Glosse "Wortkunde": Österreich

Glosse2. Oktober 2016, 10:00
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So heißt einerseits ein kleines Land in Europa, aber wir reden natürlich von der medialen Großmacht, der gleichnamigen Zeitung

Österreich. So heißt einerseits ein kleines Land in Europa, aber wir reden natürlich von der medialen Großmacht, der gleichnamigen Zeitung. Dieses "Österreich" ist zehn Jahre alt geworden. Alles, alles Liebe, Bussi. Man liebt "Österreich", es ist so putzig und bunt, bist du narrisch, wie ein Malkasten nach dem Kindergeburtstag.

Seinem Alter entsprechend, hat "Österreich" eine lebhafte Fantasie. Es hat sogar Interviews mit Menschen geführt, die das gar nicht gemerkt haben. Probleme hat es auch damit, Ereignisse gemäß ihrer Relevanz einzuordnen. Da wird manch ein Wind mittels Schriftgröße und Megajargon auf Erste-Mondlandung-Niveau gehoben, obwohl es eher ein erstes Mal auf dem Topferl war.

Aber natürlich ist das irgendwie süß, weil man ja weiß, dass "Österreich" aus dem besten Elternhaus des Universums stammt. Da ist Bescheidenheit genetisch kein Thema. Es wurde nach Strich und Beistrich verwöhnt. Daraus resultiert leider eine gewisse Wehleidigkeit bei Kritik sowie ein Hang zum Trotz. Denn es hat auch gelitten, das arme "Österreich", Entfremdung und Entbehrung kennenlernen müssen. Erst kürzlich, wegen dem Werner Faymann.

Der war jahrelang ein lieber Onkel von "Österreich", aber jetzt lässt er sich nicht mehr blicken. Der Onkel hat zwei neue Berufe, also eigentlich nur Jobs, weil man einen Beruf ja lernen muss. Der Onkel ist jetzt was mit Lobby und, ganz toll, Sonderbeauftragter bei der Uno. Dafür kriegt er einen Dollar im Jahr. Angesichts seiner Qualifikation muss man sagen: gar nicht schlecht verhandelt.

Aber "Österreich" ist beleidigt, weil der Onkel weg ist. Der war so gut zu ihm und hat ihm viele Geschenke gemacht, immer was ins Sparschwein gesteckt oder sogar selber etwas in die Zeitung hineingeschrieben, ach, goldenen Zeiten! Aber gut, alles ändert sich, und wenn man zehn ist, schaut man nicht zurück, sondern nach vorn. Oder öffnet die Geburtstagsgeschenke. Und siehe da: "Österreich" hat ein neues Spielzeug gekriegt. Einen eigenen TV-Nachrichtenkanal, megageil. So eine Art Disney Channel. Märchen, rund um die Uhr. Voll super. (Karl Fluch, 2.10.2016)

  • Man liebt "Österreich", es ist so putzig und bunt, bist du narrisch, wie ein Malkasten nach dem Kindergeburtstag.
    foto: matthias cremer

    Man liebt "Österreich", es ist so putzig und bunt, bist du narrisch, wie ein Malkasten nach dem Kindergeburtstag.

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