Mannsbild: Wie muss ein Mann heute sein?

Essay1. Oktober 2016, 13:00
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Ethan Hawke, Til Schweiger oder Chuck Norris? Wir haben ein paar Antworten

Es gibt da einen Spruch. Zugegeben, es ist ein blöder Spruch: "Ein Mann muss drei Dinge im Leben tun. Ein Haus bauen, einen Sohn zeugen und einen Baum pflanzen." Also der Sohn wurde gezeugt. Das Angebot der Hebamme, die Nabelschnur des Säuglings durchzuschneiden, wurde dankend abgelehnt. Ist doch affig. Chuck Norris hätte sie wahrscheinlich durchgebissen. Ein Baum wurde auch gepflanzt. Eigentlich war es ein Johannisbeerstrauch. Die Mutter hatte darum gebeten. Ein Haus wurde nicht gebaut. Stattdessen wohne ich zur Miete. Gibt in Summe eineinhalb von drei Punkten. Höchstens.

Eine nächtliche Prügelei im Café Alt Wien könnte noch ins Rennen geworfen werden. Ein Kellner hat den Kontrahenten schließlich rausgeschmissen. Das kam mir sehr gelegen. In der Zeit meiner Jugend trug ich beidseitig Flinserln. Damals lief "Miami Vice" im Fernsehen. Das erklärt einiges. Die Ohrringe sind längst raus. Mein Handy ziert das Abziehbild eines kleinen, rosa Vögelchens, das meine Tochter gezeichnet hat. Gibt eine Tochter eigentlich keine Punkte?

Weibersuppe

Ich spül auch gern mal einen Prosecco runter. Ein weniger sensibler Mann nennt diesen Schaumwein Weibersuppe. Apropos: Ernest Hemingway sagte: "Kein Mann trinkt ohne Grund." Damit kann ich eher weniger anfangen, obwohl mich die Bücher des Großwildjägers und Sprücheklopfers dazu animierten, einen Stierkampf in der Arena von Madrid zu besuchen. Erste Reihe. Gibt das Punkte? Oder Abzug? Ich kenne auch Frauen, die trinken. Nicht zu wenig. Ich spreche von regelrechten Schluckspechten. Die müssen doch auch einen Grund haben. Es heißt auch: "Ein Mann muss tun, was er tun muss." Aber was muss er eigentlich tun? Man könnte an dieser Stelle Herbert Grönemeyer ins Spiel bringen. Will ein Mann von Grönemeyer wissen, wann der Mann ein Mann ist? Ich nicht.

Mit dem Bügeln hab ich es nicht so. Ich hab es redlich probiert. Meine Liebste auch. Den Streifen "Gladiator" hab ich gleich oft gesehen wie "Notting Hill" und "Jules et Jim". Oskar Werner hat einmal gesagt, er wäre ein Mann mit einer alten Seele. Klingt geheimnisvoll. Und cool. Männer wollen geheimnisvoll sein. Und cool. Nicht immer. Vielleicht während der Balz. Nicht, wenn sie eine Rotznase plagt und sie hüsteln. Eigentlich reicht schon eines von beidem.

Cool oder uncool, sicher wie die Frühjahrsmode taucht in unzähligen Gazetten die Frage nach dem Rollenverständnis des Mannes auf, das Herumkauen auf der Frage, was ihn denn nun ausmache, den neuen Mann. Wer nervt eigentlich mit dieser Frage? Und warum? Der Mann soll heute ein Softie sein, aber nicht zu weich, sensibel und doch souverän.

Muskeln und Ketten

Er soll Rat geben, aber auch die Klappe halten und die Lauscher spitzen. Kleiner Rat von John Wayne? "Sprich tief, sprich langsam und sag nicht zu viel." Der Mann darf auch mal weinen (nicht zu oft), wenn geht, soll er dem Putzen nicht abgeneigt sein. Sportlich soll er sein. Gescheit wäre auch gut. Aber kein Klugscheißer! Er soll Grünkernlaibchen schätzen, das perfekte Steak braten und beim Anlegen der Schneeketten brillieren. Und der Zimmermann? Den möge ein Mann bitte auch ersetzen. Wäre da noch der Besuch des Spielplatzes mit den Kindern, ohne ein Theater daraus zu machen. Davon bekommt er aber keine Muskeln. Und Muskeln soll er doch haben, oder? Auch wenn, wie Erich Kästner weiß, "auch der stärkste Mann einmal unters Bett schaut". Ach ja, Humor gehört natürlich ebenso zur Top-Ausstattung eines Mannes. Aber bitte keine Puffwitze!

Eines ist klar, der Mann steckt in Schubladen. Fragt sich bloß: "In wie vielen?" Es gibt traditionelle Typen, Ernährer-Typen, postmodern-flexible Typen, Machos, Softies, Linksträger, Sitzpinkler, Waschbrettbauchträger, Modelleisenbahner, Jammerlappen und, wenn es nach den Pop-Punkern Die Ärzte geht, natürlich auch jede Menge Schweine. Würde man sie allesamt in einen Smoothie-Maker werfen, käme dann der perfekte Mann heraus? Manchmal trink ich meiner Liebsten zuliebe einen grünen Smoothie. Ich glaub, sie mag mein protestierendes Schnoferl. Irgendwie.

Marlene Dietrich machte um die Sache nicht so ein Tamtam: "Männer gibt es dünn und dick, groß und klein und kräftig. And're wieder schön und stolz, schüchtern oder heftig. Wie er aussieht, mir egal, irgendeinen trifft die Wahl!"

Bärtiger Heroe

Zurzeit könnte man den Eindruck gewinnen, es ist eher der bärtige Kerl, Marke wilder Hund (siehe Justin O'Shea: Der Modeschreck) angesagt, weniger der Juristen-Typ mit Burberry-Jacke und aufgestelltem Polo-Kragen samt College-Schühchen. Der hat Pause. Wie lange? Keine Ahnung. Vielleicht liegt die Sehnsucht nach Beschützer-Typen an den härter werdenden Zeiten, in denen der Wind kalt aus so mancher sozialen und politischen Ecke pfeift. Offensichtlich will man einfach besser vor allerlei Unbill bewahrt werden als in jenen Tagen, als Frauen mehr auf Hugh Grant abfuhren, der in der Sauna, so wie ich, bestimmt lieber unten sitzt. Nicht in der gemischten. Das gäbe wahrscheinlich Punkteabzug.

Natürlich trug und trägt der Feminismus zur Suche nach neuen Rollenbildern bei. Verändert sich die Frau, wird auch der Mann zwangsweise ein anderer. Einer, der heute diesen Mix aus Beruf, Familie, Hausmann, Männlichkeit und obendrein seinen weiblichen Anteilen hinkriegen soll? Von denen liest man immer öfter. Zugegeben, ich blättere auch mal in der "Brigitte". Meistens, wenn ich auf meine Liebste warte, obwohl sie schon vor einer Viertelstunde fixfertig zum Ausgehen sein wollte. Man gewöhnt sich an alles.

Das Spielfeld, auf dem sich die Männer heute bewegen, ist ein ordentliches Stück weit emanzipiert. Abgesteckt ist es jedoch weitgehend noch immer durch alte Zuständigkeitsregeln. Das macht die Sache nicht leichter.

Man könnte an dieser Stelle die Flucht nach vorn antreten und behaupten, dass sich der Mann an sich gar nicht verändert. Er basiert rein biologisch noch immer auf dem guten alten Chromosomenmix XY. Es sind die Zeiten, die ihn verändern, so wie sie alles verändern. Daran kommt auch die Frau nicht vorbei, ebenso wie der Nachwuchs. Und sogar das liebe Vieh. Hunde zum Beispiel dürfen auch nicht mehr ihre Notdurft verrichten, wenn diese nicht nach Erledigung des Geschäfts eingesackelt wird. Manchmal trage ich den kleinen West-Highland-Terrier meiner Liebsten in einer Tasche durch die Stadt. Das Tierchen heißt Henriette, und ihr Köpfchen lugt aus der Tasche, wenn wir unterwegs sind. Da steh ich echt drüber. Punkte hin oder her.

Ritter und Bukowski

Auch der Hollywood-Star Ethan Hawke vergibt seit kurzem Punkte in Männlichkeitsbelangen. Hawke, manche würden ihn in die Schublade Frauenversteher stecken, schrieb ein Büchlein, das gerade auf Deutsch erschienen ist. Es trägt tatsächlich den Titel "Regeln für einen Ritter". Hallo, wir schreiben das Jahr 2016. Dennoch, der Titel ist den Versuch wert, eine leise Antwort auf Fragen der Männlichkeit zu bekommen. Eine Weisheit, die Hawke von sich gibt, lautet: "Die Gleichheit aller Menschen ist für jeden Ritter eine feststehende Wahrheit. Ein Ritter ist niemals zugegen, wenn Männer und Frauen in irgendeiner Weise erniedrigt oder bloßgestellt werden, denn wenn ein Ritter zugegen wäre, würde denen, die andere mit Worten oder Taten verletzen, Einhalt geboten werden." Die Antwort bleibt leiser als erhofft.

Probieren wir es mit der "Zeit": Der Verlag brachte vor kurzem ein fettes Magazin heraus, das den Titel "Mann" trägt. Es beschäftigt sich – no na – mit der gleichnamigen Spezies und stellt ebenfalls allerlei Fragen. Zum Beispiel: "Wie männlich ist die Politik von heute?" Auf anderen Seiten spricht das einstige Blumenkind Gisela Getty über die Männer ihres Lebens. Süß fand sie ausgerechnet Charles Bukowski.

In einem Gespräch mit dem Mönch und Philosophen Elmar Salmann fragt "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo nach dem Grund der Verunsicherung heutiger Männer. Salmanns Antwort: "Das Männerbild hat sich seit der Kaiserzeit grundlegend gewandelt und eine Mutation durchgemacht, unterbrochen durch die Zeit des Faschismus und der Weltkriege. Auf der einen Seite Figuren der Repräsentation von Macht, Ordnung und Ehre ... und dann tauchten plötzlich ganz andere Männer auf, wie Kafka, Klee, Proust, Mahler, Freud ... verwundbar, widersprüchlich, zum Teil mit großen Bindungsängsten ..." Da haben wir den Salat. Dass eine Mischung aus Paul von Hindenburg, Rainer Maria Rilke, Til Schweiger und Voodoo Jürgens die Sache nicht leichter macht, ist anzunehmen.

Man sieht, der Rattenschwanz, den die gesellschaftlichen Veränderungen mit sich brachten, ist kein kleiner. Gerade darum sei die Frage gestattet, ob es bei einer so komplizierten Verflechtung von Bildern und Zuweisungen überhaupt noch sinnvoll ist, diese immer wieder auseinanderdröseln zu wollen.

McQueen und Teelichter

Die Fragen nach dem neuen Mann behandeln neben tiefgreifenden sozialen Veränderungen und Verunsicherungen in Sachen Rollenverhalten auch ganz allgemeine Sachen, die nicht selten modischen Trends unterworfen sind. Nehmen wir nur die Geschichte mit den Haaren, die Rasur im Allgemeinen sowie im Speziellen, also in Regionen wie Achselhöhle, Scham, Brust und Bein. Der Bart ist schließlich das Letzte, das wir einer Frau noch wirklich voraushaben – wenn man so will.

Also mir geht das mit der männlichen Körperrasur zu weit. Neuer Mann hin oder her. Sollen andere schaben und zupfen, wie sie wollen. Hätte sich Steve McQueen die Achselhaare rasiert? Nope. Er hätte sich auch kaum zum "Stand-up-Paddeln" überreden lassen. Ich schon. Die Kinder haben darum gebettelt. Immer noch besser, als sich auf einen Segway zu stellen. Dafür mag ich Teelichter. Es können gar nicht genug von den Dingern brennen. Zündete Errol Flynn, der Freibeuter der Meere, Teelichter an? Mag schon sein. Angeblich soll jetzt wieder das Oberlippenbärtchen, so wie er es trug, en vogue sein. Ich präferiere Elvis' Ohrenbart und mag seinen Titel "My Way" (besonders die Live-Version von 1977). Darin heißt es: "For what is a man, what has he got, if not himself, then he has not to say the words he truly feels ..." Also ich halte in gewissen Situationen lieber die Schnauze. Ist besser so.

Dennoch birgt der Titel des Liedchens hinsichtlich der Frage nach dem Wesen des Mannes eine interessante Spur, die zwangsweise zu folgender Antwort führt: Jeder Mann ist ein richtiger Mann. Manche zeugen Söhne, manche fällen Bäume, und andere fahren mit dem Segway. Jedes von den geschätzten 3,7 Milliarden Mannsbildern ist anders. Mehr oder weniger. Und wenn das jemandem nicht passt, könnte das auch an dem Jemand liegen. Es scheint also ratsam, sich mit seinem Mannsein nicht nur abzufinden, sondern es gutzuheißen – oder wie Goethe es ausdrückte: "Welch Glück sondergleichen, ein Mannsbild zu sein!" Im nächsten Leben kann's ja anders kommen. Bleibt zum Schluss eine andere Frage: Wann ist eigentlich die Frau eine Frau? Eben. (Michael Hausenblas, RONDO, 1.10.2016)

  • Ethan Hawke ...
    foto: apa/epa/toda

    Ethan Hawke ...

  • ... Til Schweiger ...
    foto: reuters/hannibal hanschke

    ... Til Schweiger ...

  • ... oder Chuck Norris?
    foto: apa/epa/lane

    ... oder Chuck Norris?

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