Rita Monaldi und Francesco Sorti: Im Namen der Archive

1. Oktober 2016, 12:00
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Das italienische Schriftstellerpaar lebt seit 1999 immer wieder in Wien. Nach zehn dicken Romanen, übersetzt in 26 Sprachen weltweit, erscheinen ihre Bücher jetzt wieder in Italien

Der Weg dorthin könnte als Einführung in ihre Romane gelten: Vom Stephansplatz nimmt man einen Bus, dann eine Straßenbahn, danach muss man noch zehn Minuten zu Fuß gehen. Die letzten hundert Meter steigt man über einen schmalen, steilen Pfad, wo keine Autos fahren dürfen. Das Haus in den Weinbergen Wiens, wo Rita Monaldi und Francesco Sorti immer wieder wohnen, ist verkehrsuntauglich und nur für Fußgänger zugänglich.

Die beiden sind seit 2002 Bestsellerstars und haben dennoch etwas von antiken eremitischen Mönchen. Ihre Romane übrigens auch. Sie sind grenzüberschreitend historisch und imaginär, balancieren zwischen Realität und Fiktion. Die Handlung läuft sowohl im literarischen als auch im unterhaltsamen Modus. Die Recherchearbeit, die dahintersteckt, entspricht aber einem wissenschaftlichen Opus.

Beide sind in Rom geboren. Rita Monaldi, 50 Jahre alt, promovierte in Altphilologie, ihr Mann Francesco Sorti, 52, in Musikwissenschaft. Ihre beruflichen Anfänge haben sie als Journalisten verbracht. Weitgehend erfolglos: Es war kaum eine Stelle in Rom zu bekommen. Die Leidenschaft für Geschichte, das Recherchieren und Stöbern in Archiven und nicht zuletzt ihre Liebe zueinander hat sie dazu gebracht, dem Journalismus den Rücken zu kehren und sich selbstständig zu machen – als freie Schriftsteller, zunächst ohne Beziehungen, ohne Seilschaften, ohne Lobby. Ein Wagnis, das am Anfang gut zu gehen schien und irgendwann in einem freigewählten "Exil" in Wien endete.

Literarische Odyssee

Inzwischen sind die beiden aber weltberühmt, haben zehn dicke Romane (Durchschnittslänge 500 Seiten) geschrieben und leben seit 1999 immer wieder in Wien, soweit es ihr Beruf zulässt. Stilistisch gelten sie als "Nachfahren" von Umberto Eco und seinem Bestseller Der Name der Rose.

Ihre literarische und auch existenzielle Odyssee hat mit ihrem ersten Roman Imprimatur begonnen. Dort wird anhand von Dokumenten, die von den Autoren ausgegraben wurden, über ein unbekanntes Kapitel der katholischen Kirche erzählt. Damit hatte der Vatikan angeblich wenig Freude. Kurz zur Erklärung: Nach dem Terroranschlag in New York vom 9. 11. 2001 wollte die Kirche das Verfahren der Heiligsprechung des 1956 seliggesprochenen Papstes Innozenz XI. aus der mächtigen Bankiersfamilie Odescalchi beschleunigen. Er hatte 1683 den polnischen König Sobieski, den "Retter" Wiens vor den Türken und somit des Abendlandes vor dem Islam, mit Kirchengeld finanziert. Mit seiner Heiligsprechung wollte der Vatikan seinen Beitrag im Kampf gegen den Terror unterstreichen.

Schade nur, dass Monaldi und Sorti in ihren Recherchen in den vatikanischen Archiven auf ein Dokument stießen, das etwas sehr Peinliches für die Kirche belegt: Um das geliehene Geld zurückzubekommen, half Innozenz XI. dem protestantischen Wilhelm von Oranien statt dem katholischen Jakob III. auf den Thron Englands und verursachte damit das Schisma der Anglikaner innerhalb der Kirche. Sehr unangenehm für den Vatikan! Die Folge war, dass die Heiligsprechung auf Eis gelegt wurde – und auch ihr erster Roman Imprimatur wurde aus dem Verkehr gezogen.

Heiligsprechung verbockt

"Dem armen Papst", sagen sie etwas sarkastisch heute, "haben wir die Heiligsprechung verbockt. Heute ist er in einen einsamen Winkel in Sankt Peter in Rom verbannt, und an der zentralen Stelle, wo er früher war, steht nun Wojtyla, der heilige Papst aus Polen."

Der Mondadori-Verlag, dessen Chef einst Premierminister Silvio Berlusconi war, hatte zunächst vor, Imprimatur im großen Stil zu lancieren (erste Auflage 15.000 Exemplare und insgesamt 22.500), aber plötzlich wurden alle Bücher aus den italienischen Buchhandlungen entfernt. Das Buch war nicht mehr auffindbar, es gab auch keine Rezensionen oder irgendeine Erwähnung in der Presse.

Den Autoren blieb nur die Flucht ins Exil. Die Entscheidung fiel auf Wien wegen der wunderbaren Nationalbibliothek und der Fülle von Archiven und anderen Bibliotheken, der Nähe zu Italien und der idealen Umgebung, in der ihre zwei Kinder aufwachsen und zur Schule gehen konnten. Von nun an wurden alle Bücher beim niederländischen Verlag De Bezige Bij veröffentlicht, der aus Protest gegen Italien auch eine limitierte Ausgabe von Imprimatur auf Italienisch publizierte.

Ein italienischer Kastrat

Neun weitere Romane folgten, mittlerweile übersetzt in 26 Sprachen und verkauft in 60 Ländern. Nur in Italien sind 13 Jahre lang keine Bücher der beiden erschienen. Protagonist ihrer ersten Romane ist Atto Melani, ein berühmter italienischer Kastrat, Bruder des Komponisten Alessandro Melani, der auch als Spion am französischen Hof von König Ludwig XIV. diente. Um ihn dreht sich auch der Wien gewidmete Roman Veritas, für den die Autoren ein Jahr lang an vielen Orten wie der Nationalbibliothek, Augustiner-Bibliothek, dem Haus-Hof-und-Staatsarchiv, dem Kriegsarchiv, der Handschriftensammlung, der Wiener Stadt-und-Land-Bibliothek oder dem Wiener Stadt-und-Landes-Archiv recherchiert haben.

Zwischen Fiktion und Realität liefert der Roman eine fantastische Abbildung der k. u. k. Hauptstadt zur Zeit des jungen Kaisers Joseph I. und mitunter eine präzise Beschreibung des habsburgischen Lustschlosses Neugebäude, des surrealen Baus, den Kaiser Maximilian II. errichten ließ, wo die Türken bei ihrer ersten Belagerung Wiens 1529 gelagert haben sollen, und das Joseph I. gerne hätte restaurieren lassen, was ihm aber wegen seines frühzeitigen, suspekten Todes nicht möglich war. Geplündert und auseinandergerissen (auch von Kaiser Karl VI. und Kaiserin Maria Theresia für den Bau von Schloss Schönbrunn und der Gloriette), steht die Ruine heute noch als vergessene Brache nahe dem Krematorium in Simmering.

Bildung und Erziehung

Seit vergangenem Jahr hat sich für das Paar das Rad wieder gedreht, und sie dürfen endlich wieder in Italien veröffentlichen. Baldini & Castoldi, einer der größten unabhängigen Verlage Italiens, ist gerade dabei, alle ihre Romane zu veröffentlichen: Drei sind bereits erschienen (im September 2015 Imprimatur, danach folgten Secretum und Veritas). Anfang Juli dieses Jahres erschien in einer weltweiten Auflage ihr bislang letzter Roman: Malaparte – Morte come me ("Malaparte, Tod wie ich"). Es ist ein spannender Krimi mit historischem Hintergrund, auch wenn im Vorwort die Autoren unterstreichen, dass Charaktere, Handlung und Fakten zu hundert Prozent fiktiv sind. Die Hauptfigur lehnt sich an Curzio Malaparte, einen der angesehensten, heute in Vergessenheit geratenen italienischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts an, der mit dem Faschismus, Kommunismus und der Kirche liebäugelte und von allen dreien hofiert wurde. Der Roman spielt auf der Insel Capri kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und führt den Leser durch eine spannende Verkettung von Intrigen, Spionagemachenschaften, Liebeleien und Verrat.

"Heute, nach 13 Jahren Veröffentlichungsverbot, haben wir uns mit Italien versöhnt", erzählen sie in ihrem Wiener Haus, das aus einem ihrer Romane stammen könnte, in dem es keinen Fernseher gibt und der Garten und das Mobiliar sowie die Bewohner selbst einer anderen Zeit entsprungen zu sein scheinen. Heute pendeln die beiden wieder zwischen Wien und Italien: "Unser Muster ist der Bildungsroman. Umberto Eco und Alessandro Manzoni fühlen wir uns eher näher als, zum Beispiel, einem Dan Brown, da unsere Bücher historisch dokumentiert und oft in Form eines Briefwechsels konzipiert sind."

In die Gegenwart zurückgeholt und zur Lage in Österreich befragt, sehen sie das Problem unserer Gesellschaft vor allem in der Verbreitung von Populismus und Rassismus jeglicher Couleur: "Es liegt an der Ablehnung des anderen, es fehlt an Barmherzigkeit, egal ob christliche oder laizistische, an der Fähigkeit, miteinander zu leben. Das einzige Heilmittel wäre die Bildung und Erziehung, das Lernen der Geschichte und Geografie jenseits der zeitlichen und räumlichen Grenzen."

Nur so könnte der Mensch den eigenen Platz in der Geschichte finden. (Flaminia Bussotti, 1.10.2016)

Die Altphilologin Rita Monaldi und der Musikwissenschafter Francesco Sorti schreiben historische Romane. Ihr erster Roman "Imprimatur" war ein internationaler Bestseller, und "Imprimatur" und "Secretum" wurden in 26 Sprachen übersetzt. Das Ehepaar lebt mit ihren beiden Kindern in Rom und Wien. Auf Deutsch erschien von ihnen zuletzt "Die Reform des Salai" (übersetzt von Anette Kopetzki, Aufbau-Verlag, 2014).

  • Bestsellerautorenpaar: Francesco Sorti (52) und Rita  Monaldi (50).
    foto: ronaldi & sorti

    Bestsellerautorenpaar: Francesco Sorti (52) und Rita Monaldi (50).

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