Die österreichische Lehre als Exportmodell

1. Oktober 2016, 09:00
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Vielen heimischen Firmen fehlen an internationalen Produktionsstandorten Fachkräfte. Ein Vorarlberger Unternehmen exportierte kurzerhand die duale Ausbildung

Auch wenn die Lehre ein Modell ist, das in Österreich eine lange und durchaus erfolgreiche Geschichte hat, bleibt sie im internationalen Vergleich ein Spezifikum. Zwar kennen auch Deutschland, die Schweiz und viele andere Länder eine duale Ausbildung, allerdings in anderen Ausprägungen. Und schließlich gibt es auch jene Länder, in denen es die duale Ausbildungsform gar nicht gibt. Heimische Unternehmen, die in solchen Ländern produzieren, stellt das vor eine Herausforderung: Es werden Fachkräfte gesucht. Die Lösung: Die Lehrlingsausbildung exportieren.

Die Lehre auf Weltreise

So geschehen beim Vorarlberger Familienunternehmen Alpla, das Verpackungssysteme produziert. Seit 2013 wird in Mexiko und China die duale Ausbildung angeboten, wie sie auch in Österreich existiert. Es mussten also Behörden überzeugt, rechtliche Rahmen geschaffen, Kooperationspartner gesucht und Lehrlinge gefunden werden.

In Mexiko ist Alpla mit 21 Produktionsstandorten vertreten und bereits seit 20 Jahren vor Ort. In China ist der Verpackungshersteller in den letzten Jahren schnell gewachsen. Es sei in beiden Ländern also auf der Hand gelegen, eigene Fachkräfte auszubilden, sagt Julian Fässler, der für die Internationalisierung der dualen Ausbildung zuständig ist. In beiden Ländern gibt es Berufsschulen, die allerdings anders strukturiert sind als in Mitteleuropa. Das 80:20 Modell – 80 Prozent der Ausbildungszeit im Betrieb, 20 Prozent in der Schule – kennen beide Länder nicht. "Jedoch waren die Behörden beider Länder sehr offen für dieses System, da sie die positiven Erfahrungen aus Europa sehr wohl kennen", sagt Fässler.

Völlig unterschiedliche Rahmenbedingungen

Die Umsetzung lief dann aber völlig unterschiedlich: "In China konnten wir recht schnell eine gute Berufsschule finden, die mit uns kooperiert, vorausgesetzt, wir füllen eine ganze Klasse", erinnert sich Fässler. Zwei weitere Firmen beteiligten sich an dem Vorhaben, und das Projekt China war somit auf gutem Wege. Auch die chinesische Führung habe mit Neugierde und Interesse das Tun verfolgt.

Anders lief es in Mexiko: "Wir konnten hier nirgends andocken, die Ausstattung war nicht gut." Alpla bietet die Ausbildung deswegen komplett intern an – österreichische Ausbildner sind vor Ort, und über einen regionalen Partner konnten Berufsschullehrer gefunden werden. Es wird wöchentlich ein Bericht an die Behörde mit den Ausbildungsinhalten verfasst. Dadurch bekommen die Lehrlinge ein Zeugnis, das in Mexiko offiziell anerkannt wird.

Auf der Suche nach Lehrlingen

Gesucht werden in beiden Ländern junge Menschen, die sich zum Kunststoffformgeber oder zum Werkzeugmechaniker ausbilden lassen. Nicht nur für Behörden, sondern auch für die Jugendlichen etwas Neues. In beiden Ländern seien die Eltern wichtige Ansprechpartner gewesen, um Junge für das Programm zu begeistern. In Mexiko sind Firmenvertreter von Schule zu Schule gezogen, um die Möglichkeit zu bewerben, in China wurde das Programm den bereits akzeptierten Schülerinnen und Schülern der kooperierenden Berufsschulen präsentiert. "Natürlich möchten wir auch den Lehrlingen in China und Mexiko eine Lehrlingsentschädigung bezahlen", sagt Fässler. Das sorgte für Irritationen: "Die Eltern haben uns gefragt, was sie für die Ausbildung zahlen müssen. Das war etwas ganz Neues für sie."

Um die duale Ausbildung in den beiden Ländern zu starten, mussten aber nicht nur neue Lehrwerkstätten und Strukturen aufgebaut werden. Wichtig sei von Anfang an auch gewesen, dass die Möglichkeit besteht, einen in Österreich anerkannten Abschluss zu machen. Alpla kooperiert deswegen mit Wifi International, das für die Prüfungsabwicklung nach österreichischen Kriterien zuständig ist. Bisher haben alle Lehrlinge bestanden, 2016 gab es in Mexiko sogar drei ausgezeichnete Erfolge. "Formalrechtlich darf eine Lehrabschlussprüfung nur in Österreich stattfinden. Das nun etablierte System der Gleichhaltung ermöglicht den österreichischen Firmen, ihren Lehrlingen im Ausland einen österreichischen Lehrabschluss anzubieten. Dies macht die duale Ausbildung in Ländern, in denen dieses praxisorientierte System noch vollkommen neu ist, bekannt und attraktiver", sagt der Leiter des Weiterbildungsinstituts der Wirtschaftskammer, Michael Landertshammer.

Keine weiteren Exporte geplant

Andere Firmen würden teils großes Interesse zeigen und wollen über Fortschritte informiert werden. "Momentan schauen sie noch zu. Am meisten interessiert sind andere Firmen an der Frage, ob sich die enormen Investitionen auch lohnen und die Fachkräfte bleiben", sagt Fässler. Bisher seien alle ausgebildeten Lehrlinge geblieben. Von einem Erfolg könne man nach so kurzer Zeit noch nicht sprechen. Die Loyalität dem ausbildenden Unternehmen gegenüber sei in diesen Ländern geringer, sagt Fässler. Deswegen sei es sehr wichtig, attraktive Karrierepfade, eine gute Unternehmenskultur und Werte zu vermitteln.

Einen Plan, die Lehrlingsausbildung in einem weiteren Land zu starten, gibt es bei Alpla bis dato nicht. Man wolle sich lieber auf die aktuellen Programme konzentrieren. In beiden Ländern kommt nun ein dritter Lehrberuf hinzu. (lhag, 1.10.2016)

  • Lehrlinge und ihr Ausbildner in China: Berufsschulen gab es zwar vor Ort, allerdings fand die Ausbildung zu 80 Prozent in der Schule statt. Seit 2013 wird die Lehre, wie man sie in Österreich kennt, angeboten: 20 Prozent in der Klasse und 80 Prozent im Unternehmen. Der erste Jahrgang wird nächstes Jahr die Lehrabschlussprüfung absolvieren.
    foto: alpla lehner gmbh

    Lehrlinge und ihr Ausbildner in China: Berufsschulen gab es zwar vor Ort, allerdings fand die Ausbildung zu 80 Prozent in der Schule statt. Seit 2013 wird die Lehre, wie man sie in Österreich kennt, angeboten: 20 Prozent in der Klasse und 80 Prozent im Unternehmen. Der erste Jahrgang wird nächstes Jahr die Lehrabschlussprüfung absolvieren.

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