"Traum Perle Tod!": Die andere Seite der guten Hoffnung

30. September 2016, 14:46
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Alfred Kubins einziger Roman als Dramatisierung im Schauspielhaus Wien

Wien – Die andere Seite, den einzigen Roman (1908/09) des vor allem als Grafiker bekannten Alfred Kubin, bringt das Wiener Schauspielhaus seit Donnerstag auf die Bühne. Schauplatz ist Perle, so der suggestive Name der Traumstadt irgendwo in Zentralasien. Doch der Himmel über dem vermeintlichen Paradies ist trüb, und die Feinsinnigen, die ihre Bewohner sein sollen, stellen sich meist als Nervenschwache heraus.

Die neuesten Zugänge sind der namenlose Erzähler (er bleibt im Stück zudem körperlos), wie sein Autor selbst ein Zeichner, und dessen Frau. Die gute Hoffnung aber wird zur Dystopie, die praktisch diktatorischen Verhältnisse auch dem Publikum bald allzu offenbar: Der Wert des Geldes ist volatil, Technik und Fortschritt sind innerhalb der Stadtmauern abgeschafft, der Herr Patera, Sponsor und Chef von Perle, nie zu sprechen. Gewöhnung macht gefügig.

schauspielhaus wien

Viele traumhafte, schöne Einfälle verzeichnet die Regie von Intendant Tomas Schweigen, um diese Anlagen szenisch zu verwalten: surreale Bilder von überlangen Armen, übergroßen Frisuren oder absurd kleinen Beinen. Über die Bühne (Stephan Weber) zieht sich halb eine schotterne Ödnis, und halb besetzen sie die Schauspieler als Band. Anna Buffetrille hat ihnen blaue Strampler angezogen. Der Trübnis des Perler Himmels geschuldet, ersetzen Hänge- und Bodenlampen über weite Strecken die Scheinwerfer und werfen Schlaglichter auf Protagonisten und Text. So fügt sich aus Fetzchen ein zweieinviertelstündiges Ganzes.

Die Mauer muss weg!

Größere Entwicklungen treten in diesem Spiel erst nach fast zwei Stunden ein: Revolution, die Mauer muss weg! Es folgt ein wenig Belehrung über das Wesen der Freiheit, des Staates, des Menschen. Immer aktuell, aber recht theoretisch. Ordnung ist dem Untergang damit nicht mehr beizubringen.

Ein bisschen erinnert Traum Perle Tod! in ihrem Wesen als enttäuschende Fantasie an die Dramatisierung von Christian Krachts Imperium, die man ebenhier vergangene Spielzeit mit großem Erfolg gestemmt hat – sie ist heuer für die beste Regie Nestroy-nominiert. An diese Dichte und Kraft schließt Traum Perle Tod! allerdings leider nicht ganz an. Schon leicht ermatteter, aber verdienter Applaus für das tolle Ensemble. (Michael Wurmitzer, 30.9.2016)

Bis 27. 10. im Schauspielhaus Wien

  • Trüb ist es in Perle.
    foto: susanne einzenberger

    Trüb ist es in Perle.

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