Theater Drachengasse: Einen Kuss für mehr Solidarität

27. September 2016, 15:53
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Das Theater Drachengasse setzt mit der Präsentation seines neuen Spielplans auf humorvollen und intensiven Widerstand gegen Missgunst und Feindschaft in der Gesellschaft

Dem Spielplan des Theaters Drachengasse ist das Leben dazwischen gekommen. Die geplante Uraufführung des Stücks "Sisyphos 24/7" muss verschoben werden, Regisseurin Lilan Matzke ist schwanger. Stattdessen wird die österreichische Erstaufführung "Open House" des Kanadiers David Paquet zu sehen sein. In diese Welt wirklich ein Kind setzen? Das fragt sich das Pärchen in "Atmen", das erneut auf dem Spielplan steht. Ob der egoistische Kinderwunsch dem Bedürfnis, die Welt nicht durch noch einen Umweltverschmutzer mehr zu verschlechtern, im Wege steht, diskutieren Paola Aguilera und Sven Kaschte zu Saisonbeginn aus.

"Diesen Kuss der ganzen Welt": Unter diesem Motto zeigt die neue Leitung – Beate Platzgummer übernimmt anstelle von Johanna Franz die künstlerische Leitung an der Seite von Katrin Schurich – Produktionen im Zeichen von Solidarität und Verständigung. Da haben auch alte Erfolge Platz. Neben "Geheimsache Rosa Luxemburg" (Regie: Sandra Schüddekopf) gelangt auch "The Invisible Hand" von Ayad Akhtar zur Wiederaufführung.

Moderne Zeiten

Zarina und Eli leben als moderne Frauen in einer westlichen Gesellschaft, beide sind gleichzeitig eng mit den Traditionen des Islam verbunden. Die eine wurde darin hinein geboren, die andere hat es frei gewählt. "The Who & The What" verhandelt die Lebensentwürfe zweier junger Frauen zwischen Religion, Sexualität, Emanzipation und Tradition. Nach "The Invisible Hand", in dem ein Banker als Geisel einer islamischen Miliz verschiedenen Machtspiele unterliegt, hat es erneut ein Stück von Ayad Akhtar unter der Regie von Joanna Godwin-Seidl auf die Bühne des Theaters Drachengasse geschafft.

foto: ine gundersveen, thomas schluet
Ein erfolgreicher Banker muss sich selbst in "The Invisible Hand" aus den Händen islamischer Kämpfer befreien.

"Frauen sind die schlimmsten", weiß die Schuldeneintreiberin Denise. In Lampedusa werden die Erfahrungen der Immigrantentochter mit jenen des Fischers Stefano montiert. Der fängt nur noch Wasserleichen aus dem Meer im Stück des politischen Aktivisten und Harold-Pinter-Playwrigth's-Award-Preisträgers Anders Lustgarten.

Der Landarzt einer kleinen Gemeinde fällt leider aus. Ein Bordellbesuch im Nachbarort hat ihn unpässlich werden lassen. Wie gut, dass gerade ein ausgebildeter Arzt in dem Örtchen Zuflucht sucht. So kann er sogleich einspringen – ohne Bezahlung versteht sich. Dafür aber samt Bereitschaftsdienst und Zusatzverpflichtung in der ortsansässigen Geburtenklinik. "Die Erfindung der Sklaverei" der österreichischen Autorin Christiane Kalss feiert neben "Wasser" von Kateřina Černá ihre Uraufführung.

Erinnerungen und Überraschungen

Aus ihrem Leben, zusammengetragen aus Briefen und Erinnerungen, erzählt die Künstlerin Marie-Thérèse Escribano in "Kommt mir spanisch vor". Auch in der Gastproduktion "Marie-Fragment" erinnert sich eine alte Frau. Erstaunlich realistisch mimt die junge Aleksandra Corovic eine Greisin, die von einem langen Leben und vielen Rückschlägen zu berichten weiß.

Nur nach vorn blickt hingegen die Impro-Theatergruppe The English Lovers. Neben dem freitagabendlichen "The Late Night Theatre Jam" zeigt sich diese in gleich weiteren zwei Produktionen – "Christmas on the Couch" und "Hey … wtf@¢k ?" – immer wieder neu. "Spektakel Total!" verspricht die Produktion von YZMA, dem Gewinner des Publikumspreises im Nachwuchswettbewerb 2014, der dieses Jahr die Saison eröffnet. Es möge doch bitte auch eine "spektakuläre" Spielzeit werden, wünscht sich die neue Leiterin Platzgummer. Jedenfalls verspricht das Programm so einiges. (Katharina Stöger, 27.9.2016)

  • Sollen dieser Welt wirklich Kinder zugemutet werden? Diese Frage stellt sich in "Atmen".
    foto: andreas friess / picturedesk

    Sollen dieser Welt wirklich Kinder zugemutet werden? Diese Frage stellt sich in "Atmen".

  • Florian Haslinger, Bastian Parpan und Johanna Wolff sprechen nur von Revolution in "Spektakel total!".
    foto: barbara palffy

    Florian Haslinger, Bastian Parpan und Johanna Wolff sprechen nur von Revolution in "Spektakel total!".

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