ÖBB-Zugeinkauf bei Bombardier dürfte vor Gericht landen

30. September 2016, 08:00
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Branche erwartet Einspruch gegen Zuschlag für Triebfahrzeugkauf an Bombardier

Wien – Die Beschaffung von bis zu 300 Nahverkehrszügen durch die ÖBB steuert das Bundesverwaltungsgericht an. Bis Montag haben unterlegene Bieter Zeit, die Zuschlagserteilung für den Zwei-Milliarden-Euro-Auftrag an den kanadischen Bahnausrüstungskonzern Bombardier anzufechten.

Laut STANDARD-Recherchen spielt sich die zweitplatzierte Stadler Rail aus der Schweiz ernsthaft mit dem Gedanken, bei Gericht eine sogenannte Nachprüfung der Vergabe zu beantragen. Beim Zweitgereihten, dem Zugbauer des ÖBB-Konkurrenten Westbahn, Stadler Rail, soll die interne Entscheidung am Freitag fallen, sagen Insider unter Berufung auf interne Fristen.

Ob auch der teils in Wien produzierende ÖBB-Haus- und Hoflieferant Siemens Transportation Systems klagen wird, war am Freitag unter Verweis auf die Stillhaltefrist nicht in Erfahrung zu bringen. Da der deutsche Elektromulti von Taurus-Loks über Railjet-Schnellzüge und Cityjet-Elektrotriebzüge (in Auslieferung) in den vergangenen zehn Jahren so gut wie alle bedeutenden ÖBB-Zugbeschaffungsaufträge für sich entschieden hat, gehen Bahnauskenner eher nicht von einer Anfechtung seitens des Münchner Konzerns aus.

Was die beiden unterlegenen vom Bestbieter trennt und offenbar besonders nervt: Die aufgrund von Problemen in der Flugzeugsparte in Turbulenzen befindliche Bombardier hat alle anderen Anbieter beim Preis ausgestochen. Die Kanadier haben um zehn Prozent billiger angeboten, der Preis pro Zug liege unter sechs Millionen Euro, erfuhr der STANDARD aus informierten Bestellerkreisen.

Zehn Tage Stillhaltefrist

Offizielle Stellungnahmen oder gar eine Bestätigung für diese Information gibt es naturgemäß nicht, denn bis zum Ende der Einspruchsfrist darf keine Seite über diese Vergabe Informationen herausgeben oder diese gar öffentlich kommentieren. Auch oder gerade Besteller ÖBB nicht.

Der niedrige Preis – die Konkurrenz beklagt Dumpingpreise – ist insofern bitter, als die von der Gründerfamilie Beaudoin kontrollierte Bombardier erst im Juni eine Milliarde Dollar an Staatshilfe bekam, um die aufgrund von Lieferschwierigkeiten bei Flugzeugen eingetretene Schieflage des Konzerns wieder auszugleichen. Finanziell Luft verschaffen wollte sich der Konzern mit einem Börsengang der Bahnsparte, welcher aber auf 2017 verschoben wurde.

Als ungewöhnlich gilt vor diesem Hintergrund, dass die ÖBB von den Anbietern nicht zwingend Bankgarantien verlangt hat, sondern sich mit kostengünstigeren Konzerngarantien begnügte. Das sei den Kanadiern, deren Bonität Standard & Poor's soeben von B auf B-, also "spekulativ" heruntergestuft hat, zupassgekommen. Den Vorwurf, die Vergabekriterien seien während des Ausschreibungsverfahrens geändert worden, sodass der Preis pro Nutzfläche zum Hauptentscheidungskriterien wurde, weisen mit den Vergabekriterien vertraute Eisenbahner zurück. Dies sei möglicherweise nicht maximal transparent, in einem Verhandlungsverfahren aber zulässig. Bleibt die Frage, ob Bombardier die Auslieferung der ersten 21 von bis zu 300 Zügen des Typs "Talent 3" bereits im April 2019 schafft. (Luise Ungerboeck, 30.9.2016)

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