Privatsender-Fusion, Gebührenoffensive und "Datum": Die Etat-Wochenschau

3. Oktober 2016, 06:00
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Zweite bundesweite Privatradiolizenz wurde lange verhandelt – nun wird daraus wohl die erste regionale Zusammenlegung

Wien – Am Montag wird es Zeit, mit dem September 2016 endgültig abzurechnen, und es wird keine sonnige Bilanz für den ORF: Die Quoten der beiden Hauptkanäle des öffentlich-rechtlichen Fernsehens nähern sich der europäischen Üblichkeit, zugleich der schlechteste Septemberwert der österreichischen Rundfunkgeschichte:

Die Werte für September 2016 sind noch die vorläufigen von Freitag, also ohne den 30. September – der freilich nicht mehr viel an den Monatswerten ändern wird: knapp über 30 Prozent für ORF 1 und ORF 2, die allein auf 8,8 und 21,7 Prozent kommen.

Privatsender-Zusammenschluss

Zu rechnen hatten in den vergangenen Monaten auch einige größere Privatsender im Land: Wer müsste sich mit wem zusammentun, um gemeinsam eine nationale Privatradiofrequenz zu beantragen. Bisher schaffte das nur Kronehit, und das Kunststück der Zusammenführung ist immerhin schon zwölf Jahre her.

Das Ergebnis der vielen Gespräche und Berechnungen: Es wird vorerst nichts mit einer zweiten bundesweiten Privatradiofrequenz, auch wenn ein Zangenangriff auf Ö3 durchaus Sinn ergeben hätte: Kronehit greift das öffentlich-rechtliche Popradio mit einigem Erfolg bei jüngerem Publikum an. Ein zweiter bundesweiter Sender könnte das mit einem etwas älteren Programm tun.

foto: 88.6 screenshot

Wer rechnete da? Nach unbestätigten STANDARD-Infos einerseits die ostösterreichische Privatsendergruppe des deutschen Medienkonzerns Moira/Medienunion Ludwigshafen, hierzulande unter der Marke 88.6 präsent. Als Gesprächspartner kolportiert werden einerseits die Welle-Radios von Stephan Prähauser. Gemeinsam könnten sie wohl die für eine bundesweite Frequenz nötigen 60 Prozent der Bevölkerung erreichen. Andererseits sollen es auch Kontakte mit den Sendern um die Mediengruppe Österreich gegeben haben. Offenbar ohne tragfähiges Ergebnis.

Denn: 88.6 hat, ebenfalls nach unbestätigten STANDARD-Infos, vor wenigen Wochen die Zusammenfassung seiner diversen Radiolizenzen in Wien, Niederösterreich und Burgenland zu einer überregionalen Lizenz beantragt. Bei der Medienbehörde bestätigte man lediglich, dass ein solcher Antrag vorliegt. 88.6-Geschäftsführer Ralph Meier-Tanos wiederum wollte auf eine STANDARD-Anfrage vor einigen Wochen einen konkreten Antrag nicht bestätigen. Er räumte zwar ein, dass ein solcher Antrag für gerade für 88.6 "auf der Hand liegt", es gebe aber "zwei, drei Optionen" dafür.

Immerhin: Mehr als ein Jahr nach Inkraftreten jener Radio-Novelle, die kleinere Zusammenschlüsse von Lokal- und Regionalsendern erlaubt, die gemeinsam keine bundesweite Lizenz schaffen, kam ein erster Antrag für eine solche Zusammenlegung. Der Privatsenderverband VÖP hat durchaus intensiv auf diese Möglichkeit gedrängt. Auf den ersten Antrag nach 13 Monaten des neuen Gesetzes könnte man also beim jährlichen Privatsenderheurigen am Dienstagabend anstoßen.

Gebührenoffensive

Anstoß nehmen die Privatsender naturgemäß an den rund 600 Millionen Euro, die der ORF an Gebühren einnimmt, während gerade 15 Millionen der Gebührenaufschläge des Bundes in den kommerziellen Privatrundfunkfonds fließen und weitere 13,5 Millionen für Fernsehproduktionen in ORF wie Privatsendern zur Verfügung stehen.

Es könnte also nicht weiter verwundern, würde der Privatsenderverband sich in den nächsten Wochen intensiver den Rundfunkgebühren widmen – wo doch in diesem Herbst ein Gebührenantrag des ORF-Generals ins Haus steht. Eine Offensive der Privatsender würde nur zu gut zur kühlen politischen Gesamtwetterlage passen: ÖVP-Mediensprecher Werner Amon, aber auch Medienminister Thomas Drozda zeigten sich alles andere als begeistert von einer Gebührenerhöhung, die FPÖ ohnehin nicht.

ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz wird wohl diese Woche ein "Falter"-Interview nutzen, um Notwendigkeit und Sinn von Rundfunkgebühren zu erklären. Wie er sie begründet, hat er vorige Woche im Publikumsrat des ORF umrissen. Und es wird nicht das letzte Mal sein, dass der ORF-Chef höhere Gebühren zu erläutern hat. Im entscheidenden Stiftungsrat wird der Antrag wohl Mitte November ankommen. Und man kann schon sagen: bei der großen ÖVP-Fraktion definitiv nicht gut.

ORF 3 bekommt Chefredakteurin

Wie gut oder schlecht Politik und Stiftungsräte auf den ORF und seine Gebühren zu sprechen sind, wird nicht zuletzt von den nächsten Personalentscheidungen abhängen. Nach der Bestellung der ORF-Direktoren, bei der die ÖVP zu hoch pokerte, geht es an Channel Manager für alle ORF-Kanäle. ORF 1, ORF 2 und (formal als Senderchef) auch Ö1 fehlen sie noch. Und es geht auch gleich, nach Wrabetz' Bewerbungskonzept jedenfalls, um Chefredakteure für die einzelnen Kanäle.

ORF 3, schon jetzt direkt dem Generaldirektor zugeordnet, wie künftig laut Konzept alle Kanäle, hat mit Peter Schöber einen unbestrittenen Senderchef. Doch auch dem fehlt ein Chefredakteur, wenn Christoph Takacs mit Jahreswechsel als ORF-Landesdirektor zurück nach Salzburg geht.

foto: orf/screenshot

Es soll, soviel steht fest, eine Chefredakteurin werden. Das könnte, nur zum Beispiel, Magazinchefin Waltraud Langer werden, die schon mehrfach nicht Salzburger ORF-Landesdirektorin werden wollte. Andere tippen auf Claudia Reiterer ("Heute Konkret"), die zuletzt schon als Landesdirektorin in der Steiermark gehandelt wurde, wenn der gerade wiederbestellte Gerhard Draxler sich in die Pension verabschieden sollte. Die Zeit bis dahin ließe sich aber natürlich auch als Chefredakteurin überbrücken.

Und noch eine lange Reihe weiterer Kandidatinnnen gäbe es im ORF. So lange, dass es eigentlich keine Schwierigkeit sein dürfte, unter den ORF-Führungskräften doch bald 45 Prozent Frauen zu erreichen, die zumindest so fähig sind wie ihre männlichen Kollegen. Diese Quote gibt das ORF-Gesetz seit 2010 vor.

Update: Ingrid Thurnher soll die Moderation von "Im Zentrum" aufgeben und Chefredakteurin von ORF 3 werden.

Ein neues "Datum"

Schneller freilich kann man auf eine Rückkehr anstoßen: Freitag feiert das Monatsmagazin "Datum" seine Wiedergeburt unter neuer Führung und Finanzierung. Chefredakteur Stefan Apfl bekam den Titel ja Anfang des Jahres von Horst Pirkers kleinerer Zeitschriftengruppe Medecco, bevor wiederum Gruner+Jahr Pirker ein größeres, noch etwas schwierigeres Magazinhaus überantwortete.

foto: datum.at screenshot

Apfl brachte Titel und Abonnentendaten in die Satzbau GmbH ein, an der er, die Monopol Medien ("The Gap", "Biorama") und Alexander Zach, ehemaliger Chef des Liberalen Forums und Unternehmensberater, je ein Drittel der Anteile halten.

Möge die Übung gelingen, ganz ohne Ablaufdatum. (Harald Fidler, 3.10.2016)

Die Etat-Wochenschau

Die Etat-Wochenschau widmet sich sehr subjektiv ausgewählten, absehbaren Ereignissen der neuen Woche, ganz ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

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