Kolumbien: Den Frieden lernen

Kommentar der anderen26. September 2016, 17:00
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Mehr als vier Jahre hat es gebraucht, um einen Friedensvertrag zwischen den Farc-Rebellen und der Regierung zu erreichen. Am 2. Oktober stimmen die Kolumbianer über dieses Abkommen ab

Kolumbiens zwei große TV-Sender, Caracol und RCN, bringen tödlich langweilige Abendnachrichten. Trotzdem ließ ich während meines jüngsten Aufenthalts in Bogotá alles über mich ergehen, weil früher oder später die Meldungen aus Havanna kamen, wo die Kommandeure der Farc (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) mit Regierungsvertretern seit fast vier Jahren Friedensgespräche führten.

Kurz vor Ostern stockte es wieder einmal, sodass "Timoschenko", so der Kriegsname eines der Farc-Kommandeure, aufbegehrte. "So geht das nicht, ihr haltet uns für Delinquenten!" Na ja, es ließe sich ein handfestes Sündenregister aufzählen: Entführungen, Drogentransport, Landminen, Kindersoldaten, Bombenattentate, Sprengen von Erdölpipelines, Exekutionen und so fort.

Solchen "Bösen" müssten eigentlich die "Guten" gegenüberstehen. Es gehört zu den kolumbianischen Widersprüchen, dass auf der anderen Seite auch Böse agieren. Kolumbiens Armee, ursprünglich ein loser Haufen, dann von den USA um Milliarden Dollar professionalisiert, tauchen selber ihre Hände in schmutzige Geschäfte, zuletzt mit den "falsos positivos": Weil für getötete Guerilleros Sondersold und Urlaub winkten, brachten Soldaten bäuerliche Landstreicher einfach um, warfen eine alte Flinte dazu – voilà, ein toter Aufständischer mehr!

Apokalyptisch wurde es aufseiten von Paramilitares und Bandoleros, die im Auftrag von Oligarchen Bauern von ihren Parzellen vertrieben, selber gegen Lösegeld entführten oder massiv im Drogengeschäft steckten. Malcolm Deas von der Oxford University hat in der Viehzüchterregion von Valledupar recherchiert. Dort grassierten die Erpressungen besonders schlimm. Als ein Familienclan sich weigerte zu zahlen, trieben die Unholde ein Dutzend Fohlen zusammen, überschütteten sie mit Benzin und zündeten den Pferch an. Die Familie packte Koffer und floh nach Miami.

Der Bodensatz dieser kriminellen Energie heißt heute Bacrim (Bandes Criminales) und bleibt vorerst noch in den Städten aktiv. Aber die dantesken Schrecken von früher hören auf. Nach fast vier Jahren zähen Verhandelns in Havanna wurde am 24. August der Friedensvertrag, 297 Seiten stark, unterschrieben. Erstmals herrscht absoluter Waffenstillstand. Am 2. Oktober dürfen die Kolumbianer in einem – rechtlich nicht bindenden – Plebiszit darüber abstimmen: Ja oder Nein.

Es könnte ein knappes Ergebnis werden, denn zahlreiche Bürger, Gewaltopfer, meinen, die Zugeständnisse an die Farc-Guerilla seien zu hoch. Aber ohne Entgegenkommen gäbe es keinen Vertrag, würde die sinnlose Gewalt anhalten. Schließlich hat Kolumbien Erfahrung mit der Amnestie von Dissidenten. Zum Beispiel erfolgreich mit dem indianischen Widerstand "Quintín Lame"; oder mit dem M-19, dessen Mitglieder nicht nur den seinerzeitigen österreichischen Botschafter Edgar Selzer festhielten, sondern auch das Gebäude des Obersten Gerichtshofs stürmten, mit einer Hekatombe von Opfern; heute stellen die Exkämpfer, zur Zufriedenheit aller, die Posten von Bürgermeistern oder Abgeordneten.

Aus all diesen Erfahrungen wurden Lehren gezogen, weswegen in Havanna um jeden Nebensatz erbittert gerungen wurde. Dass Sprecher der Gewaltopfer extra nach Havanna reisten, darunter resolute Frauen und Afrokolumbianer aus der verwüsteten Chocó-Provinz, hat dem Friedensvertrag ein eigenes hochinteressantes Genderkapitel, mit Schutzklauseln für LGTB-Anhänger, eingebracht. Das Abkommen definiert fünf Schlüsselbereiche:

· Erstens die Landfrage. Ob der "violencia" wurden Millionen von Kleinbauern von ihren Parzellen vertrieben. Dies verlangt Wiedergutmachung.

· Zweitens die Einbindung der Farc in die zukünftige zivile Politik. Der baldige Einzug von je fünf Exguerilleros in Senat und Abgeordnetenhaus – vorerst ohne Stimmrecht – macht den Anfang.

· Drittens das Procedere der Entwaffnung der Guerilleros, die unter UN-Aufsicht zusammenkommen und vorerst einmal ihre Waffen "deponer", also nicht übergeben, sondern in Containern lagern, um später, je nach Fortschritt im Friedensprozess, tatsächlich abgeliefert, zerstört und für Friedensmäler eingeschmolzen zu werden.

· Viertens das Drogenproblem: Zusammen mit der Armee wollen Exguerilleros, selber in dieser Praxis hochkompetent, generell für Entgiftung sorgen.

· Fünftens – am umstrittensten – die kommende Praxis der "justicia transicional": Niemand soll ins Gefängnis, sofern Verbrechen eingestanden werden und Buße in Form von Sozialarbeit anfällt.

Es ist ein gewaltiges Werk, dessen Umsetzung zehn bis fünfzehn Jahre dauern wird. Schließlich geht es darum, ehemalige Guerilleros, Männer wie Frauen, die nur mit einer Kalaschnikow umgehen können, die Herausforderung des zivilen Lebens schmackhaft zu machen. "Den Frieden lernen" ist das eigentliche Motto dieses heroischen Unterfangens.

Es wird viel Zeit und viel, viel Geld kosten, angefangen mit Direktzahlungen an die rund siebentausend Guerilleros, die demnächst aus dem Dschungel kommen. Finanzielle Beiträge fließen von überall ein, auch aus der EU, also von uns Steuerzahlern, und um des Friedens willen sollten wir dem zustimmen. Denn während der fast fünf Dekaden der "violencia" gab es an die 200.000 Tote und sieben Millionen "Binnenvertriebene" (wie in Kolumbien, einem Land mit heute 48 Millionen Einwohnern, die vor der "violencia" in die Städte Geflüchteten heißen). (Gerhard Drekonja-Kornat, 26.9.2016)

Gerhard Drekonja-Kornat (Jg. 1939) war Professor an der Universidad de los Andes in Bogotá und ist Emeritus der Universität Wien.

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