Kalte Progression: WU-Studie warnt vor "Umverteilung nach oben"

30. September 2016, 10:42
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Modellrechnung: Inflationsausgleich hätte 2009 bis 2015 höhere Einkommen begünstigt – Niedrige Einkommen von Teuerung stärker betroffen

Wien – Die koalitionsinterne Debatte um den Ausgleich der "kalten Progression" erhält neue Nahrung durch eine Studie der WU-Wien. Demnach könnte eine undifferenzierte Inflationsanpassung aller Steuerstufen zu einer "Umverteilung von unten nach oben" führen. Begünstigt würde vor allem das obere Zehntel. Dies deshalb, weil die Inflation niedrige Einkommen real stärker belastet als Besserverdiener.

Die "kalte Progression" bezeichnet eine versteckte jährliche Steuererhöhung. Sie entsteht, wenn Arbeitnehmer durch die jährlichen Lohnerhöhungen mehr verdienen, somit in höhere Steuerklassen vorrücken und auch höhere Steuern zahlen müssen, obwohl der reale Wert ihrer Einkommen inflationsbedingt gar nicht gestiegen ist.

Regelmäßige Steuerreformen

Während die "kalte Progression" in der Vergangenheit durch regelmäßige Steuerreformen teilweise abgegolten wurde, will die Regierung diesen Effekt in Zukunft automatisch ausgleichen. Strittig ist aber, ob der Inflationsausgleich für alle Einkommen oder verstärkt für Niedrigverdiener erfolgen soll. Ersteres befürwortet die ÖVP, zweiteres die SPÖ.

Mathias Moser und Stefan Humer vom WU-Forschungsinstitut Economics of Inequality haben nun nachgerechnet, was die lineare Inflationsanpassung aller Steuerstufen bewirkt hätte, wäre sie schon mit der Steuerreform 2009 eingeführt worden. Ergebnis wäre demnach eine (wenn auch moderate) "Umverteilung von unten nach oben" gewesen. "Die untersten Einkommen bekommen nur einen Teil der kalten Progression zurück, die obersten Einkommen erhalten zusätzlich zur (Rückerstattung der, Anm.) kalten Progression noch eine weitere Steuerreduktion", fassen sie ihre Ergebnisse zusammen.

Zur Erklärung verweist Humer im Gespräch mit der APA darauf, dass verschiedene Einkommensgruppen unterschiedlich stark von Inflation betroffen sind: Niedrigverdiener müssten vergleichsweise viel für Bereiche mit hohen Preissteigerungen ausgeben – etwa Wohnen, Energie und Nahrung. Bei Personen mit höherem Einkommen fließe das Geld dagegen stärker in Bereiche mit geringeren Teuerungsraten wie Freizeit und Mobilität. Eine Anpassung mit der durchschnittlichen Inflationsrate entlaste hohe Einkommen real also stärker als niedrige.

Drei Szenarien

Weil die genauen individuellen Inflationsraten nicht bekannt sind, haben Moser und Humer für die Jahre 2009 bis 2015 drei Szenarien durchgerechnet. Der oberen Hälfte der Einkommensbezieher hätte die Anpassung ihres Steuertarifs an die durchschnittliche Inflationsrate demnach um bis zu 700 Mio. Euro mehr gebracht, als zum Ausgleich ihrer individuellen Teuerung nötig gewesen wäre. Wobei fast die Hälfte der "Überkompensation" auf das oberste Zehntel der Einkommen entfallen wäre.

Humer räumt zwar ein, dass die Umverteilungseffekte künftiger Inflationsanpassungen von den für 2009 bis 2015 errechneten Werten abweichen könnten. Er betont aber, dass für die Studie konservative Szenarien gerechnet wurden. "Wenn die Rohölpreise stark anziehen, kann die Differenz noch größer sein." Die von der Politik erhoffte neutrale Anpassung des Steuertarifs sei mit der durchschnittlichen Inflationsrate jedenfalls nicht möglich: "Das kann Wirkungen entfalten wie eine kleine Tarifreform." (APA, 30.9.2016)

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