Tierquälereiprozess: Der Chihuahua und der versäumte Autobus

3. Oktober 2016, 13:11
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Eine 22-Jährige soll den Hund einer Freundin malträtiert haben. Behaupten zwei Polizisten, die auf der anderen Straßenseite standen

Wien – "Maaahh, das Beweismittel", strahlt Richterin Nicole Baczak, als Zeugin Un. den Saal betritt. Mit ihrem Minichihuahua im Arm, der einer der Gründe ist, warum ihre ehemals beste Freundin, Frau Ur., vor Baczak sitzt. Sie soll das etwa zwei Handteller große Tier nämlich gequält haben.

Ein Vorwurf, den die 22-Jährige unter Tränen bestreitet. "Ich habe selbst einen Hund! Ich würde nie einen quälen", beteuert sie. Das Leben der Angeklagten dürfte bisher nicht ganz einfach verlaufen sein. Sie wohnt in Transdanubien, wurde mit 14 erstmals delinquent, hat drei Vorstrafen und keine Ahnung, wie viele Schulden.

Der Vorfall soll sich am 8. August gegen 20.30 Uhr zugetragen haben. Freundin Un. holte sie mit dem kleinen Hund von der Arbeit ab, die Angeklagte hatte ihr eigenes Tier dabei. "Ich hatte beide an der Leine. Wir wollten den Bus erwischen und sind gelaufen. Als er davongefahren ist, haben wir uns auf die Bank gesetzt. Und dann sind plötzlich die Polizisten gekommen."

Hund verlor Bodenkontakt

Die waren damals gerade auf der anderen Straßenseite mit einer Verkehrskontrolle beschäftigt. Eine 24-jährige Beamtin will dort etwas gänzlich anderes gesehen haben. "Ich habe die Frau gesehen, wie sie zum Bus gerannt ist", erinnert sie sich. "Den Hund schleifte sie an der Leine hinter sich her, einmal verlor er sogar den Bodenkontakt und überschlug sich", sagt die Polizistin.

Der Bus fuhr weg, der Angeklagten laut Beamtin der Zorn ein. "Sie hat den Hund mindestens zweimal gegen die Bank in der Station geschleudert, indem sie an der Leine riss", behauptet die Frau. "Ich habe selbst einen Hund, daher habe ich auch die Anzeige geschrieben. Ich zeige ja nicht ohne Grund wen an!"

Ihr Kollege unterstützt die Aussage, interessanterweise spricht aber keiner der beiden davon, dass beide jungen Frauen gelaufen seien und eine zwei Hunde an der Hand hatte. Warum Chihuahua-Besitzerin Un. bereits vor Ort gesagt hat, es sei gar nichts vorgefallen, können sich die Beamten nicht erklären.

Zeugin werden Handfesseln angedroht

Als Baczak Un.s Namen aufruft, erscheint die zunächst nicht. Die Richterin erreicht sie telefonisch. Die Zeugin versucht offen hörbar zu behaupten, sie habe von dem Termin nichts gewusst. "Bitte, Sie haben die Ladung übernommen, ich habe ja Ihre Unterschrift vor mir!", kontert Baczak. "Sie kommen jetzt so schnell wie möglich her, sonst lasse ich Sie in Handfesseln vorführen!", droht sie an. "Und nehmen Sie den Hund mit!"

Die unverteidigte Angeklagte erzählt, sie sei mit Un. mittlerweile zerstritten. "Sie macht mir gerade das Leben zur Hölle." Als die Zeugin schließlich doch auftaucht, zeigt sich das aber nicht. Sie sagt, sie seien dem Bus nachgelaufen, da der Chihuahua aber nicht mitkam, sei Ur. stehen geblieben. "Deshalb haben wir ihn ja auch versäumt." Anschließend habe man sich auf die Bank gesetzt – die Angeklagte habe den Chihuahua aber "definitiv nicht dagegengeschlagen".

Da im zweiten Anklagepunkt, Diebstahl, Zeuginnen nicht erschienen sind, muss Baczak schließlich vertagen. (Michael Möseneder, 3.10.2016)

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