Orchester Wiener Akademie: Der virtuelle Kugelkopf des Dirigenten

26. September 2016, 17:02
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Das Orchester Wiener Akademie hat es sich zur Aufgabe gemacht, sein Repertoire im Klang der Entstehungszeit der Werke zu realisieren – in Zukunft auch mittels 3-D und Virtual Reality, um das räumliche Erlebnis noch zu verstärken

Wien – "Wie stark ist Ihr Orchester? Wie viele Violinen etc. etc. mit einer oder zwei Harmonien? Ist der Saal groß, klangreich?" Beethoven wollte die Aufführungsbedingungen ganz genau kennen, als er die Londoner Philharmonic Society im Juni 1817 um zwei neue Symphonien angefragt hatte – von denen schließlich nur eine, die Neunte, realisiert wurde.

Obwohl die historische bzw. historisch informierte Aufführungspraxis stets beansprucht, alle ursprünglichen Bedingungen zu berücksichtigen, also auch die Räume, in denen die Werke gespielt wurden, ist es keine Seltenheit, dass historische Kompositionen in völlig anders gearteten Sälen aufgeführt werden als jenen, für die sie gedacht waren.

Martin Haselböcks 1985 gegründetes Orchester Wiener Akademie hat es sich zur Aufgabe gemacht, ein Repertoire vom Barock bis zur Moderne jeweils "im Klang seiner Zeit" zu realisieren, und tut das etwa in seinem traditionellen Musikvereins-Zyklus dieser Saison mit Bachs h-Moll-Messe, Haydns Schöpfung, Mozart und Liszt. Normalerweise verströmt der Klangkörper dabei mehr spontane Lebendigkeit als kühle Perfektion und ist auch insofern historischen Vorbildern verpflichtet.

Mit dem Projekt Resound Beethoven ist das Ensemble jedoch vor zwei Jahren einen Schritt weitergegangen und hat alle neun Beethoven-Symphonien sowie andere Orchesterwerke zurück an jene Orte ihrer Ur- oder Erstaufführung gebracht, die noch erhalten sind: ins Theater an der Josefstadt, in den Landhaussaal des Palais Niederösterreich, in den großen Redoutensaal der Hofburg, in die Aula der Alten Universität, in das Palais Lobkowitz und selbstverständlich ins Theater an der Wien, wo der Komponist einige Zeit sogar wohnte.

Auf zwei Schienen geht dieses wissenschaftlich reflektierte und auch durch eine Sonderausstellung im "Haus der Musik" dokumentierte Resound-Projekt mit Live-Konzerten weiter: zum einen mit der Reihe Resound Chamber mit teilweise rarer Kammermusik Beethovens – wer kennt schon das Duo für Klarinette und Fagott oder das Duett mit zwei obligaten Augengläsern für Bratsche und Cello? Zum anderen mit dem dritten Orchesterzyklus mit Beethoven-Klavierkonzerten und Schubert-Symphonien.

Dass die Programme der vergangenen Konzerte durch CD-Aufnahmen (beim Label Alpha Classics) dokumentiert wurden, wäre nichts Ungewöhnliches, sieht man vom Engagement von John Malkovich ab, der – der Wiener Akademie durch eine Reihe gemeinsamer Projekte verbunden – neben Herbert Föttinger den Sprecher für Beethovens Schauspielmusik zu Goethes Egmont gibt.

Wie mit menschlichem Ohr

Mit der Dokumentation der Aufführung der Dritten (Eroica) und des Septetts ist man jedoch nochmals in Neuland vorgestoßen. Denn bei den Aufnahmen im Palais Lobkowitz wurde ein neuartiges Kugelflächenmikrofon verwendet, das ein räumliches Hören nachahmt, wie sie das menschliche Gehör wahrnimmt (die CD erscheint am 7. 10.). Möglich wurde dies durch Forschungsarbeiten von Stefan Weinzierl von der TU Berlin, der einst über Beethovens Konzerträume promovierte und inzwischen Professor für Audiokommunikation ist. Ziel ist ein natürlicher Raumklang, der der Originalakustik des Eroica-Saals möglichst nahe kommen soll.

Dieser Ansatz setzt sich auch in einem weiteren, spannenden Projekt fort, welches das Haselböck'sche Orchester mit dem Wiener Start-up Bellevue Virtual Media realisiert hat. Es ermöglicht, auch visuell in einen virtuellen Konzertsaal einzutauchen: Zusätzlich zur akustischen Wahrnehmung ist der Nutzer der Virtual-Reality-Aufnahme, die noch im Oktober vorgestellt werden soll, auch räumlich "mitten im Geschehen", indem er dank Kopfhörern und relativ kostengünstiger VR-Spezialbrille (ab ca. 100 Euro) in die Aufführungssituation der Eroica am Uraufführungsort eintauchen kann.

Mit zwei 3-D/360-Grad-Kameras aufgenommen, die das räumliche Sehen zweier Augen imitieren, lässt sich so die Aufführung entweder aus einer Publikumsperspektive oder unmittelbar im Orchester erfahren, wobei jede Kopfbewegungen des Nutzers registriert wird, sodass sich sowohl das Bild als auch der dynamische Raumklang wie im echten Saal ändert. Somit kann auch ein nie besuchter Konzertraum erlebt werden, als wäre man da gewesen. Wer weiß: Vielleicht hätte Beethoven auch seine Zehnte noch vollendet, hätte er so genaue Vorstellungen über den Saal seiner Auftraggeber gehabt. (Daniel Ender, 26.9.2016)

  • Das Orchester Wiener Akademie berücksichtigt die Uraufführungsorte musikalischer Werte, um sich dem historischen Klangerlebnis anzunähern, und setzt dabei auch zeitgenössische Technologien ein.
    foto: bert müller

    Das Orchester Wiener Akademie berücksichtigt die Uraufführungsorte musikalischer Werte, um sich dem historischen Klangerlebnis anzunähern, und setzt dabei auch zeitgenössische Technologien ein.

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