Bubenmamas oder eine lange Theorie zur kurzen Hose

Blog2. Oktober 2016, 08:00
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Manchmal mache ich mir Gedanken über Prinz George und darüber, warum er immer kurze Hosen trägt. Vielleicht ist die Erklärung dafür ganz einfach

Der englische Thronfolger in der dritten Generation tut mir manchmal leid. Diesem entzückenden Dreijährigen, der immer so lustige Pullover trägt, die ich gerne auch in meiner Größe kaufen würde, muss oft kalt sein. Er trägt nämlich immer, gleich, ob es Winter, Sommer, Frühling oder Herbst ist, gleich, ob er aus Flugzeugen in Kanada aussteigt, im Garten herumtobt, seine Schwester zur Taufe begleitet oder für Herbstfotos draußen posiert, eine kurze Hose. Eine KURZE Hose.

Gründe für Kurzbehostheit

Warum ist das so? Vielleicht finden seine Eltern, dass die kurze Hose fürs Foto einfach entzückend ausschaut, und Prinz George darf nach dem Garten-Herbst-Foto sofort wieder in eine warme Jogginghose schlüpfen. So wie Models bei Filmpremieren im Jänner im verschneiten Berlin. Das Kleid gibt’s halt nur in ärmellos und mit Vorder- und Rückenausschnitt bis zum Bauchnabel bzw. Popo. Und hinter dem roten Teppich wartet schon jemand mit dem Daunenmantel.

Wie lange wird es dauern, bis Prinz George lange Hosen tragen darf, und wer bestimmt diese Regel? Die Süddeutsche Zeitung glaubt, es herausgefunden zu haben. Die Königshausexperten und -expertinnen sind es, die uns diese diffizilen Regelungen der Erziehung von Prinzen und Prinzessinnen erklären. Ein anspruchsvoller Job, vor allem in den vergangenen Jahren, in denen gefühlt jedes Monat irgendein adeliger Spross, Thronfolger, Baron, Erbprinz aus Monaco, Schweden oder England geheiratet hat. Diese Sendungen liebe ich übrigens, weil es sonst nicht vorkommt, dass Karl Vocelka auf ORF2 eine Geschichtenachhilfestunde gibt.

Ein "richtiger" Bub?

Jedenfalls, abseits der kurzen Hosen, frage ich mich, ob Prinz George auch ein "richtiger" Bub ist – wenn es so etwas überhaupt gibt. Jedenfalls: ein Bub, der mit dem Fuß aufstampft. Der Chima, Bionicle, Ninja Turtles und Spiderman fehlerfrei aussprechen kann, noch bevor er ansatzweise "Karotte" oder "Kindergarten" sagt. Direkt nach den Worten "Mama" und "Papa" bekommen kleine Buben offenbar einen Crashkurs mit einem Legowerbeheft und den fünf beliebtesten Disney-Charakteren. Wo und von wem, weiß ich nicht, aber sie kennen das alles – plötzlich und ohne Vorwarnung.

Und während man als Mama noch damit beschäftigt ist, sich Gedanken über geschlechtergerechte Erziehung zu machen, verlangt der Bub schon nach einer Ninjago-Figur. Obwohl er gleichzeitig rosa liebt und eine "Hello Kitty"-Jausenbox zum Geburtstag will. Keine Angst, sehr bald wird irgendjemand aus seiner außerfamiliären Umgebung ihm erklären, dass rosa eine Farbe für Mädchen ist und die "Hello Kitty"-Jausenbox ausgemustert werden muss. Sie geht jetzt mit Mama in die Arbeit, wo sie nicht so viel Aufsehen erregt und der kleine Bub mag dann die ungefährlichere Farbe rot, anstelle des vieldiskutierten rosa.

Leben als "Bubenmama"

Als Mama eines Buben lernt man viele spannende Dinge. So muss man sich um die letzte Spiderman-Figur bei Toys’r’us am 23. Dezember streiten. Man muss auch mindestens vier Fleischfresser aus der Urzeit benennen kennen und eine Jahreskarte für den Besuch des beweglichen, fauchenden Dinosauriers im Naturhistorischen Museum vorweisen. Bubenmamas müssen auch mit Lego- und Playmobilfiguren kämpfen können, ohne, dass bei jedem Kampfesstoß Köpfe oder andere Gliedmaßen abbrechen oder das Schwert aus der Hand gerissen wird. Auch der allabendliche Aufbau der täglich völlig zerstörten Ritterburg ist ein Expertinnenwissen, das sich Bubenmütter recht rasch aneignen. Ach ja: Allosaurus, Tyrannosaurus Rex, Velociraptor und Torvosaurus, übrigens.

Außerdem müssen Bubenmamas antibiotische Augensalbe in entzündete Vorhautverengungen spritzen können und wunde Kindergartenpopos gesund pflegen. Sie dürfen nie, nie, nie ihre Söhne auslachen, denn das wird mit Liebesentzug bestraft. Sie müssen cool bleiben, wenn der Sohn nicht mehr kuscheln will, weil "Mama, jetzt lass mich bitte endlich in Ruh mit den Bussis", und dürfen gleichzeitig nicht hinterfragen, warum der eigene Sohn dennoch Nacht für Nacht aufgrund der übergroßen Gefährdung durch die Dunkelheit im eigenen Kinderzimmer nur in Mamas Armen und Mamas Bett schlafen kann.

Es folgt: Liebesentzug

Diese Mama-Arme, die sich tagsüber nie um seinen Hals legen dürfen, das könnte ja von den eigenen Freunden als Peinlichkeit ausgelegt werden. Scheinbar gibt es auch eine genetische Programmierung, die Buben alles, was sie in die Hände bekommen, zur Waffe umfunktionieren lässt. Ohne jemals davor zuhause eine ebensolche gesehen oder darüber gehört oder gar gelesen zu haben. Bubenmamas müssen auch beim Mensch-ärgere-Dich-nicht verlieren können, dürfen selbst aber nie einen Kegel des Sohnes ins Aus befördern. Darauf folgt strenger Liebesentzug.

Ebenso auf anderes Fehlverhalten von Müttern, wie öffentliche Maßregelung infolge einer Rauferei oder Nicht-Kauf eines Schokopuddings im Supermarkt. Außerdem müssen Bubenmamas immer das Spiderman-Leiberl und diese eine spezielle Jeanshose mit den Grasflecken gewaschen haben, damit beides jederzeit anziehbereit im Kasten liegt.

Moment.

Vielleicht will die Mama von Prinz George ihm gar nie die kurze Hose anziehen. Vielleicht glaubt sie auch, dass ihm kalt sein könnte. Vielleicht verlangt nur der Bub danach, weil am Popo hinten Spiderman abgebildet ist, den wir nur einfach nicht sehen können. Oder Cars oder Ninja Turtles oder ein Bionicle. Oder vielleicht sogar irgendeine dieser Star-Wars-Figuren, die ich kenne, seit ich an drei Abenden hintereinander den diesbezüglichen Wikipedia-Artikel studiert habe. Was man halt so macht, als Bubenmama.

PS: Ach ja, Mädchen können das alles auch. (Sanna Weisz, 2.10.2016)

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