US-Präsidentschaftswahl: Es war kein Showdown

Kommentar27. September 2016, 17:52
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Das Rennen bleibt offen

Wie immer in amerikanischen Wahlkämpfen konnte es nicht ohne die unvermeidlichen Superlative abgehen: Das erste direkte Duell der beiden Kandidaten für die US-Präsidentschaft sei ein "Showdown epischen Ausmaßes", hieß es. Ja, es werde eine Art bleihaltiger High Noon im Polit-Corral werden, bei dem nur eine Seite in ihren Stiefeln stehen bleiben könne. Und auch wenn solche TV-Konfrontationen noch nie wahlentscheidend waren, diese – mutmaßten die Talking Heads auf allen Kanälen – werde es womöglich doch sein.

Was aber bekamen die rund 100 Millionen Fernsehzuseher in der Debatte tatsächlich serviert? Im Grunde genommen genau das, was sie vorher auch schon wussten. Auf der einen Seite stand ein schamloser Antipolitiker, der sich streckenweise wie ein außer Rand und Band geratener Gebrauchtwagenverkäufer betrug und log, dass sich die Balken bogen. Auf der anderen präsentierte sich die emsige Emissärin des Establishments, deren Eignung als Präsident außer Frage gestellt war. Donald Trump ließ erkennen, dass er keine anderen Pläne als sein Ego hat ("Meine größte Stärke ist meine Siegermentalität"). Hillary Clinton machte deutlich, dass sie fachlich umfassend beschlagen ist ("Ich bereite mich vor. Und ich bin auch vorbereitet, Präsidentin zu sein"). Ein Showdown? Das Gegenteil.

Ob sich der in den meisten seriösen Befragungen festgestellte Debattensieg der Demokratin nun auch in den Wahlumfragen niederschlägt, wird sich weisen. Trotzdem bleibt das Rennen eng. Der US-Wahldaten-Guru Nate Silver hat bereits im Sommer eine sich zugunsten Trumps wandelnde, allgemeine Stimmungslage festgestellt und vor der aktuellen TV-Konfrontation eine Kopf-an-Kopf-Situation diagnostiziert. Daran wird sich im Wesentlichen nichts ändern, auch wenn Clinton nun in nationalen Umfragen, die eine generelle Stimmungslage wiedergeben, und in regionalen Befragungen – in den sogenannten Swing States werden die Präsidentschaftswahlen tatsächlich gewonnen – etwas zulegen kann.

Das Trump-Lager und das Clinton-Camp haben sich verfestigt. Die wenigsten werden hüben wie drüben noch einmal ihre Meinung ändern und an der Wahlurne umdisponieren. So verrückt kann Trump, so fad kann Clinton gar nicht sein. Ausschlaggebend werden am 8. November wie immer die parteilosen und unentschlossenen Wähler in wenigen Bundesstaaten sein. Entschieden wird diese Wahl in den Vororten von Columbus und Cleveland (Ohio), in Denver (Colorado), Tampa und Orlando (Florida) oder Harrisburg (Pennsylvania). So sieht es die politische Mathematik im komplizierten US-Elektorensystem vor.

Wie die Wähler in diesen entscheidenden Bezirken abstimmen werden, ist sechs Wochen vor der Wahl unvorhersehbar. Daran wird diese TV-Debatte wenig ändern, genauso wie die beiden noch folgenden. Das Rennen ist offen– auch wenn dies viele in den USA (und Europa) als schwere Drohung empfinden. (Christoph Prantner, 27.9.2016)

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