Herbstlohnrunde: Arbeitszeitdenken vergessen – aber richtig

Kommentar der anderen27. September 2016, 17:01
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Freizeitoption statt 50-Stunden-Woche: Statt sich totzuarbeiten, wäre es besser, die Arbeitszeiten für die Beschäftigten deutlich zu verkürzen. Einige Anmerkungen zur Herbstlohnrunde

In den letzten Jahren hat sich die Arbeitszeit als zentrales Thema in der Arbeitsmarktpolitik und auch in den Herbstlohnrunden etabliert. Unternehmen und Wirtschaftskammer fordern seit langem eine flexiblere Handhabung von Arbeitszeiten, so auch WKÖ-Präsident Christoph Leitl im STANDARD vom 20. September Verlangt wird die Anhebung der täglichen Höchstarbeitszeit, die Reduktion der Ruhephasen zwischen zwei Arbeitstagen und die Ausdehnung der Durchrechnungszeiträume für Überstunden. Leitl argumentiert, dass dies auch im Interesse der Beschäftigten sei und ihren Bedürfnissen nach einer individuelleren Gestaltung der Arbeitszeit entgegenkommen würde. Die Zeiten hätten sich geändert, deshalb müsse sich die Gesellschaft auch hinsichtlich der Arbeitszeiten neu erfinden.

Tatsächlich konnten wir in den vergangenen Jahrzehnten tiefgreifende Veränderungen feststellen. Zum einen in den Betrieben. Neue Formen betrieblicher Arbeitsorganisation setzten auf einen flexiblen Einsatz von Beschäftigten, um rasch auf Auftragsschwankungen und Erfordernisse des Marktes reagieren zu können. Beschäftigte arbeiten je nach Bedarf länger, um die aufgebauten Überstunden in Zeiten geringerer Aufträge wieder abzubauen. Produktionsspitzen werden zusätzlich mit Leiharbeitern bewältigt. Praktiken, die in vielen Betrieben seit Jahren Realität sind. Darüber hinaus ermöglichen Gleitzeitregelungen, Bandbreitenmodelle, Vertrauensarbeitszeit und All-in-Verträge eine flexible Gestaltung der Arbeitszeiten und haben Arbeitszeitmodelle diversifiziert.

Zum anderen haben sich aber auch die Arbeitszeitwünsche der Beschäftigten verändert. Arbeitszeiten flexibel an die eigenen Bedürfnisse anpassen zu können, um die Kinder früher vom Kindergarten zu holen, die Großeltern zum Arzt zu bringen oder einfach nur einmal einen freien Nachmittag für sich selbst einzuplanen, steht für viele ganz oben auf einer Wunschliste. Studien zeigen, dass sich Vollzeitbeschäftigte kürzere Arbeitszeiten wünschen. Die betrieblichen Rahmenbedingungen lassen Beschäftigten dafür aber oft keine Spielräume. Stundenreduktionen werden nicht unterstützt, angesparte Arbeitszeitguthaben können nicht aufgebraucht werden. Pflegekräfte im Krankenhaus berichten, dass Überstunden aufgrund von Personalmangel nie abgebaut werden können, Angestellte erzählen, dass sie nicht von der Arbeit fernbleiben können, da viele das schlechte Gewissen plagt, überarbeiteten Kollegen auch noch ihre liegengebliebene Arbeit aufzubürden.

Leitls Forderungen sind der Ruf der Wirtschaft nach einem flexiblen (und damit längeren) Einsatz der Beschäftigten. Aber was bedeutet es, wenn man die tägliche Arbeitszeit erhöht? Zahlreiche Studien belegen, dass lange Arbeitszeiten die Stressbelastung stark erhöhen und sich negativ auf die Gesundheit auswirken. Gleichzeitig gibt es auch ein ganz einfaches ökonomisches Argument gegen längere Arbeitszeit: Mit steigender täglicher und wöchentlicher Arbeitszeit nehmen das Unfallrisiko und die Fehleranfälligkeit zu, die Arbeitsproduktivität sinkt. Viel schlimmer noch wirken die Folgekosten, wenn die Menschen krank werden oder ins Burn-out schlittern. Diese hat dann der Staat zu tragen.

Nehmen wir Leitls Forderung ernst und "vergessen" alle bisherigen Konventionen der Arbeitszeitpolitik. Denken wir gegen den Strich und stellen die Arbeitszeitverkürzung in den Vordergrund. Eigentlich ist es verrückt: Wir können immer mehr in immer geringerer Zeit produzieren, die Arbeitszeit bleibt davon aber fast unberührt. Auch in der Bevölkerung scheint sich ein Umdenken abzuzeichnen. Viele junge Menschen wollen sich nicht mehr mit Leib und Seele dem Job verschreiben. Sie wollen Zeit für die Familie haben, für andere Projekte, für Weiterbildung oder einfach nur die Freizeit genießen. Der Zuspruch, den die "Freizeitoption" gerade unter jüngeren Beschäftigten findet, kann als Signal in diese Richtung gewertet werden.

Eine stufenweise Verkürzung der Arbeitszeit, beispielsweise auf 30 bzw. 35 Stunden, bringt viele Vorteile: Erstens wirken sich kürzere Arbeitszeiten positiv auf die Gesundheit aus, zweitens würde eine Verkürzung der Vollzeit das Ungleichgewicht zwischen Teilzeit- und Vollzeitbeschäftigten (und damit zwischen Männern und Frauen) etwas reduzieren, es würde den Menschen mehr Zeit für sich selbst und andere geben oder auch Zeit, sich für die Gesellschaft zu engagieren. Jüngste Studien zeigen auch, dass eine kürzere Arbeitszeit positive Effekte auf die Umwelt hat, und – last, but not least – würde es für Entspannung auf dem Arbeitsmarkt sorgen.

Eine etappenweise Einführung kürzerer Arbeitszeiten ist nicht unmöglich. Das zeigt die Geschichte. Denkbar ist ein sozial gestaffelter Lohnausgleich, um die Kaufkraft der Bevölkerung nicht zu gefährden und gleichzeitig auch die Betriebe mit ins Boot zu holen. Dazu ist es notwendig, sich von dem Dogma zu verabschieden, dass wir uns zwischen ökonomischer und sozialer Logik entscheiden müssen, wenn es um die Wirtschaft und die Arbeitswelt geht. Gerade die Nachkriegsjahre haben gezeigt, wie man Wohlstand schaffen kann, der breite gesellschaftliche Schichten teilhaben lässt. In den letzten Jahren hat sich aber mit dem Fingerzeig auf internationalen Wettbewerb und Abwanderungsdrohungen eine Management-Logik durchgesetzt, die auf Profitsteigerung und Gewinne abzielt, dabei aber auf die Beschäftigten vergisst. Es wird Zeit, dass sich das ändert. (Carina Altreiter, 27.9.2016)

Carina Altreiter lehrt am Institut für Soziologie der Universität Wien.

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