Grenzüberwindung und Blind Dates für Optimisten

30. September 2016, 08:00
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Der Steirische Herbst geht heuer mit vielen Projekten hinaus aus der Stadt aufs Land. Nicht irgendwohin, sondern ins Grenzland im Süden. Hier wird gegessen, gewandert, geredet und vielleicht der Spaltung des Landes entgegengewirkt

Leibnitz/Leutschach – Die Pessimisten, die Zyniker, die Grantler: Sie gelten als cool. Eine Erfahrung, die nicht nur Eugene Quinn, ein Londoner mit irischen Wurzeln, in Österreich machte. "Wenn du optimistisch bist wie ich, giltst du schnell als kindisch und naiv", erzählt der in Wien lebende Quinn. Das sei sicher nicht nur in Österreich eine Tendenz, aber ein negativer Blick auf die Zukunft und Angst vor allem Fremden sei hier besonders ausgeprägt. Er hingegen blicke immer noch "freudig in die Zukunft". Sein Motto: "Glückliche Menschen sind innovativer und leben länger!"

"In Italien, Irland oder den USA beginnen Leute auf der Straße oder bei einer Bushaltestelle einfach ohne ersichtlichen Grund mit dir zu plaudern", weiß der Migrant Quinn. "Hier sind sie schon etwas schüchtern." Doch genau dagegen, gegen die Sprachlosigkeit, das Einigeln und die fehlende Neugierde anderen Menschen gegenüber, geht Quinn seit einigen Jahren gemeinsam mit seiner aus Graz stammenden Partnerin Monika M. Kalcsics und ihrer "urbanen Organisation" space and place vor.

Seit fünf Jahren organisiert er nun schon die Vienna Coffeehouse Conversations, bei denen der alte avantgardistische, radikalere Geist der alten Wienern Kaffeehäuser – vor dem Zeitalter des kommerziellen Zuckergusses – heraufbeschworen wird. Hier bringt man Menschen in angenehmer Atmosphäre dazu, miteinander zu reden und vor allem auch sich zuzuhören.

Unbekanntes Fragenmenü

Menschen aus 56 Nationen haben Kalcsics und Quinn bei diesen Gesprächen im Kaffeehaus an einen bzw. mehrere Tische gebracht. Nun wird man erstmals mit einem ähnlichen Modell in ein Grenzgebiet Österreichs gehen. In die Südsteiermark, wo bei den Grenzlandgesprächen in Leutschach Menschen, die sonst eher nicht miteinander sprechen, geschweige denn einen Abend miteinander verbringen würden, zusammen dinieren. Bei gutem Essen und hervorragendem Wein, der hier, wo die Grenze unsichtbar und unspürbar durch die Weingärten steirischer und slowenischer Nachbarn verläuft, angebaut wird.

Neben dem Menü wird es auch ein Fragenmenü geben, dass die Gäste vorher nicht kennen. Was noch spannender ist: Man kennt auch seinen Gesprächspartner vorher nicht. Kalcsics und Quinn haben ebenso Bauern eingeladen wie Flüchtlinge, Journalisten und Politiker (auch einige der FPÖ), Soldaten und Künstler, Städter und Landbevölkerung und natürlich auch slowenische Nachbarn.

"So ein zweistündiges Essen mit nur einer Person kann schon ein sehr intensives Erlebnis sein", weiß Quinn, der sich sicher ist, dass man sich so besser kennen und vor allem verstehen lernt. Da werden dann im besten Fall Grenzen überwunden, die kein Grenzzaun aufrechterhalten kann. Im schlimmsten – pessimistischen – Fall hat man immer noch gut gegessen und getrunken.

Man versuche eher ungewöhnliche Paarungen vorzunehmen, erklärt Organisator Quinn, "also nicht gerade einen Journalisten mit einer Politikerin an einen Tisch zu setzen, denn die treffen auch sonst aufeinander". Der Abend im Kniely-Haus soll nach dem Dinner dann im lockeren Beisammensein in der Bar ausklingen, wo man noch mehr Leute kennenlernen kann.

Quinn sieht eine Notwendigkeit in solchen Veranstaltungen, denn "wenn du immer nur mit Menschen redest, die so denken wie du selbst, ist das nicht nur langweilig, es bringt ja auch niemanden weiter". Die Grenzlandgespräche finden am vorletzten Tag des Festivals statt und werden so auch eine Art Abschlussfest des Steirischen Herbstes sein.

Mobiles Publikum

Von Leutschach aus startet auch ein anderes grenzüberschreitendes Projekt, nämlich eine performative Wanderung, zu der das Dokumentartheaterduo Hans-Werner Kroesinger und Regine Dura entlang der bereits erwähnten grünen Grenze einladen. Willkommen in der Europaschutzzone haben Dura und Kroesinger ihr Projekt genannt.

Königreiche, die Republik Jugoslawien und Slowenien grenzten hier zunächst an die österreichische Monarchie, dann an die erste Republik, die NS-Diktatur und den heutigen EU-Partner Österreich. In kaum einer Region kam die gemeinsame Mitgliedschaft in der Union und damit das Wegfallen von Grenzen so natürlich – wurde die Grenze zwischen Reben und Höfen de facto doch immer schon ignoriert.

Davon, wie man jetzt mit neuen Barrikaden, mit dem sogenannten Grenzmanagement umgeht, aber auch von ganz persönlichen Geschichten erzählen Schauspieler im Laufe der Wanderung ihrem mobilen Publikum.

Harmlos oder schädlich

Am Rande eines Wanderwegs findet sich hier eine Lehrtafel, auf der Neuankömmlinge als "nützlich, erwünscht, harmlos, unerwünscht, schädlich" oder gar "gefährlich" klassifiziert werden. Nein, nicht Menschen sind gemeint, sondern eingewanderte Pflanzen wie der "zuagraste" Bärenklau.

Hans-Werner Kroesingers und Regine Duras Wanderung lässt dabei sowohl historische als auch in die Zukunft gewandte Reflexionen über Grenzen zu. Denn man kann ja bekanntlich ohne Kenntnis der Geschichte auch die Gegenwart nur zum Teil verstehen. Die studierte Politologin und Medienwissenschafterin Dura wurde übrigens für ihre Dokumentation White Blood / Weißes Blut mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet. 2016 wurden sie und Kroesinger zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

Wenn man schon in der Gegend mit den beiden wandert, sollte man unbedingt auch in Seggauberg bei Leibnitz vorbeischauen. Abgesehen von der idyllischen Landschaft ist auch hier ein spannendes Grenzprojekt entstanden: jenes des angolanischen Künstlers Kiluanji Kia Henda, der mit einer vielseitigen Arbeit für Aufsehen sorgt.

Sie besteht aus drei verschiedenen Teilen: einerseits jener an der Pfarrkirche von Leibnitz, die Der Mann ohne Papiere aus dem Nahen Osten, gekreuzigt im Westen heißt. Andererseits eine Installation mit knallroten Metallstangen auf einem Wiesengrundstück des Schlosses Seggau, das einst der steirische Bischofssitz für den Sommer war und heute ein Hotel samt Weinbau beherbergt.

Kia Henda fielen nicht nur die malerischen Weingärten auf, als er erstmals ins südsteirische Grenzland kam, sondern ihm sprang auch die Vielzahl von Kruzifixen, Opferstöcken und Heiligendarstellungen ins Auge. Er bemerkte eine Ähnlichkeit zwischen dem Muster in den hier neu aufgestellten Grenzzäunen und jenen Konstruktionen, die Weinstöcke beim Wachsen stützen.

Die Farbe Rot, die an Wein und Blut und im katholischen Kontext auch an die Wandlung erinnert, wurde nicht zufällig für die bisher größte Installation des in Luanda und Lissabon lebenden Künstlers gewählt.

Blutrot und menschlich

Er sieht in seiner blutrot in den Hügeln stehenden Arbeit, die am 30. September erstmals präsentiert wird, nicht nur ein Sinnbild für den "Pakt zwischen Menschlichem und Göttlichem, sondern auch für die Tragödie der Tausenden von Flüchtenden, die in und um Europa ums Leben kommen".

Der dritte Teil der Arbeit ist einer, den man mitnehmen und behalten kann. Kia Henda hat nämlich im Rahmen von Dies ist mein Blut auch eine passende Postkartenedition geschaffen.

Wer mehr über den Künstler und seine Arbeit erfahren will, dem sei ein Termin aus der Reihe Kunst im Gespräch mit Luigi Fassi, Klaus-Dieter Hartl und Kiluanji Kia Henda am 1. Oktober in der Galerie Marenzi in Leibnitz ans Herz gelegt. Auch hier gilt, wie beim Date mit Unbekannten oder beim Wandern: Beim Reden kommen die Leute zusammen. Einen idyllischeren Ort als die Südsteiermark gibt es im – meteorologischen wie künstlerischen – Herbst dafür übrigens kaum. (Colette M. Schmidt, Spezial, 30.9.2016)

"Grenzlandgespräch", Leutschach, Kniely-Haus, 15. 10., 19.30

"Willkommen in der Europaschutzzone", Start in Leutschach, Kniely-Haus, 8., 9., 14. u. 15. 10., jeweils 15.00

"Dies ist mein Blut", Leibnitz, Pfarrkirche und Seggauberg, Schloss Seggau,, 30. 9. bis 16. 10.


Spezial Steirischer Herbst ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit dem Steirischen Herbst. Die redaktionelle Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Nur wer seine Blase verlässt, versteht, wie andere ticken: Grenzlandgespräche sind Dates mit Fremden.
    foto: space and place

    Nur wer seine Blase verlässt, versteht, wie andere ticken: Grenzlandgespräche sind Dates mit Fremden.


  • "Glückliche Menschen sind innovativer", sagt Quinn.
    foto: georg

    "Glückliche Menschen sind innovativer", sagt Quinn.


  • Heiligenbilder, Kruzifixe und Weingärten inspirierten Kia Hendas blutrote Installation.
    foto: birgit pelzmann

    Heiligenbilder, Kruzifixe und Weingärten inspirierten Kia Hendas blutrote Installation.

  • Kia Henda beschäftigten die Wein- und Opferstöcke im Grenzland.
    foto: steirischer herbst

    Kia Henda beschäftigten die Wein- und Opferstöcke im Grenzland.

  • Kroesinger und Dura wanderten, wo Schutz – für Tiere und Pflanzen – ein Anliegen ist.
    foto: regine dura

    Kroesinger und Dura wanderten, wo Schutz – für Tiere und Pflanzen – ein Anliegen ist.

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