Krisenkolumne: Die Wischgriffel lösen die Wichsgriffel ab

30. September 2016, 15:20
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Über einen Fortschritt in der digitalen Ära

Finger sind eine feine Sache, und nützlich zudem. So kann ein Pädagoge, dem eine Schulklasse durch Krakeelen, Johlen oder Jodeln auf die Nerven fällt, den Zeigefinger erheben. Die Klasse wird den Finger sogleich als Geste der Warnung deuten ("erhobener Zeigefinger") und mucksmäuschenstill werden!

Sollten Sie ab und zu mit Kurzschwert und Dreizack an Gladiatorenkämpfen teilnehmen, dann signalisiert Ihnen der nach unten gewandte Daumen des jeweiligen Imperators, dass Ihre Leistung zu wünschen übrig ließ (somit ein Zeichen guter Feedback-Kultur). Den gestreckten Mittelfinger oder Gruß aus Darmstadt wiederum entbietet man gern führenden Mitgliedern der Mafia, um Anfälle von Lebensüberdruss schnell zu kurieren.

Neben diesen traditionellen greift eine neue Fingerbewegung um sich, der Auseinander- bzw. Zusammenwischer mit Daumen und Zeigefinger. Er wird verwendet, um Bilder auf iPhones zu vergrößern oder zu verkleinern. Wie sehr uns diese pausenlose Wischerei bereits allen in die Finger gefahren ist, wurde mir unlängst auf einer Flugreise klar. Dort kam ich neben einem Passagier zu sitzen, der erst eine halbe Stunde lang auf dem Tablet ununterbrochen Urlaubsfotos auseinander- und zusammenwischte.

Als er dann vom Tablet zu einer Zeitung wechselte, widerfuhr ihm ein Fauxpas: Von der Macht der Gewohnheit überwältigt versuchte der Herr allen Ernstes, ein ihm zu klein geratenes Zeitungsfoto mit Daumen und Zeigefinger zu vergrößern, ehe er sich blitzartig seiner Trottelei bewusst wurde und davon abließ. Eine durch technologischen Fortschritt induzierte Fehlleistung, wie man sie nicht alle Tage sieht! Leider kann man Bilder in Zeitungen noch nicht größer fummeln, denn es wäre gewiss ein ästhetisch feines Erlebnis, könnte die p. t. Leserschaft das etwa zwanzig Jahre alte Konterfei des Krisenkolumnisten nebenan auf Posterformat emporwischen.

Offenbar zieht die Menschheit in der Handy-Ära immer häufiger die Wischgriffel den herkömmlichen Wichsgriffeln vor. Darauf deutet auch das endlose Gefingere in Straßen- und U-Bahnen hin, bei dem ganze Passagierkollektive ihre Handys beidhändig wie Schimpansen umklammern: In einer primatennäheren Pose präsentiert sich der Homo sapiens selten. Darüber aber ein andermal mehr. Lassen Sie mich bis dahin nicht vergessen, mein Kolumnenfoto auszutauschen. (Christoph Winder, 30.9.2016)

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