen "Österreich" auch die nächsten zehn Jahre nicht lesen. Inserieren genügt. Denn wenn der große österreichische Medien-Player bis 2026 nicht schon wieder ein neues Medium der Zukunft gegründet hat, bekommen Sie alles, was sich bis dahin an Magic Moments im Blatt ansammelt, so wie schon nach den ersten zehn Jahren, auf zweihundert Seiten kompress geliefert. Sie blättern das große Extra in einer halben Stunde durch, und ein Jahrzehnt Ihres Lebens ist gerettet, ohne dass Sie auch nur ein Fitzelchen von Bedeutung versäumt hätten.

Humanistische Ideale

Glaubt man Wolfgang Fellner, dann ist der Spitzname des Erfolgs Wolfgang Fellner. Was der Mann angreift, wird zu Schund. Da kann er auf jede Kleinlichkeit verzichten und das Geheimnis des Erfolges ohne weiteres preisgeben, weil es ohnehin allgemein bekannt ist. Die Idee war, die Tageszeitung nicht mehr nur zu verkaufen, sondern sie – wie damals in den ersten Städten Europas schon zu sehen – via U-Bahn und Öffis an ein junges, urbanes Publikum gratis abzugeben. Gratis abgeben klingt besser als verschleudern, aber man sollte die damit verbundenen humanistischen Ideale des großen Medienträumers nicht unterschätzen: Er wolle mit der Verschleuderung nicht nur viele Tausende junge Leser gewinnen, sondern sie via Zeitung auch an das Internet-Portal heranführen.

Pädagogischer Eros

Von einem derartigen pädagogischen Eros gepeinigt, muss man in Österreich auch noch mit anderen Feinden rechnen. Hatte Wolfgang Fellner seinen Start in der Magazin-Szene als Underdog geschafft und alle großen Verleger im Land mit dem "News"-Erfolg schlicht überrascht – so war die ganze Branche nun alarmiert, einen Fellner-Einstieg in den Tageszeitungs-Markt mit allen Mitteln zu verhindern, berichtete Wolfgang Fellner in einem Interview mit sich selbst, das auch wirklich stattgefunden haben dürfte.

Als Erster zur Verhinderung alarmiert, wurde Hans Dichand aktiv, ein anderer Praeceptor Austriae. Er sah die kommende Fellner-Zeitung wegen ihres Gratis-Vertriebs als "lebensgefährliche Bedrohung der Krone" – und wollte unbedingt vor dem "News"-Gründer seine eigene Gratis-Zeitung starten.

Historische Mission

Das gelang ihm nicht ganz, aber es reichte, um Fellner an der Erfüllung einer historischen Mission zu hindern – die "Krone" gibt es immer noch. Dichand startete mit einem bis heute undurchschaubaren Stiftungs-Netzwerk im Umfeld der beiden Wiener Politiker Werner Faymann und Michael Häupl die Gratis-Zeitung "Heute". Schlimmer noch: In der Folge bildete sich ein klar rechtswidriges Kartell aller "Alt-Verleger" gegen den jungen "Innovator", wobei dessen Jugend nicht ihre Hauptsorge war.

Wie das Zehn-Jahr-Jubiläum beweist, hatte das Kartell keine Chance, denn nach der Verschleuderung gebar der junge Innovator schon wieder eine bahnbrechende Idee – den "Österreich"-Newsroom: eine gemeinsame Chefredaktion steuert die News aus einem Innenkreis, die Ressorts gehen wie Fahrrad-Speichen auseinander.

Fahrradspeichen des Erfolgs

Das merkt man der Berichterstattung durchaus an. Sollte das Geheimnis des Erfolges von "Österreich" nicht in der Gratisverbreitung bis ins Kanalnetz bestehen, dann kann es nur an den wie Fahrrad-Speichen auseinandergehenden Ressorts liegen. Es gab jede Menge Glückwünsche aus diversen Sparten des gesellschaftlichen Lebens in unterschiedlicher Intensität.

So glänzte der Bundeskanzler, der sein zehnjähriges Jubiläum im Amt noch vor sich hat, mit der erwartungsfrohen Zeile: Runde Geburtstage sind die schönsten! So weit wollten weder der Vizekanzler noch der Finanzminister gehen. Elegisch eher der Umweltminister: Schon der 10. Geburtstag – wie die Zeit vergeht. Die Familienministerin bewies Ressorttreue mit der Feststellung: Kompakte Neuigkeiten für die ganze Familie über aktuelle Geschehnisse in unserem Land erfährt man in "Österreich". Ob sie dabei an die Berichte über die Familie Lugner gedacht hat, blieb offen.

Eva Glawischnig betete Fellners Lobeshymnen auf sich selbst nach, hoffentlich hilft's. Von angenehmer Trockenheit Conchita Wurst: Herzlichen Glückwunsch zu 10 Jahren "Österreich". Hoffentlich schadet's künftig nicht, zierte sie doch zentral das Titelblatt der Jubiläumsbeilage, um über die Seiten 4 und 5 gleich noch einmal in einem Rosenmeer zu schwelgen. Christina Lugner pries den perfekten Mix einschließlich natürlich meiner geliebten Society.

Nur die auseinandergehenden Fahrrad-Speichen pries keiner.

(Günter Traxler, 2.10.2016)

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