"Virginia" im Test: Ein FBI-Spiel der mysteriösen Sorte

30. September 2016, 10:00
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Das Mystery-Drama lotet die Möglichkeiten interaktiven Erzählens weiter aus – aber nicht für jeden

Es muss gleich am Anfang gesagt werden: Wer sich von Spielen hauptsächlich "Gameplay" erwartet, also spielerisch herausfordernde Prüfungen von Geschick, Durchhaltevermögen oder Kombinationsgabe, kann um das soeben erschienene "Virginia" (PS4, Xbox One, Windows, Mac, 9,99 Euro) einen weiten Bogen machen. Wer aber mit erzählerischen Experimenten wie "Firewatch" oder "Everybody’s Gone To The Rapture" etwas anfangen kann, sollte sich auch dieses innovative Drama unbedingt näher ansehen.

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Video: Trailer zu "Virginia"

"Press Enter to take a Trip"

Als frischgebackene FBI-Agentin im ländlichen Kleinstadtamerika der 90er-Jahre unterwegs, ist es die Aufgabe der Protagonistin, sowohl das Verschwinden eines Jugendlichen als auch die zugeteilte Partnerin genauer unter die Lupe zu nehmen. Im Verlauf einer Woche in der Kleinstadt Kingdom stehen sowohl der mysteriöse Fall als auch das fragile Verhältnis zwischen den beiden Ermittlerinnen im Zentrum. "Press Enter to take a Trip", fordert schon der Startbildschirm zweideutig, und das ist dieses Spiel im doppelten Wortsinn: eine Reise, die zugleich nach draußen und nach innen führt.

"Virginia" ist zwar absolut linear, doch dafür entspinnt sich seine komplexe und letztlich für Interpretation offene Geschichte auf erfrischend fragmentierte Weise. Erzählt wird nicht nur mit den bekannten Mitteln der First-Person-Perspektive, sondern und vor allem auch durch beherzt eingesetzte filmische Mittel – kaum ein Spiel zuvor lebte so vom gekonnten Schnitt, der die zwischen Realität, Vision und Rückblicken kippende Geschichte auf originelle Art und Weise strukturiert. Gesprochen wird dabei im ganzen Spiel übrigens nicht – stattdessen untermalt ein vom Prager Symphonieorchester eingespielter Soundtrack das Geschehen in einer bislang nur in Spielen wie "Journey" oder "Abzû" bekannten Perfektion.

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Video: Trailer zu "Virginia"

Ein Blick sagt mehr als 1000 Worte

Das Fehlen jeden Dialogs bedeutet zugleich, dass unsere Aufmerksamkeit sich primär auf das Gezeigte richtet, und da gibt es einiges zu sehen. Im simplen, aber vor allem in Gestik und Mimik der Figuren ausdrucksstarken Grafikstil gehalten, überlässt es "Virginia" seinen Spielerinnen und Spielern, ihre Schlüsse aus den mysteriösen Vorgängen zu ziehen. Wer von anderen Spielen gewohnt ist, im Laufschritt durch die Umgebung zu sprinten, wird viele der Hinweise übersehen, die "Virginia" gibt – denn am Ende bleibt es den Spielerinnen und Spielern überlassen, ihre eigenen Schlüsse zu ziehen.

Wie sich in den etwa zwei Stunden Spielzeit persönliches Drama, Mystery-Elemente und starke Symbole zu einem faszinierenden Rätsel zusammenfügen, wird jene begeistern, die auch beim Werk von David Lynch, dessen "Twin Peaks" gemeinsam mit "Akte X" nicht nur wegen Setting und Stimmung stets präsent ist, ihre Freude am Grübeln, Diskutieren und Interpretieren haben. Nach "Firewatch" und "That Dragon, Cancer" ist "Virginia" 2016 bereits das dritte souverän gelungene Experiment in Sachen interaktives Erzählen. Nur eben – siehe ganz oben – nicht für jeden. (Rainer Sigl, 30.9.2016)

"Virginia" ist für PS4, Xbox One, Windows und Mac erschienen. UVP: 9,99 Euro.

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