Eine Utopie aus Grazer Zimmerpflanzen

30. September 2016, 08:00
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Im Orpheum öffnet am 5. Oktober der "Garden State" des Frankfurter Kollektivs Mamaza. Er wird eine Oase mitten in der Ankunftszone der Stadt, in der die Pflanzen der Bewohner von Graz wachsen und gedeihen

Graz – Einen üppigen Garten für Träumerinnen und Freiheitssuchende bringt das Frankfurter Kollektiv Mamaza – Fabrice Mazliah, Ioannis Mandafounis und May Zarhy – zum Steirischen Herbst ins Grazer Orpheum. Er wird, verspricht das Kleeblatt, "eine Oase, eine utopische Insel, eine temporäre autonome Zone, ein perfekter Ort" sein. Im Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm hat dieser "choreografische Gemeinschaftsgarten" jedenfalls funktioniert. Das klingt fabelhaft in einer durch Unterhaltungsindustrie und "soziale" Medien zersplitterten Gesellschaft.

Das Grün der Grazerinnen

Gemeinschaft kann immer nur live geschehen und – trotz aller gegenteiligen Behauptungen – nicht medial substituiert werden. Man versteht das spätestens angesichts jener Gruppen von Leuten, die in ihre "Smart"-Phones versunken stumm um Tische sitzen und einander ignorieren.

In Mamazas Garden State kann das Publikum zwischen Hunderten von Zimmerpflanzen entspannen. Er ist wie ein Palmenhaus – aber nicht als Pflanzenmuseum gedacht, sondern als Ort der Begegnung. Das Grün kommt von Grazerinnen und Grazern, die dem Steirischen Herbst ihre Zimmer- oder Büropflanzen großzügig fünf Tage lang zur Verfügung stellen. Damit werden die Spender zum Teil der Installation.

Eine schöne Idee, denn der 2003 vom US-amerikanischen Künstler und Philosophen Hakim Bey (eigentlich: Peter Lamborn Wilson) geprägte Begriff der "Temporären Autonomen Zone" wird in letzter Zeit nur noch selten ins Spiel gebracht. Was schade ist, denn er bezeichnet die Idee eines vorübergehend installierten Freiraums, in dem die Regelwerke seines Umgebungssystems suspendiert sind.

Dazu passend liebäugelt das Mamaza-Trio mit der Geschichte von Libertalia, einer legendären (aber möglicherweise erfundenen) anarchistischen Kolonie, die der englische "Piratenkönig" Henry Avery im 17. Jahrhundert auf Madagaskar mitgegründet haben soll. Dort wurde nach basisdemokratischen Regeln in paradiesischer Umgebung gelebt, der einstige Sklavenhändler befreite nun Gefangene von Sklavenschiffen. Ob überliefert ist, ob Madagaskars indigene Bewohner die 25 Jahre gelebter Utopie der Europäer ebenfalls genossen haben?

Im Garden State sind Konzerte, Filme, Performances, Yoga und Meditation geplant, außerdem finden dort am 6. und 7. Oktober die Workshops der Herbst-Akademie statt sowie am Wochenende vom 8. und 9. Oktober eine internationale Konferenz über dekoloniale Perspektiven unter dem Titel "Welcome to the former West". Das Orpheum steht übrigens in der "Arrival Zone" des Festivals.

Fabrice Mazliah, Ioannis Mandafounis und May Zarhy haben mit ihrem Garden State etwas umgesetzt, das als Kunstwerk "soziale Choreografie" heißt. Dafür interessiert sich auch William Forsythe, in dessen einstiger Company sich die drei Tänzer aus Athen, Genf und Tel Aviv vor elf Jahren kennengelernt haben. 2009 gründeten sie ihr Kollektiv Mamaza und arbeiten ganz im Sinn eines zeitgemäß transdisziplinären Ansatzes zugleich mit Tanz, Performance und bildender Kunst. Als "soziale Choreografie" ist, grob gesagt, die künstlerische Untersuchung von Dynamiken in und zwischen Gesellschaften zu verstehen. In Mamazas Heimatstadt Frankfurt gibt es dafür sogar ein "Institut für soziale Choreografie", das von Steve Valk, der von 1992 bis 2004 William Forsythes Dramaturg war, geleitet wird.

Wenn man so will, dann ist auch die "Arrival Zone" insgesamt ein Ort sozialer Choreografie, an dem es um Bewegungen und Begegnungen geht, die die "Verschiebung kultureller Kartografien", wie es im Motto des Herbst-Festivals heißt, erfahrbar machen. Darin ist der Garden State die grüne Oase. (Helmut Ploebst, Spezial, 30.9.2016)

"Golden State", Orpheum, 5.-9. 10.


Spezial Steirischer Herbst ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit dem Steirischen Herbst. Die redaktionelle Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Der "Garden State" hat sogar seinen eigenen Sonnenauf- und -untergang. Hierher kann man sich zum Entspannen zurückziehen.
    foto: fabrice mazliah / mamaza

    Der "Garden State" hat sogar seinen eigenen Sonnenauf- und -untergang. Hierher kann man sich zum Entspannen zurückziehen.


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