"Manche fragen, ob ich mit dem verwandt bin, der am Mond war"

1991 reiste der Ingenieur Franz Viehböck als erster – und bislang einziger – Österreicher ins All

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Interview2. Oktober 2016, 08:00

Wien – Zwei Tage bevor die Sojus-Rakete am 2. Oktober 1991 in Richtung der russischen Raumstation Mir startete, war noch nicht klar, wer der erste Österreicher im All sein würde. Zwei Jahre hatten der Ingenieur Franz Viehböck und der Mediziner Clemens Lothaller für den achttätigen Weltraumaufenthalt trainiert. Am Abend des 30. September entschied sich die russische Raumfahrtkommission für Viehböck. Zum 25-Jahr-Jubiläum des Projekts Austromir, traf der STANDARD die beiden "Austronauten" zum Interview im Wiener Planetarium. Dessen Direktor Werner Gruber, damals Physikstudent, war als Zaungast dabei und outete sich dabei als Austromir-Fan.

Gruber: Meine Herren, darf ich Sie vorweg um ein Autogramm bitten? Ich habe nicht jeden Tag Kosmonauten im Haus ...

STANDARD: Wie fühlt sich Schwerelosigkeit an?

Viehböck: Man kann dieses Gefühl schwer beschreiben. Die Schwerkraft fehlt eigentlich nicht, sondern sie wird durch die Zentrifugalkraft kompensiert, die entsteht, wenn man die Erde umkreist. Dadurch beginnen zum Beispiel die Arme, die auf der Erde hinuntergedrückt werden, zu schweben. Wenn der Körper in Ruhe schwebt, verschieben sich in den ersten Tagen die Körperflüssigkeiten in den Kopf. Der Körper reagiert darauf sehr schnell und scheidet mehrere Liter Flüssigkeit aus. Das hat bei mir in den ersten Tagen Kopfweh verursacht. Aber sonst ist es ein cooles Gefühl. Es gibt kein Oben und kein Unten mehr.

Die Konferenzschaltung zwischen Präsident Kurt Waldheim und Viehböck auf dem Titelblatt des STANDARD: Ob er nach dem Andocken etwas zu sich genommen hatte, fragte Waldheim. Viehböck: "Nach der Ankunft habe ich gegessen und schon verdaut. Es läuft alles."

STANDARD: Wie kann man sich darauf vorbereiten?

Viehböck: Auf der Erde kann man die Schwerelosigkeit mit Parabelflügen in Fliegern erzeugen – aber nur kurzzeitig, bis zu 30 Sekunden. Auch Tauchen fühlt sich ähnlich an.

STANDARD: Was sind die wichtigsten physiologischen Vorgänge, auf die man den Körper vor der Reise ins All vorbereiten muss?

Lothaller: Einer der Vorgänge ist das Aufsteigen der Körperflüssigkeiten. Das haben wir mit einer Liege trainiert, man liegt darauf in der Kopf-abwärts-Position und schläft auch zeitweise so. Außerdem muss man das Gleichgewichtsorgan an die Schwerelosigkeit anpassen. Das haben wir mit einem beliebten Experiment geübt: dem Drehstuhl. Dabei sitzt man mit geschlossenen Augen auf dem Stuhl und muss den Kopf abwechselnd nach vorn und nach hinten geben – das provoziert das Gleichgewichtsorgan enorm. Langzeitveränderungen wie dem Abbau der Knochenstruktur wird vorgebeugt, indem man oben viel trainiert – das war aber beim kurzen Aufenthalt während Austromir nicht notwendig.

Franz Viehböck (links) und Clemens Lothaller (rechts) wurden 1989 von 180 Bewerbern für die Mission Austromir ausgewählt. Knapp zwei Jahre verbrachten sie im sowjetischen Ausbildungszentrum für Kosmonauten im russischen Sternenstädtchen nordöstlich von Moskau. Letztlich flog Viehböck zur Mir. Bis heute sind die beiden befreundet.

STANDARD: Gab es Situationen im All, auf die Sie das Training nicht vorbereitet hatte?

Viehböck: Ja, die Übergänge der verschiedenen Startphasen waren überraschend. Der Start dauert knapp neun Minuten: vom Moment, in dem die Triebwerke zünden, bis man im Weltall mit 28.000 Kilometern pro Stunde die Erde umkreist. Wenn die zweite Beschleunigungsstufe auf die erste folgt, gibt es einen Ruck, da hatte ich das Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung ist. Ich habe damit gerechnet, dass das Sicherheitssystem aktiv wird, das Raumschiff und Kapsel von der Trägerrakete wegsprengt. Doch dann habe ich im Kopfhörer gehört, dass Stufe Zwei normal begonnen hat.

STANDARD: Sie beide haben zwei Jahre in Russland trainiert – gab es manchmal Momente, in denen Sie sich fragten, warum Sie sich das antun?

Lothaller: Es gab schon viele Momente, die mühsam waren. Doch die hatten weniger mit dem Training zu tun als mit dem Leben dort. Wir haben in einer sowjetischen Militärkaserne gewohnt, die sich, wie wir vor kurzem festgestellt haben, kaum verändert hat – noch immer dieselbe Tristesse. Aber das Training war uns nicht zu schwierig, es gab keinen Moment, in dem wir Angst gehabt hätten.

Viehböck: Wir haben den Zusammenbruch der Sowjetunion miterlebt. Das haben wir gespürt. Doch andererseits hatte man ein klares Ziel vor Augen und brachte die Energie auf, es auch zu erreichen.

STANDARD: Falls es noch einmal eine österreichische Raumfahrt gäbe – würden Sie wieder mitfliegen wollen?

Lothaller: Sicher, das ist überhaupt keine Frage. Ich denke nur, dass es niemand bezahlen würde.

STANDARD: Während Ihres Mir-Aufenthalts haben Sie 15 technische und medizinische Experimente durchgeführt, die in Österreich konzipiert wurden – was konnte langfristig daraus gelernt werden?

Viehböck: Die Experimente waren alle sehr gut vorbereitet, daher wurden die meisten bei nachfolgenden Missionen weiterverwendet. Einige Resultate fanden langfristig Anwendung. Bei Austromir nahmen wir zum Beispiel einen Ionenemittor, der in Seibersdorf entwickelt wurde, das erste Mal in Betrieb. Mittlerweile hat diese Technologie bei Satelliten Einzug gehalten, in Form von Ionentriebwerken – das sind kleine, sehr genaue Triebwerke, die die Position des Satelliten steuern. Solche Triebwerke werden auch verwendet, um den Satelliten auf neutraler Ladung zu halten – denn aufgrund der Sonnenbestrahlung laden sich Satelliten positiv auf. Ein medizinisches Experiment untersuchte die Herzfrequenzvariabilität. Es wurde etwa gemessen, wie sich der Puls in der Schwerelosigkeit bis zu den kleinen Zehen ausbreitet. Als ich vor zwei Jahren auf Kur war, wurde mir eine Stresstherapie angeboten, die auf den Ergebnissen dieses Experiments beruhte.

Gruber: Im Rahmen meiner Diplomarbeit habe ich mich damit beschäftigt. Es geht darum, dass die Frequenz eines Herzschlags nicht völlig konstant sein sollte, das würde nämlich auf einen bevorstehenden Herzinfarkt hindeuten.

viehböck und lothaller
Viehböck bei der Durchführung des Experiments Migmas-A.

STANDARD: Hat Österreich eigentlich genug aus Austromir gemacht?

Lothaller: Es war ein toller Start, aber daraus ist in weiterer Folge relativ wenig geworden. Anders als die Franzosen oder die Deutschen hatte Österreich keine Nachfolgemissionen. Das ist sehr schade – auch für mich persönlich, weil es deshalb auch keinen zweiten Flug gegeben hat.

Viehböck: Österreich hat damals viel geleistet – und das für wenig Geld. Für unsere Ausbildung haben wir an die Russen 50 bis 70 Millionen Schilling gezahlt. Insgesamt kostete Austromir 200 Millionen – der Großteil wurde in Österreich für die Entwicklung der Experimente investiert. Wir waren Wegbereiter in der Zusammenarbeit mit den Russen und haben nicht viel daraus gemacht, das wäre viel besser gegangen. Andererseits hat Austromir Weltraumaktivitäten in Österreich überhaupt erst populär gemacht – davor hatten die meisten Österreicher kaum eine Ahnung.

Der Start der "Austromir"-Mission.

STANDARD: Welche Rolle spielte Österreich damals in der Entwicklung von Weltraumtechnologien?

Viehböck: Die europäische Weltraumbehörde Esa hat schon vor Austromir das Spacelab entwickelt, ein wiederverwendbares Labor für Experimente am Spaceshuttle. In Österreich hat man damals das Weltraumfenster des Spacelab gebaut, dann sind immer mehr Aktivitäten dazugekommen. Mittlerweile hat das Land bei Satellitenentwicklungen eine wichtige Rolle eingenommen.

STANDARD: Österreich war zur Zeit von Austromir schon volles Esa-Mitglied. Dennoch war dieses Projekt eine Kooperation mit der russischen Weltraumfahrt. Wie haben Sie diese Situation erlebt?

Viehböck: Österreich wurde 1987 Vollmitglied der Esa, im gleichen Jahr wurde die Einladung der Russen ausgesprochen. Es war merkwürdig, dass Österreich die bemannte Raumfahrt innerhalb der Esa nicht unterstützt hat, als wir schon längst im Training für Austromir waren. Aus heutiger Sicht: eine österreichische Lösung.

Lothaller: Ich habe bei der Esa nach Austromir an einem Isolationsexperiment mitgemacht. Das war 1992 – ein Experiment für Langzeitaufenthalte. Ich war 1998 auch auf einer Liste für die European Astronauts Board Selection. Das hat mich interessiert, doch dafür hatte ich den falschen Reisepass. Deutschland oder Frankreich zahlen um so viel mehr. Deswegen war klar: Ich hatte keine Chance mitzufliegen. Außerdem hatte ich keine Lust mehr, nur am Boden Trainings zu machen. Somit war die Sache dann für mich beendet.

STANDARD: Sie haben in einer Zeit, als man an einen Flug zum Mars noch nicht denken konnte, Erfahrungen mit der Raumfahrt gesammelt. Wie wahrscheinlich ist ein Flug zum Roten Planeten heute?

Viehböck: Das halte ich für sehr wahrscheinlich. Die USA haben ihr Spaceshuttle-Programm eingestellt und bauen eine Kapsel, die nicht nur zur Raumstation ISS, sondern auch darüber hinaus fliegen kann. Sie wird nächstes Jahr erstmals und bemannt spätestens 2018 fliegen. Das ist schon ein überschaubarer Zeitrahmen. Das Ziel ist die weitere Exploration des Weltraums. Wann es dann tatsächlich zum Mars geht, steht im wahrsten Sinn des Wortes in den Sternen. Ich bin überzeugt, dass wir das noch erleben werden.

Lothaller: Es ist eine Geldfrage. Gäbe es nach wie vor einen Rüstungswettlauf zwischen West und Ost wie einst, als das Apollo-Programm lief, dann würden die Staaten wesentlich mehr Geld investieren. Technisch wird es möglich sein. Die Frage ist: Wie entscheidet die Politik? Wird es eine Kooperation geben, wer zahlt?

Gruber: Herrschaften, einen Satz nur zum Mars: Die Protuberanzen, die Materienstürme der Sonne haben wir nicht in den Griff bekommen, das heißt die Krebswahrscheinlichkeit ist hoch.

Viehböck: Verstehe. Ergänzend muss man sagen: Es gibt schon noch einen Wettlauf. Die Chinesen wollen auf den Mond. Da werden die Amerikaner nicht zuschauen.

Videokonferenz mit Waldheim während Viehböcks Aufenthalt auf der Mir.

STANDARD: Austromir hatte hierzulande ein großes Medienecho. Sie waren beide im Ausland, wo sich die Berühmtheit relativiert. Wie haben Sie den Hype wahrgenommen?

Lothaller: Beim Flug war ich im Kontrollzentrum. Ich habe das daher gar nicht als so großen Hype mitbekommen. Wir hatten zwar Sponsoren, aber das ist bei weitem nicht so professionell gelaufen, wie etwa bei Felix Baumgartners Sprung aus der Stratosphäre im Oktober 2012.

Viehböck: Mich hat schon überrascht, dass es so einen starken Impakt hatte. Es war schon ziemlich präsent, teilweise bis heute.

Lothaller: Ja. Es gibt Patienten, die auf den Namen reagieren. Manche fragen mich: Sind Sie nicht mit dem verwandt, der auf dem Mond war?

Viehböck: Der Impakt ist aber nicht durch die Wissenschaft gekommen, das muss man sagen. Es gab emotionale Momente: Ein paar Stunden nach dem Start ist meine Tochter zu Welt gekommen.

viehböck und lothaller
Viehböck während seines Aufenthalts auf der Mir, beim Versuch einen Wassertropfen zu fangen.

STANDARD: Hatten Sie nach dem Flug auch das Gefühl, medial auf die Bremse steigen zu müssen?

Viehböck: Wir waren die ersten zwei Jahre nach dem Flug schon sehr viel unterwegs. Da gab es Tage mit vier Vorträgen hintereinander. Da verliert man den Bezug. Ich habe danach reduziert. Dann war ich wieder mit Freude bei der Sache. Runterspulen bringt nichts. Wir mussten ja auch Fragen beantworten.

Lothaller: Die lustigsten Fragen kamen von den Kindern. Zum Beispiel: Wie geht man aufs Klo?

STANDARD: Die Antwort wollen wir aber jetzt schon hören.

Viehböck: Man geht normal aufs Klo – und der Rest funktioniert wie bei einem Staubsauger. (Interview: Tanja Traxler und Peter Illetschko, 2.10.2016)

Franz Viehböck (56) ist Elektrotechniker und seit 2004 Chief-Technology-Officer bei der Berndorf AG.

Clemens Lothaller (53) ist Oberarzt in der neurochirurgischen Abteilung des Wiener Donauspitals.