VP-Landesschulchefs: Pläne für Ganztagsschule nicht nachhaltig

27. September 2016, 10:48
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Der oberösterreichische Landesschulratspräsident Fritz Enzenhofer fürchtet, dass die Länder auf den Kosten sitzen bleiben. Das Bildungsministerium verspricht das Gegenteil

Wien – Für die von der ÖVP gestellten Landesschulratspräsidenten ist der von der Regierung geplante Ausbau der Ganztagsschulen nicht nachhaltig. "Von derartigen Einmalzahlungen hat man nichts", so deren Sprecher Fritz Enzenhofer am Montagabend zur APA. Die 750 Millionen Euro, die dafür bis 2025 zur Verfügung gestellt werden, könnten nämlich in der Praxis nur in Infrastruktur, nicht aber in Personal fließen.

"Das Geld kann eigentlich nicht zur Bedeckung von Lehrerdienstposten eingesetzt werden, denn hier ist offen, wer sie danach weiterzahlt", so der Oberösterreicher Enzenhofer. Er fürchtet, dass die Länder auf den Kosten sitzen bleiben könnten, wenn die Mittel der Einmalzahlung erst einmal aufgebraucht sind: "Ein trojanisches Pferd sollte es nicht werden."

Im Bildungsministerium weist man diese Darstellung zurück. "Wenn der Ausbau nach zehn Jahren gefruchtet hat, werden natürlich die Personalkosten gezahlt", sagt eine Sprecherin von Ministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ) zum STANDARD. "Dann muss man eben wieder Geld in die Hand nehmen." Es gehe beim Ausbau der Ganztagsschule zudem in erster Linie um mehr Freizeitpädagogen und nicht um Lehrer.

Ausbau prinzipiell positiv

Prinzipiell wird der Ausbau der Ganztagsschulen auch von den VP-Landesschulratspräsidenten positiv gesehen. "Es gibt einen Bedarf und wir werden Angebote schaffen", betont etwa Niederösterreichs Johann Heuras bei dem Gespräch nach einer Arbeitssitzung der Gruppe in Wien. Oberstes Prinzip müsse aber die Wahlfreiheit sein, sagt sein Salzburger Amtskollege Johannes Plötzeneder. Die Eltern müssten entscheiden können, ob ihr Kind am Nachmittag in der Schule betreut werden soll – und wenn ja, ob es eine reine Nachmittagsbetreuung gibt oder eine verschränkte Form mit einem Wechsel aus Unterricht, Lern- und Freizeit, bei der die Anwesenheit der Schüler verpflichtend ist.

Das wird auch vom Bildungsministerium garantiert. "Wir stehen zur Wahlfreiheit", sagt die Sprecherin Hammerschmids.

Der oberösterreichische Landesschulratspräsident Enzenhofer hat aber noch einen Kritikpunkt. Er stellt infrage, ob es tatsächlich in jedem Bezirk Bedarf nach einer ganztägigen Betreuungsform gibt. Nach Plänen der Regierung soll ja bis 2025 jedes Kind in maximal 20 Kilometer Entfernung ein solches Angebot vorfinden. Für Enzenhofer ist das allerdings deutlich mehr als derzeit benötigt wird. Mangels Interesse der Eltern würden nicht einmal alle Schulen, die schon jetzt die Führung eines ganztägigen Angebots beantragt haben, nachmittags Unterricht bzw. Betreuung anbieten.

Beispiel Oberösterreich: Hier hätten 45 Prozent der Schulen für die Sechs-bis 14-Jährigen die Berechtigung, ein ganztägiges Angebot zu führen. In der Praxis gebe es Ganztagsbetreuung allerdings nur an 38 Prozent der Standorte und nur 30 Prozent der dortigen Schüler nutzten es auch tatsächlich. Das Bildungsministerium verweist hier auf die Zahlen in anderen Bundesländern. In Wien werden 40 Prozent der Kinder ganztägig betreut, in sind es Vorarlberg 33 Prozent.

Lehrerauswahl durch Direktoren nicht umsetzbar

Die von der ÖVP gestellten Landesschulratspräsidenten sind außerdem gegen die Pläne von Hammerschmid, wonach Schulleiter sich künftig ihre Lehrer selber aussuchen können sollen. Das klinge zwar unheimlich toll, sei aber vor allem an Pflichtschulen "nicht durchführbar", sagt Enzenhofer. "Das kommt von Leuten, die die Praxis nicht kennen."

Im Dezember soll das Schulautonomie-Paket den Ministerrat passieren, mit dem Schulleitern die Möglichkeit gegeben werden soll, neu eintretende Pädagogen auszuwählen. Vorbilder könnten laufende Pilotprojekte in der Steiermark und in Oberösterreich sein, wo an den höheren Schulen Bewerbungen bereits über digitale Plattformen laufen. Sollten sich an einer Schule keine Lehrer bewerben, wird laut Hammerschmids Ankündigung weiterhin die Behörde steuernd eingreifen. Derzeit werden die Lehrer den Schulen durch die Landesschulbehörden zugeteilt.

Für den Oberösterreicher Enzenhofer ist eine Auswahl der Lehrer durch Schulleiter vor allem im Pflichtschulbereich (v.a. Volksschule, Neue Mittelschule) unrealistisch. Immerhin müssten hier wegen kurzfristiger Schwankungen bei den Schülerzahlen pro Klasse und Standort im Herbst innerhalb sehr kurzer Zeit sehr viele Anstellungen fixiert werden, berichtete er nach einem Treffen der Gruppe. Viel sinnvoller wäre es, wenn der Direktor erst nach Ablauf des für Junglehrer üblichen Ein-Jahres-Vertrags entscheidet, ob ein neuer Pädagoge ins Kollegium passt.

Im Bildungsministerium bleibt man trotz dieser Kritik bei den ursprünglichen Plänen. Es gebe sehr wohl eine langfristige Planung für die Lehrerposten. Zudem sei es in der freien Wirtschaft auch möglich, kurzfristig Stellen nachzubesetzen.

Schon seit Jahren Usus

In Niederösterreich sei es an den höheren Schulen jedenfalls schon seit Jahren gelebte Praxis, dass Direktoren bei der Suche nach Lehrern massiv eingebunden werden, betont der dortige Landesschulratspäsident Johann Heuras. In der Steiermark ist an den höheren Schulen seit zwei Jahren das System "Get Your Teacher" im Einsatz, bei dem Schulleiter über eine Online-Plattform passende Lehrer auswählen können. Für die dortige Landesschulratspräsidentin Elisabeth Meixner ist das System aber auf die Pflichtschulen ebenfalls nicht umlegbar. "Ein System, wo jeder Schulleiter einen Lehrer anfordert, wäre für uns undenkbar." Als Grund nennt sie neben den vielen Kleinschulen den Mangel an Lehrern, die in die Peripherie gehen wollen. "Die Herausforderung in ein paar Jahren wird aber ohnehin nicht sein, Lehrer auszusuchen, sondern überhaupt Lehrer zu finden", warnt Heuras.

So gebe es beim niederösterreichischen Landesschulrat etwa schon jetzt keinen einzigen Sonderschullehrer mehr auf der Warteliste. Dazu kommt eine Folge der Umstellung der Lehrerausbildung, die künftig für Pflichtschullehrer fünf bis fünfeinhalb- statt bisher drei Jahre dauern wird. Es wird also mehrere Jahrgänge mit deutlich weniger Absolventen geben. "Von gewissen Engpässen ist hier auszugehen", meint Salzburgs Johannes Plötzeneder. "Es wird spannend, wie ich dann auch in den peripheren Regionen Personal finde." Im Büro von Hammerschmid erhofft man sich hier die Lösung durch eine verstärkte Schulautonomie: "Wenn eine Schule ihre eigene Philosophie umsetzen kann, dann wird das auch für Lehrer akttraktiv." (APA, koli, 27.9.2016)

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