World Press Photos: Vom Voyeurismus der Pressefotografie

28. September 2016, 07:00
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Viele der World Press Photos sind schonungslos. Eine vom STANDARD mitorganisierte Diskussion ging der Frage nach, was sie für die Abgebildeten bedeuten

Wien – Kriege, Terroranschläge, tausende Menschen auf der Flucht: Die mörderischen Realitäten in vielen Teilen der Welt finden auf Pressefotos direkten Niederschlag. So auch auf vielen der Bilder, die heuer im Rahmen des renommierten, seit 1955 alljährlich stattfindenden holländischen World-Press-Photo-Wettbewerbs prämiert wurden. Sie sind noch bis 16. Oktober in der Wiener Fotogalerie Westlicht zu sehen.

Doch rufen die Abbildungen aus brennenden Straßen syrischer Städte und bei Bombenangriffen verletzter Kinder mit Blut im Gesicht nicht ein Gefühl permanenter Bedrohung hervor? Schüren Fotos von Flüchtlingen und Migranten in überfüllten Booten oder beim Überwinden von Stacheldrahtzäunen den Pessimismus – und erleichtern damit unwillkürlich das Geschäft von Populisten, die einfache, aber falsche Antworten auf Krisen anbieten? So weit die Fragen, die am Montagabend bei einer in Zusammenarbeit mit dem Standard in der Galerie Westlicht abgehaltenen Podiumsdiskussion behandelt wurden.

Aufrüttelnde Wirkung

Nicht allein Bedrohliches gehe von derlei Pressefotos aus, meinte etwa die Sprachwissenschafterin Ruth Wodak. Hervorzuheben sei auch ihre aufrüttelnde Wirkung. Das zeige sich etwa an den Aufnahmen des syrischen Buben Aylan Kurdi, der auf der Flucht starb und 2015 auf einem türkischen Strand tot fotografiert und videogefilmt wurde; Teil des World-Press-Photo-Awards waren die Kurdi-Bilder nicht.

Wie schon, zum Beispiel, das berühmte, aus dem Jahr 1972 stammende Foto eines kleinen vietnamesischen Mädchens, das nackt und verletzt vor einem Angriff mit flüssigem Brennstoff flieht, oder aber die im Zuge der Wehrmachtsausstellung veröffentlichten Aufnahmen könnten derlei Bilder zu Krieg oder Krisen anklagenden Ikonen werden, sagte Wodak in der von Standard-Redakteurin Irene Brickner moderierten Diskussion. Zumal sie sich in der heutigen multimedialen Welt rasend schnell weiterverbreiteten und rasch symbolische Wirkkraft annähmen, ergänzte die Leiterin des Innenpolitikressorts der Austria Presse Agentur, Katharina Schell.

Zweierlei Maß beim Persönlichkeitsschutz

Bei "ikonischen" Fotos komme es sehr auf den Kontext an, in den sie eingebettet werden, betonten Wodak sowie die Politikwissenschafterin und Visual-Studies-Expertin Petra Bernhardt. Als Beispiel ließ Bernhardt eine Aufnahme tausender im Oktober 2015 an der kroatisch-slowenischen Grenze wartender Menschen an die Wand projizieren – sowie, rechts davon, das fremdenfeindliche Plakat, das Brexit-Befürworter Nigel Farage daraus machte.

Ob nun bei diesem Foto oder jenen von verletzten syrischen Kindern in der Schau – kritisch sei, mit welcher Selbstverständlichkeit man sich hier über das Recht der Abgebildeten auf das eigene Bild hinwegsetze, fügte der Pressefotograf Christian Fischer an. Es werde mit zweierlei Maß gemessen, und vor allem im Fall von Kindern sei das ein Problem, sagte Fischer, der häufig auch für den Standard arbeitet. Prominente wie Exfinanzminister Karl-Heinz Grasser würden bei Beeinträchtigung ihrer Persönlichkeitsrechte entschädigt, die inkriminierten Fotos aus den Archiven gelöscht. "Bei Kindern als Kriegsopfer gilt das nicht". (red, 28.9.2016)

  • Im Original dieses an der syrisch-türkischen Grenze aufgenommenen Fotos sind alle Gesichter erkennbar – auch jenes des kleines Kindes. Das Bild wurde von World Press Photo prämiert.
    foto: apa/afp/bulent kilic

    Im Original dieses an der syrisch-türkischen Grenze aufgenommenen Fotos sind alle Gesichter erkennbar – auch jenes des kleines Kindes. Das Bild wurde von World Press Photo prämiert.

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