Wohlstand: Ein Ziel, zwei Wege

Kommentar der anderen29. September 2016, 17:29
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Der Club of Rome geht in seinem neuen Bericht davon aus, dass ein Prozent Wachstum ausreiche, um die dringendsten Probleme der entwickelten Welt in den Griff zu bekommen. Der Thinktank-Verbund WWWforEurope sieht das anders. Ein Vergleich

Zuletzt sind zwei Ansätze für die Weiterentwicklung der Wirtschafts- und Sozialmodelle in der wohlhabenden Welt veröffentlicht worden: Der Club of Rome will zwei dringende Probleme der reichen Welt lösen, die anhaltende Arbeitslosigkeit und die wachsende Ungleichheit. Überraschend wird der Klimawandel erst als drittes Ziel und in optimistischem Ton genannt. Die neue Strategie für Europa, die 33 Forschungsinstitute entwickelten (WWWforEurope), postuliert dagegen hohen und steigenden Lebensstandard als Ziel: messbar in wirtschaftlicher Dynamik, sozialer Inklusivität und ökologischer Nachhaltigkeit. Die soziale Säule enthält auch den Anstieg der Beschäftigung. Ökologische Nachhaltigkeit ist definiert als starker Rückgang der Emissionen. Eine stärkere Dynamik ist nötig, um Arbeitslosigkeit, Staatsschuld und Ungleichheit zu senken.

Der Club of Rome ist pessimistisch in der Beurteilung der letzten 40 Jahre. Es habe seit 1980 "jegliches Wachstum in der reichen Welt nichts zur Verbesserung des Lebensstandards der Mehrheit beigetragen". China sei der einzige Gewinner, zulasten der Entwicklungsländer und älterer Industriestaaten. Das widerspricht der empirischen Evidenz. Die reale Wirtschaftsleistung hat sich weltweit verdreifacht, in Europa verdoppelt. Die Arbeitslosigkeit in der reichen Welt ist unakzeptabel hoch und sinkt nur bei wirtschaftlicher Dynamik. Aber eine Milliarde Menschen ist zwischen 1990 und 2015 der absoluten Armut "entwachsen" – früher als in UN-Zielen anvisiert. Der Club of Rome bezeichnet dies als "schlicht nicht wahr". Er streicht stattdessen China aus der Statistik, hebt die Armutsschwelle von einem auf 2,5 Dollar pro Tag.

Für Industrieländer zeigen auch andere Indikatoren den Wohlfahrtsanstieg. Die Kindersterblichkeit sinkt, die Lebenserwartung ist seit 1980 um acht Jahre gestiegen, Auslandsreisen, Handy- und Internetnutzung boomen. Wir sehen also steigende Ungleichheit, aber sinkende Armut. Die Lebenschancen differieren nach Herkunft, verbessern sich aber auch für den Großteil des "unteren" Drittels.

Als Ursache für die Entwicklung geißelt der "Ein Prozent ist genug"-Bericht des Club of Rome "marktradikales Denken". Unendlicher Konsum, Wettbewerb, Freihandel und Bagatellisierung von Staat und Regulierung seien die Schuldigen. Daher hülfen auch nicht Investitionen in Infrastruktur, sondern nur die Abkehr vom gegenwärtigen Wirtschaftssystem und Beschränkungen des Außenhandels. Diese Analyse geht daran vorbei, dass in den Industrieländern der Staat 50 Prozent der Wirtschaftsleistung beansprucht.

WWWforEurope dagegen kritisiert, dass der Staat mit seinem Anteil von 50 Prozent gesellschaftliche Ziele missachtet. Arbeit soll geschaffen werden, ist aber hoch besteuert, Emissionen sollen gesenkt werden, aber fossile Energie wird subventioniert. Militärausgaben und Subventionen für Großbauern sind höher als Ausgaben für Forschung und vorschulische Erziehung. "Marktradikal" ist das nicht, aber dumm.

Es gibt sechs Unterschiede bei den Lösungsvorschlägen:

  • Wachstumsobergrenze vs. Zweiphasenstrategie Der Club of Rome deckelt das Wachstum mit einem Prozent. WWWforEurope empfiehlt für die nächsten Jahre eine stärkere Dynamik. Mit einem Prozent kann man nicht Arbeitslosigkeit, Schulden und Ungleichheit senken. Aber es darf nicht der bisherige Pfad sein, sondern Dynamik durch Konsum der Schwächeren (durch Abgabensenkung) und durch Investitionen in kohlenstoffarme Technologien. Damit später niedriges Wachstum nicht mehr zu Arbeitslosigkeit führt, jeder seine Arbeitszeit freiwillig reduzieren und das E-Auto betanken und leihen (statt kaufen) kann.
  • Höhere Abgaben vs. bessere Struktur Fünf der 13 Vorschläge des Club of Rome erhöhen die Staatsquote: Grundeinkommen, höheres Arbeitslosengeld, Konjunkturpakete, Sozialarbeit, Prämie für Verzicht auf Kinder. WWWforEurope schichtet Ausgaben um, streicht Subventionen für fossile Energie, Förderungen für Agrarkonzerne, ineffiziente Militärausgaben (höher als in Russland und China zusammen, unfähig, Außengrenzen zu schützen). Steuern auf Arbeit werden halbiert, Emissionen, Erbschaften besteuert.
  • Beschränkung des Handels vs. Befähigung der Verlierer Der Club of Rome empfiehlt eine Beschränkung des Außenhandels (Importzölle für Entwicklungsländer und die USA). WWWforEurope begrüßt die Dynamik von Ländern mit niedrigem Einkommen (zuerst China, dann andere). Zäune kosten weitere Arbeitsplätze, verursachen eine Investitions- und Erneuerungskrise.
  • Höhere Sozialausgaben vs. soziale Investitionen "Ein Prozent ist genug" empfiehlt ein existenzsicherndes Grundeinkommen und die Erhöhung des Arbeitslosengeldes. Da Europa schon die höchsten Sozialausgaben hat und neue Risiken nicht abdeckt, empfiehlt WWWforEurope von Ausgleichszahlungen zu sozialen Investitionen überzugehen, die die Arbeitslosigkeit proaktiv senken.
  • Prämien für Kinderlosigkeit vs. Arbeitszeit nach Work-Life-Balance Der Club of Rome prämiert Eltern in "der reichen Welt" mit 80.000 Dollar zum 50. Geburtstag, wenn sie nur ein Kind haben. WWWforEurope empfiehlt "symmetrische Flexibilität" am Arbeitsmarkt. Firmen sollen Beschäftigung variieren können, wenn es die Konjunktur erfordert, Arbeitnehmer sollen die Arbeitszeit nach der Work-Life-Balance variieren können.
  • Staatliches Wissen vs. Kraft von Innovation "Ein Prozent ist genug" fordert Regulierungen und mehr Staat, WWWforEurope intelligentere Anreize. Dies gilt für Emissionen, Steuertransparenz, Finanzmärkte. Technischer Fortschritt soll nicht primär arbeitssparend sein, sondern energie- und materialsparend. Wenn der Staat, der 50 Prozent der Forschungsmittel vergibt, dieses Prinzip durchsetzt, dann werden Konsumenten und Unternehmen dezentral die richtigen Entscheidungen treffen. Die Kraft von Innovationen und Verhalten ist stärker als Top-down-Vorgaben eines Staates.

Gut, dass es zwei Konzepte gibt, die die Einschätzung teilen, dass der bisherige Weg unumkehrbaren Schaden für Gesellschaft und Klima bringt. Der Club of Rome ist optimistischer, wenn er glaubt, dass ein Prozent Umschichtung von Kapital aus klimaschädlichen in "saubere" Sektoren genügt, um die Erwärmung unter zwei Grad zu halten, sofern nur der Staat das Kommando übernimmt. WWWforEurope betont einen tieferen Umbau: eine neue "Lebensqualität", definiert durch Dynamik, Inklusivität und Nachhaltigkeit. Diese Ziele sollen simultan und im Wettbewerb verfolgt werden, basierend auf Innovationen und Eigeninitiative. Mit der Hoffnung, dass später "Ein Prozent Wachstum genügt", um die Lebensqualität aller zu heben. Heute sicher noch nicht. (Karl Aiginger, 29.9.2016)

Karl Aiginger (Jg. 1948) ist Leiter der Querdenkerplattform Wien – Europa (www.querdenkereuropa.at), von 2012- 2016 war Koordinator von WWWforEurope.

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