"Meine Augen sind keine Beweismittel": Netflix-Doku "Amanda Knox"

26. September 2016, 14:11
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US-Filmemacher Brian McGinn und Rod Blackhurst arbeiten Justizkrimi auf und üben Kritik an Medien und Behörden – Ab Freitag auf Netflix

Wien – Schuldig oder nicht schuldig, "es gab nichts dazwischen", sagt Amanda Knox mit Blick in die Kamera. In der Netflix-Doku "Amanda Knox" erzählt die 29-Jährige ihre Version des Mordfalls Meredith Kercher. Am Beginn steht ein Satz, der einem den kalten Schauer über den Rücken jagt und viel verspricht für die kommenden 90 Minuten: "Ich bin die Psychopathin im Schafspelz – oder ich bin wie ihr."

Ab Freitag ist der Film auf Netflix abrufbar, zuvor feierte er Premiere beim Toronto Film Festival. Einige Monate nach der aufsehenerregenden Dokuserie "Making a Murderer" prescht der US-Streamingdienst mit einem weiteren Fall unrechtmäßiger Verurteilung vor. Hier wie dort geht es um die gefährliche Schwarz-Weiß-Malerei von Medien, Polizei und Schaulustigen, um ein krankendes Justizsystem und zerstörte Existenzen. Die Schuldfrage ist spätestens seit dem letztinstanzlichen Freispruch im März 2015 geklärt, Amanda Knox selbst aber polarisiert bis heute.

Mediale Hexenjagd

2009 war die US-Amerikanerin gemeinsam mit ihrem damaligen Freund Raffaele Sollecito in einem Indizienprozess wegen Mordes an ihrer britischen Mitbewohnerin Meredith Kercher in Perugia (Italien) im November 2007 verurteilt worden. Bis zu ihrem Freispruch im Berufungsverfahren 2011, in dem sämtliche DNA-Beweise für nichtig erklärt sowie "frappante Ermittlungsfehler" und die mediale Hexenjagd angekreidet wurden, wurde Knox von den Medien als "Engel mit den Eisaugen" und vom Chefermittler Giuliano Mignini als rebellische Satanistin hingestellt. "Ihr sucht Antworten in meinen Augen statt in diesem Raum (dem Tatort, Anm.)", klagt Knox in der nach ihr benannten Doku an. "Aber meine Augen sind keine Beweismittel."

Mit einer Fülle an Material – darunter Bildern aus dem Gerichtssaal und dem Video vom Tatort, TV-Berichten, Titelseiten sowie privaten Aufnahmen Knox' und Audiomitschnitten aus ihrer Zeit im Gefängnis – zeichnen die beiden US-Filmemacher Brian McGinn und Rod Blackhurst kompakt den langjährigen Justizkrimi nach. Der medialen Aufregung stellen sie stille, beherrschte Bilder gegenüber, die für die Doku in Perugia und Seattle gedreht wurden, wo Knox lebt. Meist ist die junge Frau alleine im Bild, beim Einkaufen oder Kochen, und mutet an wie die einzige Überlebende einer Apokalypse.

Blicke direkt in die Kamera

Als solche beschreibt die junge Frau ihre Erlebnisse dann auch, eloquent und beherrscht. Auch Sollecito, Mignini sowie der Journalist Nick Pisa nehmen in dem artifiziellen Setting Platz, richten ihre Blicke direkt in die Kamera. Sie alle einen Vorwürfe, die sie entweder sich selbst oder anderen machen. Während der strengkatholische Mignini die Druck machenden Medien anpatzt, schiebt der in schlechtem Licht erscheinende Boulevardjournalist Nick Pisa die Schuld den sensationsgeilen Lesern und dem Konkurrenzdruck in der Branche zu. Bis heute scheint er stolz, die (später widerlegte) Theorie vom "entarteten Sexspielchen" als Erster verbreitet und den Spitznamen "Foxy Knoxy" mitgeprägt zu haben.

Knox bricht die spekulativen Berichte über ihre angebliche Promiskuität auf die Realität herunter, erzählt von dem Aufbruchsgefühl, mit dem sie ihr Auslandsjahr in Italien angetreten hat, und von der frischen Verliebtheit mit dem charmanten Italiener Sollecito. Das geradezu ikonische Bild des Kusses zwischen den beiden beim Tatort am Tag danach mutet nun ganz anders an: Was damals als Affront einer eiskalten potenziellen Mörderin gewertet wurde, ist mit nötigem Abstand und nüchtern betrachtet schlicht ein Zeichen der Geborgenheit in einer Ausnahmesituation zwischen zwei jungen Menschen, die sich erst wenige Tage zuvor kennengelernt und verliebt hatten.

Zerstörtes Leben

Das Aufbröseln des Falls in seine Einzelteile und vor allem die Kritik an Medien und Behörden, die sich gegenseitig hochschaukeln, gelingt McGinn und Blackhurst gut. Mit einigem Abstand wird aus dem "Engel mit den Eisaugen" eine wegen engstirniger Moralvorstellungen angefeindete, bewusst missverstandene junge Frau und aus Sollecito ein (sexuell) unerfahrener, zufällig Involvierter, dessen "Leben durch all das zerstört wurde".

So nüchtern wie der Ansatz ist das Ergebnis letztendlich nicht, schaffen die beiden US-Amerikaner es doch nicht ganz, sich der Emotionalität des Falles zu entziehen. Da wird immer wieder mit Tränen vor der Kamera, mit repetitiven Bildern vom Tatort und mit Zeitlupen-Effekten gearbeitet, und vor allem aus Pisa ein leichtes Opfer gemacht. Der Journalist wird als verantwortungsloser Reißer, Mignini als größenwahnsinniger Möchtegern-Sherlock-Holmes und Italien als stolzes Land, das sich von den USA nichts dreinreden lassen will, inszeniert – was durchaus alles so stimmen mag.

Was bleibt, ist die traurige Gewissheit ob der verlorenen Jahre der Hauptprotagonisten Knox und Sollecito, und das Gefühl, dass sich die Tragödie meilenweit vom ursprünglichen Opfer, Meredith Kercher, entfernt hat. Kerchers Familie kommt nur am Rande vor, ebenso wie der heute einzig rechtskräftig verurteilte Rudy Guede – der, da sind sich die Behörden sicher, nicht allein gehandelt haben kann. "Amanda Knox" ist also der neueste Beitrag zu einem nach wie vor kontroversiellen Krimi – einer der besseren, bestimmt aber nicht der letzte. (APA, 26.9.2016)

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