Der wunde Punkt: Offene Beine, schlecht versorgt

29. September 2016, 05:30
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In Spitälern und bei Hausärzten fehlt Wissen zu moderner Wundversorgung, sagen Experten. Von der Sozialversicherung fordern sie nachhaltigeres Handeln

"Ich besuche die Oma nicht mehr, weil die Oma stinkt" – nicht erst einmal hat Wundmanager Felix Madar von einem neuen Patienten gehört, dass Besuche von Kindern und Enkeln in der Vergangenheit ausgeblieben sind, weil sich durch eine schlecht versorgte Wunde Gerüche gebildet haben. "Vereinsamung, psychische Probleme und eine schlechtere Lebensqualität sind die Folge", sagt Madar. Ist ein Patient erst einmal bei ihm gelandet, ändert sich das schnell. Er ist auf das professionelle Versorgen von Wunden spezialisiert. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten seiner Behandlung jedoch nicht.

Doch von vorne. 250.000 Österreicher haben laut der Österreichischen Gesellschaft für Wundbehandlung eine chronische Wunde. Am häufigsten treten die so genannten "offenen Beine" auf. Sie sind eine Folge von Verletzungen, Minderdurchblutung, Diabetes oder einem Problem im venösen System, erklärt Madar. "Diesen Patienten wird in Spitälern, beim Haut- oder Hausarzt meist gesagt, dass sie sich mit der Diagnose 'nicht heilbar' und einer möglichen Amputation abfinden müssen." Dass diese Wunden nicht heilen, liege meist aber nur an der falschen Behandlung, so der Experte.

Die falsche Behandlung von Wunden ist auf zwei Faktoren zurückzuführen: Erstens spielt das Material eine Rolle, zweitens die Fachkraft, die eine Wunde versorgt. Die Initiative "Wund?Gesund!" der Austromed, der Vertretung der österreichischen Medizinproduktehersteller, hat den 29. September heuer erstmals zum "Tag der Wunde" erklärt und will damit auf die ungenügende Wundversorgung in Österreich aufmerksam zu machen.

Amputationen verhindern

Unterschieden wird zwischen der modernen oder innovativen und der traditionellen Wundversorgung. Bei letzterer werden gewöhnliche Mullbinden verwendet und Wunden trocken verbunden. "Zellen brauchen aber Feuchtigkeit, um sich neu zu bilden. Eine Wunde darf daher nicht ausgetrocknet werden. Zudem sind Nekrosen, also Krusten, die sich auf einer Wunde bilden, ein Nährboden für Keimbesiedelung – dadurch heilt die Wunde noch schlechter", erklärt Madar. Adäquat sei eine feuchte Wundversorgung. Ihre Vorteile sind laut Philipp Lindinger von der Initiative "Wund?Gesund!", dass Verbände seltener gewechselt werden müssen, die Patienten weniger Schmerzen haben, es zu weniger Geruchsentwicklung kommt und Wunden besser heilen. "Damit lassen sich sogar drohende Amputationen verhindern", so Lindinger.

Die Initiative "Wund? Gesund!" kritisiert, dass neuartige und innovative Produkte, die es für manche chronische Wunden braucht, nicht von der Krankenkasse bezahlt werden. "Der Patient kann die Rechnung einreichen und bekommt nach Bewilligung eines Chefarztes 80 Prozent ersetzt", erklärt Lindinger. Er kritisiert, dass weder der Patient noch der behandelnde Arzt entscheiden können, welche Produkte zum Einsatz kommen, die Auswahl obliege in erster Instanz dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger. "Sie erfolgt vor allem nach dem Preis- statt nach dem Nutzenaspekt", so die Initiative.

Wundmanager Madar glaubt hingegen nicht, dass die schlechte Wundversorgung auf das Verbandsmaterial zurückzuführen ist: "Mit dem Material das die Krankenkasse bezahlt, können wir fast alles machen." Seiner Meinung nach, liegt das viel größere Problem darin, dass nur gut geschultes Personal entscheiden kann, welches der tausenden Produkte für die jeweilige Wunde optimal ist. Die Krankenkasse finanziert professionelle Wundmanager allerdings nicht. "Traditionelle Produkte werden häufig verwendet, weil die Anwender über moderne Produkte nicht Bescheid wissen, sie keine Weiterbildung dazu gemacht haben", sagt Lindinger. Im niedergelassenen Bereich sieht er Nachholbedarf, will den Zuständigen aber nichts vorwerfen: "Ärzte und Pfleger bekommen nur sehr geringe Pauschalen für die Behandlung, da geht sich eine moderne Wundversorgung nicht aus."

"Huschhusch-Behandlung"

Das bestätigt auch Madar: "Die adäquate Versorgung einer Wunde dauert mindestens 30 Minuten, beim Hausarzt oder im Spital sind dafür aber höchstens zehn Minuten Zeit. Die Kassen bezahlen leider nur diese 'Huschhusch-Behandlung'", kritisiert er. Wer professioneller versorgt werden will, müsse selbst in die Tasche greifen oder sich mit einer unzureichenden Behandlung, einer unheilbaren Wunde oder gar einer Amputation abfinden.

Neben der schon erwähnten Vereinsamung, droht Patienten mit schlecht versorgten Wunden auch ein höherer Bedarf an Schmerzmitteln und weiterführenden Therapien, weil Bakterien sich auf der Wunde ansiedeln können. Gleich in sorgfältige Wundversorgung zu investieren, zahlt sich laut Lindinger nicht nur für das Wohl der Patienten aus, sondern auch aus gesundheitsökonomischer Perspektive: "Der Patient ist schneller wieder zurück im Arbeitsleben, belastet Ambulanzen und Ordinationen weniger, verursacht insgesamt weniger Kosten. Wir müssen weg von der Stückkostenbetrachtung hin zu einer Prozessoptimierung." Auch Madar bestätigt: "Untersuchungen haben gezeigt, dass professionelles Wundmanagment zwar punktuell teurer ist, auf die gesamte Dauer des Wundprozesses aber kostengünstiger."

Lindinger fordert, Anreize für alle behandelnden Stellen zu schaffen, dass auch sie sich zum Thema professionelles Wundmanagement – was Material und Behandlung betrifft – weiterbilden. "Ärzte und Pfleger brauchen mehr Wissen darüber, wie Verbandsstoffe richtig anzuwenden sind." Zudem müssten die Kosten für hochwertige Materialien gänzlich erstattet werden. Madar fordert die Sozialversicherungen auf, auch die Kosten für Wundversorgung von Professionisten zu übernehmen. Zudem müssten Verträge mit den Kassen abgeschlossen und Wundmanager offiziell anerkannt werden. (Bernadette Redl, 29.9.2016)

  • Eine professionelle Wundversorgung dauert mindestens eine halbe Stunde, so viel Zeit ist im Spital oder beim Hausarzt meist nicht.
    foto: initiative wund?gesund!

    Eine professionelle Wundversorgung dauert mindestens eine halbe Stunde, so viel Zeit ist im Spital oder beim Hausarzt meist nicht.

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