Familienbilder

2. Oktober 2016, 06:00
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Aus dem Nachlass des im vergangenen Jahr verstorbenen Carl-Anton Goëss-Saurau gelangt jetzt ein Gemälde von Kremser Schmidt mit einer wechselvollen Geschichte zur Auktion

Als Sonderbeauftragter hatte Hans Posse von Juli 1939 an überaus engagiert eine Sammlung für das von Hitler in Linz geplante Museum zusammengetragen, war aber auch für die Verteilung umfangreicher Raubkunstbestände auf Museen des Großdeutschen Reiches zuständig. Gewissermaßen auf dem Totenbett hatte er noch einen Vorschlag zur "Errichtung einer kunsthistorischen Sammlung des Reichsgaues Niederdonau im Stift Melk" verfasst.

Das im Archiv des Bundesdenkmalamts verwahrte Schriftstück datiert vom 20. November 1942, am 7. Dezember starb Posse in einer Berliner Klinik an Krebs. Posse plädierte darin für die Errichtung einer kunstgeschichtlichen Abteilung, die Erzeugnisse der Gotik und des Barock umfassen sollte. Ein gewisser Grundstock sei vorhanden und "durch die Zuweisungen aus jüdischem Besitz vergrößert" worden, etwa um das "gotische Flügelaltärchen aus St. Pölten" und das "Gruppenbildnis der Familie des Kremser-Schmidt".

Österreichischer Rembrandt

Beides war einst in der Sammlung Oscar Bondys beheimatet, die von den Nazis enteignet und teils interessierten Museen zugewiesen worden war. Nach dem Zweiten Weltkrieg bemühte sich die Witwe des Zuckerindustriellen um die Auffindung der mehr als 2000 Einzelgegenstände. Das Altärchen und der Kremser Schmidt waren zusammen mit 84 weiteren Objekten im Bestand des Niederösterreichischen Landesmuseums gelandet und wurden im Juni 1947 restituiert.

Kurz darauf erwarb die Familie Goëss-Saurau das 1790 von Johann Martin Schmidt geschaffene Bild, das ihn – den Zeitgenossen auch als "österreichischen Rembrandt" priesen – im Kreis seiner Familie zeigt. 2009 ließ Carl-Anton Goëss-Saurau das Werk für 275.000 Euro (inklusive Aufgelds) bei "im Kinsky" versteigern. Wie sich nun herausstellt, war der Käufer offenbar ein Mitglied der Familie.

2011 war das bedeutende Gemälde von der Ausfuhrabteilung des Bundesdenkmalamtes unter Denkmalschutz gestellt worden und bis vor kurzem als Leihgabe in der Österreichischen Galerie Belvedere zu sehen. Ein Eyecatcher im ersten Saal der Barockabteilung, an dessen Stelle nun das Doppelbildnis Leopold und Vinzenz Ruard aus dem Umkreis von Martin van Meytens gezeigt wird.

Freiherr aus Verdienst

Im Dezember vergangenen Jahres verstarb Graf Carl-Anton Goëss-Saurau, der Großvater der Schwiegertochter der Belvedere-Direktorin Agnes Husslein. Zur Aufteilung der Erbschaft gelangt im Kinsky nun die von ihm und seiner Ehefrau Maria, geborene Freiin Mayr von Melnhof (1921- 1996), in Schloss Pfannberg verwahrte Sammlung zur Versteigerung. Sie soll um die 800.000 Euro einspielen. Den Grundstock der über Generationen erweiterten Kollektion hatte einst Franz Mayr von Melnhof gelegt, der 1872 "in Anerkennung seines fortgesetzten patriotischen und humanen Wirkens und seiner Verdienste um die Industrie" in den Freiherrenstand erhoben worden war. Damals kaufte er den Fürsten Lobkowitz das Schloss im steirischen Frohnleiten ab.

Unter den nun angebotenen 500 Positionen findet sich etwa auch die einst von ihm erworben Fröhliche Gesellschaft von Jan Miense Molenar. Der Rufpreis, der bei Nachlassauktionen zeitgleich das Mindestgebot ist, liegt bei 10.000 Euro. Ein Schnäppchen, verglichen mit den für das Familienbildnis von Johann Martin Schmidt veranschlagten 250.000 Euro. (Olga Kronsteiner, 2.10.2016)

  • Johann Martin Schmidt im Kreis seiner Familie, die an den Blattern verstorbenen Kinder hat der  72-jährige Künstler 1790 ebenfalls verewigt – auf einem Gemälde rechts im Hintergrund
    foto: im kinsky

    Johann Martin Schmidt im Kreis seiner Familie, die an den Blattern verstorbenen Kinder hat der 72-jährige Künstler 1790 ebenfalls verewigt – auf einem Gemälde rechts im Hintergrund

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