USA gehen stärker gegen Einwegplastiksackerl vor

30. September 2016, 11:30
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Die US-amerikanische Universitätsstadt Cambridge nahe Boston hat kürzlich Plastiksackerln aus den Geschäften verbannt. Immer mehr US-Städte setzen Verbote durch. Mit Kalifornien könnte als Erstes ein gesamter US-Bundesstaat plastiksackerlfrei werden

In den USA werden pro Minute mehr als zwei Millionen Plastiksackerln verwendet – durchschnittlich für nur zwölf Minuten. Neunzig Prozent davon wandern danach sofort in den Müll. Die 110.000-Einwohner-Stadt Cambridge im Bundesstaat Massachusetts geht diesbezüglich seit April dieses Jahres einen kompromisslosen Weg: Geschäfte dürfen keine Einwegplastiksackerln mehr ausgeben. Für Alternativen wie Papier- oder Mehrwegtaschen müssen mindestens zehn Cent verrechnet werden. Dabei ist die Gesetzgebung ähnlich jener in der EU: Die hauchdünnen Obstsackerln sind von der neuen Regelung nicht betroffen.

Die dünnen Einwegsackerln, die rund doppelt so groß und stark sind wie jene in den Obstabteilungen, werden in den Supermärkten der USA inflationär verwendet. In jedem großen Supermarkt steht hinter der Kasse ein eigener Mitarbeiter, der den Einkauf großzügig in diesen Taschen verpackt.

300 Dollar Strafe

Das Gesetz verbietet nun den Verkauf sowie die Gratisausgabe von dünnen Plastiktaschen. Dies gilt für alle Geschäfte – von Supermärkten über Kleidungsgeschäfte, Apotheken bis hin zu Restaurants. Händler, die sich nicht daran halten und Warnungen seitens der Stadt ignorieren, riskieren eine Strafe von 300 Dollar.

"Bisher gab es nur einige Warnungen. Wir wollen nicht gleich strafend vorgehen", sagt Michael Orr, der für Müllreduzierung in der Abteilung für Abfallwirtschaft in Cambridge zuständig ist. "Auch wenn es zu Beginn eine Umstellung war, sehen die meisten Geschäfte das Gesetz mittlerweile positiv, ebenso wie der Großteil der Kunden", sagt Orr.

Das Verbot, das Cambridge, bekannt für die Eliteuniversitäten Harvard und MIT, aus ökologischen Gründen eingeführt hat, zeigt bereits Wirkung. Eine erste Studie, durchgeführt von der Abteilung für Abfallwirtschaft gemeinsam mit dem Recycling-Beirat der Stadt, stellt dem Verbot erwartungsgemäß ein gutes Zeugnis aus. "In großen Supermärkten konnten wir eine Reduzierung von gekauften Tragtaschen um 50 bis 80 Prozent feststellen", sagt Meera Singh vom Cambridge Recycling Beirat.

Kunden passen sich schnell an

Die meisten Kunden nehmen seit Einführung der Regelung ihre eigenen Stofftaschen mit und erhalten dafür in vielen Geschäften einen "green bag refund" zwischen fünf und zehn Cent, um die Nachhaltigkeit zu belohnen. Plastiktaschen sind an den Kassen selten erhältlich, erlaubt sind nur stabile Mehrwegsackerln oder solche, die kompostierbar sind.

Mit dem Verbot hat Cambridge im Kleinen bereits erreicht, was die EU im Jahr 2015 beschlossen und sich bis Ende 2018 als Ziel gesetzt hat: die kostenlose Abgabe von Plastiktaschen zu verbieten sowie eine Reduktion der Sackerln bis Ende 2019 durchzusetzen. Österreich ist im EU-Vergleich gut unterwegs und hat kürzlich bereits vor der gesetzlichen Frist eine freiwillige Selbstverpflichtung mit vielen Unternehmen aus der Handelsbranche erzielt, um den Verbrauch einzudämmen.

Kalifornien als Vorreiter

Neben Cambridge ist das Verbot mittlerweile auch in weiteren Städten in Massachusetts in Kraft. Insgesamt 35 Städte haben Gesetze dieser Art bereits verabschiedet. Bis 2018 soll der gesamte Bundesstaat Massachusetts frei von Einwegplastiksackerln sein – inklusive einer obligatorischen Gebühr für andere Taschen. Ein Gesetzesentwurf dazu ist gerade in Begutachtung. Cambridge ist mit dem Verbot als größte Stadt an der Ostküste USA-weit in guter Gesellschaft. San Francisco hat dieses Verbot bereits seit 2007, und rund weitere 200 Städte in den USA haben ähnliche Modelle. Städte wie Los Angeles, Washington DC und bald auch New York City haben zwar keine Verbote, verhindern aber die Gratisabgabe der Tragtaschen.

Mit Kalifornien könnte als Erstes ein gesamter Bundesstaat plastiksackerlfrei werden. Das Gesetz dafür wurde 2015 verabschiedet, allerdings wieder auf Eis gelegt, da eine für November 2016 ausgerufene Volksabstimmung abgewartet werden muss. Und auch auf Cambridge kommt das nächste Verbot zu: Ab Oktober müssen Gastronomiebetriebe auf Styroporverpackungen verzichten. (Ursula Schersch aus Boston, 30.9.2016)

  • Ganz so drastisch, wie es das Stoffsackerl androht, ist es nicht in Massachusetts: Aber die dünnen Einwegplastiksackerln sollen drastisch reduziert werden.
    foto: der standard/ursula schersch

    Ganz so drastisch, wie es das Stoffsackerl androht, ist es nicht in Massachusetts: Aber die dünnen Einwegplastiksackerln sollen drastisch reduziert werden.

  • Daher dürfen sie  in Geschäften in Cambridge nicht mehr ausgelegt werden.
    foto: der standard/ursula schersch

    Daher dürfen sie in Geschäften in Cambridge nicht mehr ausgelegt werden.

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