Wer Menschen in Not hilft und wer in der Gefahr nur an sich selbst denkt

30. September 2016, 20:33
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Experiment zeigt: Die meisten von uns würden helfen und einige sogar mehr als in harmlosen Alltagssituationen

Berlin – Hilfsbereitschaft ist ganz besonders im Notfall stark von der Persönlichkeit abhängig. Wissenschafter vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung konnten in einer aktuellen Studie nachweisen, dass Gefahrensituationen oft das Beste, manchmal aber auch das Schlechteste aus den Menschen hervorholen können.

Die Ergebnisse legen nahe, dass besonders soziale und uneigennützige Menschen in Notsituation oft mehr helfen als in Alltagssituationen, während Menschen, die zu Egoismus tendieren, hier weniger hilfsbereit sind. "Notsituationen scheinen somit die ursprüngliche Tendenz zur Kooperationsbereitschaft einer Person zu verstärken", sagt Mehdi Moussaïd, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsbereich "Adaptive Rationalität" des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung.

Zu diesen Resultaten kamen die Forscher, indem sie 104 Probanden Szenarien am Computer durchspielen ließen. Bei dem von ihnen entwickelten "Helfen oder Flüchten-Dilemma-Spiel" mussten die Probanden unter finanziellem und zeitlichem Druck in zwei verschiedenen Situationen – einer alltäglichen und einer Gefahrensituation – entscheiden, ob sie Zeit verlieren, um anderen zu helfen, bevor sie zum Ziel kommen oder sich selbst in Sicherheit bringen. Nach dem Spiel machten die Forscher mit den Probanden einen Test, um ihre soziale Wertorientierung zu bestimmen. Dabei kategorisierten die Wissenschaftler, ob die Probanden eher zu prosozialem Verhalten oder zu Individualismus tendierten.

Zug versäumen oder ums Leben kommen

Das erste Szenario spielte in einer alltäglichen Situation am Bahnhof. Ziel war es, einen Zug zu erreichen. Der Zeitrahmen für das Spiel war 60 Sekunden. Als Erfolgsbonus lockte 1 Euro, während bei Misserfolg keine Konsequenzen drohten. In der Situation trafen die Probanden auf dem Weg zum Bahnsteig auf acht andere Reisende, die jeweils ihre Hilfe benötigten, um zu ihrem Zug zu finden. Die Probanden hatten die Wahl, per Knopfdruck zu helfen oder das Spiel zu beenden (zu "flüchten"), was in der Realität dem direkten Weg zu ihrem Bahnsteig entsprochen hätte. Ob sie den Zug pünktlich erreichten, bestimmte allerdings im Anschluss der Computer, und zwar abhängig davon, wann die Probanden das Spiel verließen. Das frühzeitige Verlassen des Spiels erhöhte dabei die Erfolgschancen. Umso mehr Menschen sie halfen und umso mehr Zeit verging, desto geringer wurde ihre Chance, das Spiel zu gewinnen.

Das zweite Szenario stellte eine Notsituation in einem Bahnhof dar. Nach einer Explosion musste das Gebäude so schnell wie möglich verlassen werden. Dafür hatten die Probanden lediglich 15 Sekunden und es drohte ihnen der Verlust von 4 Euro, falls sie es in der vorgegebenen Zeit nicht schafften. Bei Erfolg wurde kein Bonus in Aussicht gestellt. Um die Extremsituation zu unterstreichen, wurde die Situation auf dem Bildschirm mit einem rotblinkenden Rahmen dargestellt. Auch hier waren wieder acht andere Reisende eingeblendet, die jeweils Hilfe benötigten, der übrige Spielablauf war wie im ersten Szenario.

Hilfsbereiter als im Alltag

Insgesamt betrachtet, halfen alle Probanden in der Notsituation weniger, da sie unter Zeitdruck standen. Mit Blick auf den einzelnen Probanden und dessen sozialer Wertorientierung zeigte sich jedoch, dass in der Notsituation eher diejenigen Probanden halfen, die zu uneigennützigem und prosozialem Verhalten tendierten. 44 Prozent von ihnen verhielten sich in der Notsituation sogar hilfsbereiter als in der harmlosen Alltagssituation. Bei den Probanden mit eher egoistischem Verhalten war das Gegenteil der Fall: Bei 52 Prozent von ihnen verringerte sich die Hilfsbereitschaft in der Notsituation.

"Unser Spiel bietet einen neuen Weg, menschliches Kooperationsverhalten in Extremsituationen zu untersuchen. Es könnte helfen, Gruppenverhalten während Massenpaniken besser zu verstehen und dies zum Beispiel in Evakuierungspläne einfließen zu lassen", sagt Moussaïd. (red, 30.9.2016)

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