Fünf Gründe, warum Wettbewerbsrankings Unsinn sind

Kommentar der anderen28. September 2016, 17:20
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Österreich hat sich im Wettbewerbsranking des WEF wieder deutlich verbessert. Aber was genau wird dort gemessen? Und wem nützen die Ergebnisse? Einige kritische Anmerkungen

Thomas und Monika füllen einen Fragebogen aus. Thomas ist Manager eines internationalen Versicherungsunternehmens, Monika Angestellte im Einzelhandel. Die Fragen reichen vom österreichischen Kündigungsschutz über das Vertrauen in die Politik bis hin zur Unternehmensbesteuerung, und die beiden haben recht unterschiedliche Einschätzungen. Sie sind für das World Economic Forum (WEF), welches jährliche Wettbewerbsrankings auf Länderebene erstellt.

In Wirklichkeit jedoch wird Monika als Arbeitnehmerin vom WEF nie befragt werden, sondern nur Thomas, der Manager. Seine Meinungen werden mit Daten vermischt und als "das Ranking" Österreichs präsentiert. Damit wird Stimmung gemacht – aber Wettbewerbsrankings wie jenes des WEF sind in Wahrheit Humbug. Hier fünf Gründe, warum:

· Nur Manager: Das WEF-Ranking besteht zu einem Gutteil aus Befragungen, also persönlichen Meinungen und Einschätzungen. "Harte" Fakten machen weniger als die Hälfte des Rankings aus. Diese Befragungen sind in keiner Weise repräsentativ für alle Menschen, die in der Wirtschaft tätig sind; die Sicht von Arbeitnehmern ist für das WEF uninteressant. Es werden nur Manager befragt. Das macht das Ranking einseitig. Politische Interessen spielen dabei eine wesentliche Rolle: Fragen zur Effizienz des Staates, Unternehmensbesteuerung oder Lohnsetzung beispielsweise werden grundsätzlich anders beurteilt, wenn sie von politischen Absichten getrieben sind. Zudem fließen wichtige "harte" Daten wie jene der Arbeitslosigkeit oder der Beschäftigung nicht in den Index ein. Diese würden aber Auskunft darüber geben, wie die Situation etwa am Arbeitsmarkt ist. Das ist grundlegend für die Bewertung der Volkswirtschaft.

· Alles vermischt: Aus den Einzelteilen der unterschiedlichen Kategorien wird am Ende nur ein einzelner Wert errechnet, der dann "den Rang" des Landes angibt. Dabei werden so unterschiedliche Konzepte wie Säuglingssterblichkeit, Agrarpolitik, Internetnutzungsraten, Monopolgesetze oder unternehmerische Kosten zur Terrorismusbekämpfung zusammen in einen Topf geworfen. Alles wird vermischt. Völlig unterschiedliche Länder können so rechnerisch auf denselben Wert kommen – die Aussagekraft liegt bei nahe null.

· Widersprüchlich und unwissenschaftlich: Zwischen den Fragestellungen selbst gibt es zudem Widersprüche: Während das WEF einerseits eine gute Kooperation zwischen Arbeitnehmern und Unternehmen als positiv für die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes sieht, bewertet es andererseits zentrale Kollektivvertragsverhandlungen negativ. In Österreich, wo Kooperation sozialpartnerschaftlich in Branchenlohnverhandlungen stattfindet, passt das nicht zusammen. Überdies werden Befragungsergebnisse, die stark von jenen der Vorjahre abweichen oder nicht ins Bild passen, vom WEF einfach "bereinigt". Die Daten können damit so zurechtgeschustert werden, wie es gerade benötigt wird.

· Paradoxe Ergebnisse: Die Ergebnisse sind denn auch oft absurd. So liegt Österreich bei der Frage über die Verschwendung öffentlicher Ausgaben hinter Ländern wie Botswana, Ghana oder Ruanda auf Platz 54 von 138. Die Unabhängigkeit der Justiz ist laut WEF in Katar, Südafrika oder Uruguay besser gewährleistet. Und auch die Kosten von Terrorismus für Unternehmen seien in Aserbaidschan, Lesotho und Namibia höher als in Österreich. Damit ist klar: Eine ernstzunehmende Vergleichbarkeit zwischen Ländern erlaubt das Ranking nicht.

· Die Realität sieht anders aus: Auch wenn Österreich heuer einen Sprung nach vorn gemacht hat, werden die Rankings regelmäßig herangezogen um den Standort schlechtzureden (Stichwort "abgesandelt"). Sieht man sich einige Daten zur österreichischen Volkswirtschaft an, ergibt sich ein gänzlich anderes Bild: Da rangiert Österreich beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf seit rund 20 Jahren stabil unter den reichsten Volkswirtschaften Europas, und die Armutsgefährdung ist niedrig. Auch die heimische Industrieproduktion liegt weit über jener des Euroraumdurchschnitts und damit im europäischen Spitzenfeld. Das System der branchenweiten Lohnverhandlungen hat sich als stabiler Anker in der Krise herausgestellt, ebenso wie der breite Abdeckungsgrad der Kollektivverträge.

Natürlich gibt es viele wichtige Baustellen, an denen gearbeitet werden müsste: Die hohe Arbeitslosigkeit, die Stagnation niedriger Einkommen oder die hohe Besteuerung von Arbeit und niedrige Besteuerung von Vermögen. Diese Probleme sollten allerdings mithilfe sauberer Daten und klarer Positionen diskutiert werden. Sinnvoller wäre es, Fakten wie zum Beispiel Arbeitslosigkeit, Kaufkraft, Investitionen und Forschungsausgaben je nach Fragestellung nebeneinander abzubilden, um einen Blick für das "große Ganze" zu bekommen, anstatt alles in einen Topf zu werfen.

Politische Forderungen

Rankings wie jene des World Economic Forum haben einen unverkennbaren politischen Beigeschmack. Sie spiegeln die Interessen von Unternehmern wider und nicht, wie sie vorgeben, die "objektive" Wettbewerbsfähigkeit eines Landes. Ihre größte Stärke liegt darin, politischen Forderungen nach Steuersenkungen, Förderungen und Deregulierung für Unternehmen den Weg zu ebnen und damit vorrangig einzelwirtschaftliche Interessen zu bedienen, anstatt gesamtwirtschaftlich fundierte Information bereitzustellen. (Miriam Rehm, 28.9.2016)

Miriam Rehm ist Ökonomin in der Abteilung für Wirtschaftswissenschaft und Statistik der Arbeiterkammer und spezialisiert auf Einkommen und Vermögen.

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