Laufsteg Mailand: Muskeln und Muschelsäume

26. September 2016, 17:01
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Mode für Frühjahr/Sommer 2017: Mailand setzt im Gegensatz zu London und New York noch nicht auf "See now, buy now"

Über dem roten Teppich wabert pinker Nebel, bebrillte Freaks laufen in blumig bestickten Kleidern und Schlaghosen über den Laufsteg. Gucci-Designer Alessandro Michele schickt zerbrechliche Außerirdische über den Laufsteg. Und knüpft mit seiner verrüschten Handschrift an seine Erfolge der vergangenen Saisonen an.

Seit mehr als eineinhalb Jahren gibt das italienische Label Gucci in Mailand wieder den Ton an. Seither steigen die Unternehmensumsätze. Und seither gilt die Modestadt Mailand, in den Jahren zuvor als unbeweglich und verschlafen geschimpft, wieder als relevanter Zwischenstopp im Modewochenreigen zwischen New York, London und Paris.

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Gucci

Die Relevanz des Labels ist in der Stadt an allen Ecken ablesbar: Im neu bezogenen Headquarter am Rande von Mailand ist es mit einem samtig rot ausgeschlagenen Showroom in die luftigen Backsteinbauten eingezogen. In der Innenstadt in unmittelbarer Nähe zum Domplatz liegen und hängen während der Modewoche hinter allen acht Schaufenstern des Mailänder Luxuskaufhauses Rinascente Taschen, Slipper, bestickte Jacken von Gucci.

Das neu erwachte modische Selbstbewusstsein Mailands lässt sich aber auch anderswo entdecken: Zu Beginn der Modewoche eröffnete die Ausstellung "Crafting the Future". Kuratiert wurde sie von Franca Sozzani, der Chefredakteurin der italienischen Vogue, im neu eröffneten Museo delle Culture. Die Ausstellung kam wie gerufen. Sie durfte als Setting für das diesjährige Eröffnungsdinner der Modewoche mit Premier Matteo Renzi herhalten. Wie ein halbes Jahr zuvor versammelte der Politiker die Protagonisten der italienischen Modeindustrie um sich, um bei Risotto und Garnelen die Zukunft der Mode made in Italy zu besprechen.

Große Herausforderungen

Denn die italienische Mode steht nach wie vor vor großen Herausforderungen. In New York haben große Marken wie Tommy Hilfiger, Tom Ford, Ralph Lauren den konventionellen Schauenkalender durcheinandergeworfen. Statt Entwürfe für das kommende Frühjahr zeigten sie Mode für diesen Herbst, die Sachen waren direkt nach den Shows online für die Endverbraucher erhältlich. Ähnlich verfuhr Burberry in London.

In Mailand hat man sich fürs Erste anders entschieden. Hier halten die großen Modehäuser am bestehenden Saisonensystem fest. Gezeigt werden die Visionen für das kommende Frühjahr – italienische Handwerkskunst sei nicht gemacht für "Fast Fashion", meint man hier. Ob das letzte Wort gesprochen ist, wird sich zeigen. Die britische Modekritikerin Suzy Menkes sieht in ihrer Kolumne für die Vogue bereits das Damoklesschwert "See now, Buy now" über den italienischen Modemachern hängen.

Festhalten an Frühjahrsmode

Bisher aber schaut es so aus, als halte auch der derzeitige Klassenbeste aus dem Haus Kering an Althergebrachtem fest. Gucci zeigt wie eh und je Frühjahrsmode, die Trennung der Männer- und Frauenshows hingegen hat das Unternehmen bereits aufgehoben. Diese Entscheidung treffen immer mehr Labels, aktueller Neuzugang: Bei Bottega Veneta laufen anlässlich des fünfzigsten Firmenjubiläums in der Academia di Brera erstmals männliche und weibliche Models gemeinsam über den Laufsteg, Giorgio Armani zeigt nicht nur eine Frauenkollektion, in seiner Ausstellung "Emotions of the Athletic Body" hängen Bilder männlicher, muskulöser Athleten an den Wänden.

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Armani

Noch aber machen die modelnden Frauen von sich reden. Die 72-jährige Lauren Hutton legt bei Bottega Veneta einen umjubelten Auftritt hin, Gigi Hadid, die blonde Instagram-Heldin der Millennials, läuft nicht nur Seite an Seite mit Hutton über den Laufsteg, sondern zuckelt überlebensgroß auf Mailands Bussen plakatiert durch die Straßen.

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Gigi Hadid neben Lauren Hutton bei ihrem Auftritt für Bottega Veneta.

Designer Philipp Plein feiert mit der blondierten Trash-Ikone Paris Hilton seinen Abschied von Mailand – er wird Mailand den Rücken kehren und seine Shows in Zukunft in New York zeigen. Doch nicht nur die Frauenbilder, auch die Strategien der Modehäuser, weibliches Selbstbewusstsein zu demonstrieren, fallen in Mailand unterschiedlich aus.

Bei Jil Sander breiten die Frauen ihre Schultern aus, als wollten sie dem Pariser Kult-Label Vetements nacheifern. Oder den Pleats-Please-Kollektionen des japanischen Modelabels Miyake, das in den Neunzigerjahren auf permanente Plisseefältchen setzte.

Das Modehaus Marni hängt den Models große Gürteltaschen über die mit Schnüren zusammengezogenen Kleider. Motto: Die moderne Frau hat beide Hände frei für relevantere Dinge als die kleinen unpraktischen Clutches der letzten Jahre.

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Marni

Bei Miuccia Prada klemmen die Models ihre Taschen an den Körper, die Designerin verordnet den Models eine "neue Eleganz". Die sieht so aus: Die Prada-Frau schneidet sich die Haare zu einem strengen Zwanzigerjahre-Bob und spielt mit Referenzen an die Vergangenheit, ohne in ihr verhaftet zu bleiben: Blütenmuster und Gingham-Karos auf Kleidern und Blazern sind an die Siebzigerjahre angelehnt und die Marabufedern, mit denen Pyjamaanzüge, Mules und Röcke gesäumt sind, erinnern an die Zwanziger.

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Prada

Auch Karl Lagerfeld beweist sich als Frauenversteher: Zehn Jahre nach Sofia Coppolas filmischer Interpretation widmet der 83-Jährige für Fendi seine pastellige Frühjahrskollektion Marie Antoinette. Bei Fendi steckt sie sich Glitzersteine und Spangen ins Haar, trägt Muschelsäume und seidene Unterhosen unter Schürzenkleidern – und überraschend wenig Pelz.

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Fendi – rechts im Bild die Steirerin Stella Lucia.

Übliche Verdächtige

Mit seinen leichten Entwürfen ist das römische Modehaus Fendi nicht allein: Wenn es nach den Italienern geht, werden Rüschen und Volants im kommenden Frühjahr die Mode beherrschen. Bei Diesel Black Gold laufen rosa Minirüschen zu Björk-Songs durch eine Industriehalle, bei Sportmax werden Kleider mit Schnüren raffiniert zusammengezogen.

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Diesel

Es locken aber nicht nur die üblichen Verdächtigen, sondern auch die Jungen nach Mailand. So wie Marco de Vincenzo. Oder Arthur Arbesser. Der Wiener Designer, der vor wenigen Wochen seinen Job als Kreativdirektor bei Iceberg beendete, konzentriert sich wieder aufs eigenes Label. Das hat sich gelohnt. Er zeigt klare, grafische Mode mit einem femininen Touch. Und kehrt damit zu seinen Anfängen zurück. (Anne Feldkamp, 26.9.2016)

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Bei Ferragamo gabs Blumen auf gerafften Kleidern und schwingende Röcke
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Arthur Arbesser kehrte mit seinen grafischen wie femininen Entwürfen zu seinen Anfängen zurück
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Dolce & Gabbana huldigten wieder ihrer Heimat, u.a. mit Nudeln und Eisstanitzeln auf den Kleidern.

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