"Pokémon Go Plus" im Test: Überflüssiges Gadget für Monsterjäger

3. Oktober 2016, 09:36
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Nintendos Add-on erleichtert das Sammeln, raubt aber dem Spiel den letzten Spaß

Seit Juli befindet sich die Welt im "Pokémon Go"-Fieber, seit September scheint sie wieder etwas davon geheilt zu sein. Zu wenige Neuerungen seit dem Release, zu viele Bugs und Verschlimmbesserungen vergraulen nach und nach die Spieler. Nintendo hat nun das lang versprochene Gadget "Pokémon Go Plus" veröffentlicht, eine automatische "Pokémon"-Fang- und Sammelhilfe, um der Sammelwut wieder etwas Auftrieb zu verleihen. Wie sich im Test zeigte, ist dies aber nur etwas für den ganz harten Kern.

Der verlorene Sohn kehrt zurück

Zugegeben: "Pokémon Go" von Niantic ist bereits vor einem Monat von meinem Handy gelöscht worden. Nach intensiven Spielwochen und stundenlangem Grinden, verlor ich die Lust immer wieder dutzende Taubsis zu entwickeln, um mich hochzuleveln, oder die immer gleichen Pokémon zu fangen, ohne je wirklich auf seltene Monster zu treffen.

Ohne die "In der Nähe"-Funktion gab es keinen Ansporn in der Gegend herumzulaufen und zu suchen, ohne ein richtiges Kampf-, geschweige denn Belohnungssystem, waren Arenakämpfe mehr verzweifelte Abwechslung denn unterhaltsame Action.

Mit "Pokémon Go Plus" wagte ich mich zurück aufs Terrain von Pikachu und Co und musste mich zunächst mal mit den neuesten Updates, wie das Buddy-System, zurechtfinden. "Plus", ein zierliches Plastikteil, sollte mir den Spaß am Fangen und Sammeln wiederbringen. Tat es aber nicht.

Zierliches Plastikteil und Ampelleuchten

"Pokémon Go Plus" ist ein Add-on in Pokéball-Optik. Das Gerät kann an Gürtelschnalle, Hosentasche oder mit mitgeliefertem Armband als (unschöne) "Poké-Uhr" getragen werden. Um "Pokémon Go Plus" zu aktivieren, wird das Kleinod per Bluetooth mit dem Smartphone verbunden.

Damit "Plus" für einen auch Monster fängt, muss man in den App-Einstellungen auf "Pokémon Go Plus" tippen, und das Add-on verbindet sich mit der Applikation. Auf dem Hauptscreen erscheint links oben das Symbol für das Gagdet. Ist das Zeichen dunkel, hat man die Bluetooth-Verbindung verloren, leuchtet es, ist das Wearable aktiviert.

"Pokémon Go Plus" gibt, sobald es aktiv ist, je nach Ereignis verschiedene Lichtsignale von sich. Leuchtet der Knopf auf dem Gerät blau, so ist ein Pokè-Stop in der Nähe. Per Knopfdruck lässt sich dieser aktivieren und man erhält automatisch Ressourcen wie Tränke oder Pokébälle. Leuchtet die Lampe grün, so ist ein bekanntes Pokémon in der Nähe, bei einem gelben Licht ist ein unbekanntes oder noch nicht gefangenes Monster aufgetaucht.

Auch hier drückt man den Button und das Add-on versucht das Tierchen zu fangen. Rotes Leuchten signalisiert einen Misserfolg, regenbogenfarbenes Blinken zeigt einen Fang an. Gegangene Meter werden ebenso übertragen und helfen beim Eier ausbrüten oder Sammeln von Bonbons für seinen Poké-Buddy.

foto: derstandard/recher
So sollte man "Pokémon Go Plus" tragen – die Realität sieht anders aus.

Schuss in den Ofen, Griff in die Hosentasche

So die Theorie, nicht aber die Praxis: Viel zu häufig verliert "Plus" die Bluetooth-Verbindung und man kann lästigerweise nicht nur in der App die Verbindung neu herstellen, meist ist die gesamte Koppelung futsch und muss neu initialisiert werden.

Auch Fehlermeldungen signalisiert Nintendos Plastikteilchen mit Vibration und Rotlicht. Ist ein Pokè-Stop zu weit entfernt oder geht die Bluetooth-Verbindung verloren: das Gerät lässt es einen sehr häufig wissen.

Kein Knopfdruck hilft gegen die Fehlermeldung, es vibriert einfach weiter und weiter. Nervig wird das auch, wenn man an einem Poké-Stop wohnt. Hat man "Pokémon Go Plus" neben sich am Nachttisch liegen, fängt das Gerät alle fünf Minuten zu vibrieren an und signalisiert die mögliche Ernte des Stops.

"Pokémon Go Plus" ist zudem auch ästhetisch nicht besonders ansprechend. Viel mehr noch steht das Gerät aufgrund seiner kleinen Größe immer im Verdacht verloren zu gehen, hat man es nicht per Armband um sein Handgelenk gefesselt. Somit wanderte "Plus" im Test immer in die Hosentasche zu Schlüssel und Konsorten und verhedderte sich in den eingesteckten Kopfhörern. Sobald sich das Gadget regte und vibrierte, ertappte ich mich viel zu häufig dabei, wie ich unabsichtlich beim Knöpfchendrücken wie wild in meiner Hose und meinen Schritt herumfummelte, um das lautstarke vibrieren zum Verstummen zu bringen. Seltsame Blicke meiner U-Bahn-Kollegen inklusive.

Sicherer durchs Leben dank "Plus"?

Allen Unkenrufen zum Trotz bietet Nintendos Add-on auch gewisse Vorteile, besonders für die Hardcore-Spieler. "Pokémon Go Plus" senkt deutlich das Risiko, im Straßenverkehr überfahren zu werden (oder irgendwelchen Überfällen zum Opfer zu fallen – der GamesStandard berichtete). Der Blick ist nicht mehr auf das Smartphone sondern auf die reale Umwelt gerichtet, was besonders beim Fahrradfahren oder Autofahren gelegen kommt.

Außerdem vereinfacht das Gadget das Abgrasen von Poké-Stops immens, in dem man nur mehr den Knopf zu drücken braucht, um Items zu erhalten. Auch das Fangen von Pokémon reduziert sich auf ein banales Level. Verschiedene Tests haben aber gezeigt, dass die Fangquote der Biester bei "Pokémon Go Plus" bedeutend geringer ist, als in der App selbst.

Viel zu spät

Das größte Problem an dieser neuen Bequemlichkeit: "Plus" raubt der Sammel-App den letzten Hauch an Spielspaß. Die Hauptkomponenten, die das Spiel zum Erfolg gebracht haben, werden abgekoppelt, ausgelagert und auf ein stupides Knopfdrücken reduziert.

Nintendo veröffentlicht das Add-on zudem viel zu spät nach dem großen Hype. Das Gadget ist für jeden Durchschnittsspieler uninteressant ob des Preises von 40 Euro. Für einen Hardcore-Spieler ist "Pokémon Go Plus" vielleicht dann interessant, will er jeden Stop ernten und jeden gegangenen oder gefahrenen Meter aufzeichnen, ohne auf sein Smartphone zu blicken.

Die ständige Vibration im Alltag nervt nach kürzester Zeit, seltene Pokémon, die zwar in der Nähe wären, aber doch zu weit entfernt sind, sind unerreichbar. Fangen lassen sich die Pokémon ohnehin nicht besser, sondern schlechter – es gibt keine zweite Chance. Ich hingegen habe "Pokémon Go" eine zweite Chance gegeben. Ohne Erfolg. (Kevin Recher, 3.10.2016)

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