Wie der größte Schluck im Tierreich zustande kommt

26. September 2016, 16:18
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Blauwale sind die größten Tiere der Welt und können binnen Sekunden Wassermengen aufnehmen, die ihre eigene Masse übertreffen

Stanford – Preisfrage: Was in den Weltmeeren ist noch größer als ein Blauwal? Die Antwort lautet: ein durchschnittlicher Schluck, den so ein Blauwal macht. Obwohl die über 30 Meter langen Tiere 160 bis 200 Tonnen schwer werden, können sie mit einem solchen Schluck binnen Sekunden Wasser im Ausmaß von 140 Prozent ihrer Körpermasse aufnehmen. Jeremy Goldbogen von der Stanford University nennt – was unsere Special-Interest-Poster entzücken dürfte – ein großes Schwimmbecken als Vergleichsgröße. Oder auch einen Schulbus.

Die Größten richten sich nach den Kleinsten

Dafür haben die Meeresriesen einige besondere anatomische Anpassungen vollzogen. Die Hälften ihres Unterkiefers sind nur lose miteinander verbunden und das Maul kann in einem 90-Grad-Winkel geöffnet werden. Als sogenannte Furchenwale verfügen sie zudem über Längsfalten, die von der Kehle bis zur Körpermitte reichen: Diese ergeben einen Kehlsack, der sich bei der Wasseraufnahme ballonartig aufbläht.

Ein eigenes Organ am Unterkiefer, das erst vor wenigen Jahren identifiziert wurde, steuert diesen ebenso monströsen wie komplexen Schluckvorgang. Notwendig ist er, weil sich die größten Tiere der Erde von winzigen Krebsen, dem Krill, ernähren – was nur funktioniert, wenn sie riesige Mengen davon in sich hineinschaufeln. Die mit dem Wasser aufgesaugten Krebschen bleiben in den geriffelten Barten des Oberkiefers hängen, während das Wasser wieder aus dem Maul gepresst wird. Pro Schluck kommen so einige Kilogramm Nahrung zusammen.

Jagen nach Furchenwalart

Wissenschafter der Stanford University haben die Nahrungsaufnahme von Furchenwalen nun noch genauer untersucht. Sie studierten sowohl Blau- als auch Buckel- und Zwergwale vor den Küsten Patagoniens, Südafrikas und der USA. Sie versahen die Wale mit ganzen Sensorpaketen aus Druck- und Beschleunigungsmessern, optischen und akustischen Sensoren, um das Fressverhalten der Wale aus einer Perspektive zu rekonstruieren, als würde jemand auf dem Rücken der Tiere reiten.

Wie das Team um Hauptautor David Cade in "Current Biology" berichtet, konnten so die Strategien der Wale klar identifiziert werden. Offenbar beschleunigen sie bei ihren bis zu 300 Meter tiefen Tauchgängen erst auf Höchstgeschwindigkeit und reißen dann das Maul auf. Der Strömungswiderstand und das Gewicht des aufgenommenen Wassers bremsen sie daraufhin stark ab, woraufhin das Maul wieder geschlossen wird.

Das scheint der energiekosteneffizienteste Ablauf zu sein, möglich ist er allerdings nur bei ausreichend gut bestückten Nahrungsgründen und bei Beute, die gemessen an den Dimensionen der Wale als bewegungslos gelten kann – wie Krill. Blauwale können somit das Wasser recht gleichmäßig durchpflügen.

Flexibilität gefragt

Bei Buckelwalen sieht es etwas anders aus, berichten die Forscher. Die bis zu 15 Meter langen Tiere ernähren sich ebenfalls von Krill, manchmal allerdings auch von Fischen. Was die wichtigere Nahrungsquelle ist, dürfte primär von der jeweiligen Region abhängen. Und Buckelwale, die hauptsächlich Fische verschlingen, weichen vom idealen Timing immer wieder ab, wie die Studie ergab.

Die Forscher vermuten, dass sich die Wale damit an eine flexiblere Beute anpassen, die etwas bessere Fluchtmöglichkeiten hat als Krill. Energiekostentechnisch gesehen sind die wechselhaften Riesenschlucke der Buckelwale nicht mehr ideal – das wird aber offenbar dadurch ausgeglichen, dass die Beute, die sie so erwischen können, nahrhafter ist. (jdo, 26. 9. 2016)

  • Meeresriesen unter sich: Ein Orca, ein Blauwal und ein 15 Meter langer Pliosaurier (samt zeitreisendem Taucher vor dem Maul), dessen 150 Millionen Jahre alte Fossilien in Norwegen gefunden wurden.  Im Vergleich zu dem Volumen, das der Blauwal aufsaugen kann, sind die beiden anderen arme kleine Schlucker.
    foto: reuters/natural history museum/university of oslo

    Meeresriesen unter sich: Ein Orca, ein Blauwal und ein 15 Meter langer Pliosaurier (samt zeitreisendem Taucher vor dem Maul), dessen 150 Millionen Jahre alte Fossilien in Norwegen gefunden wurden. Im Vergleich zu dem Volumen, das der Blauwal aufsaugen kann, sind die beiden anderen arme kleine Schlucker.

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