"Niemandsland": Die Kartografie von Trauer und Schuld

26. September 2016, 14:49
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Geistesgegenwärtig: Yael Ronens Stück im Wiener Volkstheater

Wien – Der unscheinbare Star in Yael Ronens Niemandsland heißt Azra (Birgit Stöger). Azra ist vor 20 Jahren vor dem Grauen des Bosnienkrieges nach Wien-Fünfhaus geflüchtet. Jetzt übt sie den ebenso ehrbaren wie unerquicklichen Beruf einer Kammerjägerin aus. Von wohlmeinenden Zeitgenossen nach ihrem Tun befragt, antwortet sie in ihrem rührenden Dialekt: "I täte Schädlinge!"

Azra, die untröstliche Kettenraucherin, hat einen weiteren Szenenwechsel hinter sich. Niemandsland, Ronens wunderbar leichthändiges Stück über Menschen im Transit, ist vom Grazer Schauspielhaus an das Wiener Volkstheater transferiert worden. Das Skelett eines Weltdorfes (Ausstattung: Fatima Sonntag) steht einstöckig auf der kahlen Bühne. Nach Belieben wechselt die Szene. Von der Märzstraße gelangt man umstandslos in den Augarten, von dort ohne Umschweife nach Ramallah oder zurück in eine Hotelsuite nach Paris.

Flüchtig sind die gezeigten Existenzen. Jeder Lebensentwurf wird von den Furien des Verschwindens bedroht. Azras burschikose Tochter Lejla (Seyneb Saleh) möchte sich ein halbes Jahr lang in Palästina als Aktivistin betätigen. Ein junger Austroserbe (Sebastian Klein) ehrt das Andenken seines Krieger-Vaters ausgerechnet durch ein Off-off-Theaterstück. Ein israelisch-palästinensisches Künstlerehepaar – Jasmin Avissar und Osama Zatar – sucht verzweifelt nach einem Aufenthaltsort für seine Zweisamkeit. Zwischen den je wechselnden Parteien aber torkelt ein Kriegsberichterstatter (Jan Thümer) herum. Fabian Feldkirch (sic!) gibt Gott Hermes als kotzenden, strahlend blonden Draufgänger. Eine wunderbar wackelige Cartoonfigur, bei der die Erzählstränge zusammenlaufen. Von Syrien ist die Rede, vom anonymen Engagement einer Bloggerin in Aleppo.

Und alle hetzen und hasten sie aneinander vorbei. Jede(r) zieht ganze Wagenladungen von Idealismus hinter sich her und weiß doch nicht, wohin mit dem Engagement. Ruhepunkte werden erreicht, wenn die Herren der Schöpfung ein Kondukt bilden und Trauma-Patientinnen wie Azra durch die halbdunkle Szene heben. Wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, gibt Ronen ihm ein paar Tanzgesten, damit er zeige, was er leidet.

Die Langzeitfolgen von Krieg und Vergewaltigung lassen sich ganz bestimmt nicht im Vorübergehen wegtherapieren. Aber man kann Wahrnehmungsinhalte herauszoomen und das unwegsame Niemandsland der Jetztzeit behutsam kartografieren. Alles das kann Ronen. Sie und die Schauspieler wurden zu Recht bejubelt. (Ronald Pohl, 26.9.2016)

  • Sinnt dem Vater nach:  Milos (Sebastian Klein).
    foto: lupi spuma

    Sinnt dem Vater nach: Milos (Sebastian Klein).


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