Nach Steuerreform: Realeinkommen sinken im kommenden Jahr wieder

29. September 2016, 17:28
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Steigende Inflation und kalte Progression fressen die Lohnerhöhungen 2017 auf

Wien – Die heuer von der Steuerreform ausgehende Stärkung der Realeinkommen wird nicht lange währen. Bereits im kommenden Jahr rechnen die Wirtschaftsforscher bereits wieder mit schrumpfenden Löhnen und Gehältern – brutto wie netto. Steigende Inflation und kalte Progression sorgen dafür, dass den Österreichern 2017 wieder etwas weniger in der Geldbörse übrigbleiben wird. Das Wifo beispielsweise geht von einem Minus bei den Löhnen und Gehältern pro Kopf von 0,1 Prozent brutto und 0,2 Prozent netto aus.

Hauptgrund dafür ist die Inflation, die sich im kommenden Jahr wegen wieder anziehender Rohölpreise auf 1,7 Prozent beschleunigen wird, wie das Wirtschaftsforschungsinstitut prognostiziert. Die Lohnabschlüsse können damit nicht Schritt halten, erläutert Wifo-Konjunkturforscher Marcus Scheiblecker. Der Grund: In den aktuellen Verhandlungen wird die Teuerung des laufenden Jahres als Grundlage herangezogen, und die ist mit einem Prozent moderat. Und dann wären da auch noch die automatischen Vorrückungen in höhere Steuerklassen, wegen der die Steuerbelastung überproportional ansteigt. Die kalte Progression soll zwar entschärft werden, die Regierung hat entsprechende Maßnahmen aber erst für 2018 in Aussicht gestellt und noch keine Einigung über das Wie erzielt.

Die rückläufige Einkommensentwicklung wird im kommenden Jahr auch den Konsum wieder abschwächen. Heuer hingegen sorgen die Steuerreform (brachte eine Entlastung der Löhne und Gehälter von 2,9 Prozent) und die zusätzlichen Ausgaben für Flüchtlinge für einen kräftigen Schub: Der Konsum steigt nach jahrelanger Stagnation um 1,5 Prozent, wie Wifo und Institut für Höhere Studien in ihren am Donnerstag präsentierten Konjunkturprognosen festhalten.

Arbeitslosigkeit steigt weiter

Wegen der Abschwächung des privaten Verbrauchs und der mäßigen Entwicklung der Weltwirtschaft mussten beide Forschungsinstitute ihren Ausblick für das kommende Jahr zurücknehmen. Und auch die stark in Fahrt gekommenen Investitionen wachsen im kommenden Jahr nicht mehr ganz so stark wie heuer. Der neue Wifo-Chef Christoph Badelt meinte bei seiner ersten Vorlage der Konjunkturprognose: "Wir müssen uns an ein bescheidenes Wachstum und leider auch an hohe Arbeitslosenraten gewöhnen." Badelt ermunterte die Politik, die Dauerthemen Bildung, Forschung und Technologie energischer anzugehen, um das Wachstumspotenzial anzuheben.

Auch das IHS hat mit Martin Kocher einen neuen Leiter – der überließ die Präsentation aber seinem Mitarbeiter Helmut Hofer.

Keine Entwarnung geben die Institute bei der angespannten Lage am Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosigkeit wird trotz wachsender Beschäftigung auch 2017 weiter steigen. Dazu tragen auch die Flüchtlinge bei, die im kommenden Jahr in großem Ausmaß Asylberechtigungen erhalten und somit als arbeitssuchend registriert werden dürften.

Das von Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) ausgegebene Ziel, 200.000 Jobs in den nächsten vier Jahren zu schaffen, hält Badelt für keine große Herausforderung. Bis zu 80 Prozent der Zahl werden bei anhaltender Dynamik beim Jobzuwachs ohnehin erreicht. Vollbeschäftigung – ebenfalls vom Kanzler angepeilt – wie vor 20 Jahren sieht Badelt nicht am Horizont.

Defizit steigt

Nicht allzu rosig bewerten die Wirtschaftsforscher die Budgetlage. Das Haushaltsdefizit dürfte heuer von zuletzt ein auf 1,6 (Wifo) bis 1,8 Prozent (IHS) steigen. Gründe sind die Steuerreform und die Zusatzausgaben im Zusammenhang mit der Flüchtlingsbetreuung von rund 2,25 Milliarden Euro. (as, 29.9.2016)

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    grafik: apa
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