Kinder, die viel fernsehen, haben als Jugendliche mehr Probleme

1. Oktober 2016, 10:00
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Welche Auswirkungen frühkindlicher Fernsehkonsum auf die sozialen Fähigkeiten Jugendlicher hat, zeigt eine Langzeitstudie

Dass ein Fernsehapparat kein Babysitter-Ersatz ist, gilt als bekannt. Zwar starren Kleinkinder gebannt auf Fernsehschirme und lassen sich von den schnellen Bildabfolgen begeistern – der Lerneffekt dabei ist aber gleich null. Kinderärzte und Psychologen warnen immer wieder vor den negativen Folgen, gilt doch das Kleinkindalter als besonders kritische Phase für die Entwicklung des Gehirns und emotionaler Intelligenz. Eine kanadische Studie hat nun die Auswirkungen frühkindlichen Fernsehkonsums auf das Sozialverhalten von Jugendlichen in den Blick genommen.

"Noch ist ungeklärt, in welchem Ausmaß Fernsehen im Kleinkindalter nachteilige Auswirkungen auf die soziale Interaktion hat", sagt Linda Pagani, Studienautorin und Professorin an der University of Montreal, School of Psychoeducation. Die Studienergebnisse legen aber nahe, dass 13-Jährige, die als Kleinkinder viele Stunden vor TV-Geräten verbrachten, mehr Schwierigkeiten im Kontakt mit Gleichaltrigen haben – sei es, dass sie eher von Mobbing betroffen sind oder dass sie den Kontakt mit Gleichaltrigen ablehnen.

"Teenager mit häufigem Fernsehkonsum im Kleinkindalter sind lieber allein", sagt Pagani. "Im ersten Jahr der Mittelschule sind sie gefährdeter, antisoziales und aggressives Verhalten anzunehmen, als ihre Mitschüler." Und: "Wir beobachteten auch, dass exzessives Fernsehen mit 13 Jahren die Situation noch schlimmer macht."

Einfluss auf Zugehörigkeitsgefühl

Über einen Zeitraum von elf Jahren begleiteten Pagani und ihr Forscherteam Eltern von rund 2.000 Kindern – 991 Mädchen und 1.006 Buben –, geboren zwischen 1997 und 1998 in Quebec. Zu Beginn der Studie befragten sie die Eltern der damals Zweijährigen zu den kindlichen Fernsehgewohnheiten. Eine Dekade später führten sie Interviews mit den Kindern und sprachen mit ihnen über ihre Erfahrungen mit Gleichaltrigen, ihren Umgang in der Gruppe, über Zugehörigkeitsgefühl und Freundschaft. Dabei war es den Wissenschaftern wichtig, die Ergebnisse von anderen Variablen wie etwa einer belastenden Familiensituation zu trennen.

Bereits in der frühkindlichen Entwicklung werde das Fundament für emotionale Intelligenz und soziale Kompetenzen, etwa die Fähigkeit zu Teilen, Dankbarkeit und Wertschätzung, angelegt. Studienautorin Pagani: "Im Kleinkindalter ist die Wachzeit der Kinder noch sehr begrenzt. Je mehr Zeit sie vor dem Fernseher verbringen, desto weniger Zeit haben sie für das freie und kreative Spiel, für Interaktion und andere bedeutende kognitive Erfahrungen. Eine aktive Tagesgestaltung im Kindergartenalter hilft den Kleinen, soziale Kompetenz zu entwickeln und Fähigkeiten zu erwerben, die später hilfreich und eine Schlüsselrolle für persönlichen Erfolg sein werden." (chrit, 1.10.2016)

  • Das Kleinkindalter gilt als besonders kritische Phase für die Entwicklung des Gehirns und emotionaler Intelligenz. Fernsehkonsum wirkt sich hier negativ aus.
    foto: getty images/istockphoto/ni qin

    Das Kleinkindalter gilt als besonders kritische Phase für die Entwicklung des Gehirns und emotionaler Intelligenz. Fernsehkonsum wirkt sich hier negativ aus.

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