"Lebenslang für die Wahrheit": Can Dündars Gefängnis-Aufzeichnungen

26. September 2016, 11:38
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Der ehemalige Chefredakteur der türkischen Zeitung "Cumhuriyet" hat in der Untersuchungshaft ein Buch geschrieben, das nicht nur Journalisten Mut macht

Wien/Istanbul – Gefängnistagebücher sind ein Literaturgenre, auf das man gerne verzichten könnte – wenngleich sie meist Dinge in unvergleichlicher Schärfe und Klarsichtigkeit verhandeln. Traurig, dass dieses Genre weiter Zuwachs erfährt. Auch der türkische Journalist Can Dündar hat in seiner Untersuchungshaft ohne Unterlass geschrieben. Sein Buch "Lebenslang für die Wahrheit" ist nun auf Deutsch erschienen.

Dündar, kürzlich zurückgetretener Chefredakteur der eben mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichneten regierungskritischen türkischen Zeitung "Cumhuriyet", machte die von der Regierung geleugneten Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes nach Syrien öffentlich. Mit der Publikation von Beweismaterial machte sich der 55-Jährige zu einem persönlichen Feind des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Eine Anklage wegen Spionage und Verrat von Staatsgeheimnissen war die Folge.

Dündar und der Leiter des "Cumhuriyet"-Hauptstadtbüros Erdem Gül wurden in Untersuchungshaft genommen und in das Gefängnis Silivri gebracht. Seine dort verfassten Aufzeichnungen sind ein Dokument über den Zustand des Landes, das sich schon vor dem niedergeschlagenen Putschversuch vom 15. Juli in den weltweiten Pressefreiheit-Rankings weit unten befunden hatte und seither eine weitere beispiellose Verfolgungskampagne gegen Journalisten erlebt. Dennoch macht das Buch Mut. Denn es zeigt Bleistift und Papier als wirkungsvolle Waffen im Kampf um Gerechtigkeit.

Gefängnis Silivri ist wohl der Ort mit der höchsten Akademikerquote

Silivri sei landesweit wohl der Ort mit der höchsten Akademikerquote, schreibt Dündar. Der unmittelbar nach Amtsantritt von Erdogan in Auftrag gegebene moderne Gefängnisbau dient vor allem als Wegsperrort für Kritiker des autoritären AKP-Kurses. Obwohl zunächst in strenger Isolationshaft, erfährt Dündar bald, wer seine Zellennachbarn sind: Richter, Journalisten, Gouverneure... Insgesamt 15.000 Gefangene. Er erfährt aber auch, dass die türkische wie die europäische Öffentlichkeit seine Inhaftierung nicht einfach schulterzuckend zur Kenntnis nimmt, dass seine unermüdliche Schreibtätigkeit, deren Resultate dank reger Abgeordneten- und Anwaltsbesuche den Weg nach draußen finden, nicht ohne Wirkung bleibt.

Ambivalenzen kennzeichnen die Auseinandersetzung mit seiner Situation: Wollte er sich nicht schon lange vorübergehend auf neue Buchprojekte konzentrieren, sich der Lektüre widmen (in der Gefängnisbibliothek, in der sich nur ausgesuchte, zur "Besserung" der Häftlinge geeignete Bücher befinden, entdeckt Dündar zu seiner Verwunderung drei seiner eigenen Werke), abseits der Alltagshektik Zeit zum Nachdenken haben? Hätte er sonst je so viele Ehrungen, so viel Zuspruch von Freunden und ihm gänzlich Unbekannten erfahren? Doch wie lange lässt sich die Hoffnung aufrechterhalten, dass am Ende die Gerechtigkeit siegt und die irrwitzige Forderung der Anklage nach lebenslänglich plus 30 Jahre Haft ("Es war das damals auch für PKK-Chef Abdullah Öcalan geforderte Strafmaß.") frühzeitig an den Resten des türkischen Rechtsstaats scheitert? Und wie lange lassen sich die Liebesbeteuerungen und Stärkebeweise seiner Liebsten aus der Ferne erleben, ohne sich vor Sehnsucht zu verzehren?

Verfassungsrichter, die Dündars Freilassung veranlasst hatten, wurden zuerst entlassen

Drei Monate, "es mögen die drei fruchtbarsten Monate meines Lebens gewesen sein", schrieb Dündar seine Aufzeichnungen, Notizen, Eingaben, Artikel und Briefe mit der Hand, da ihm weder Schreibmaschine noch Computer gestattet wurden. Das Buch erschien kurz nach seiner Freilassung durch einen Verfassungsgerichtsentscheid im Frühjahr. Seither ist viel passiert. Der niedergeschlagene Putschversuch führte auch zu einer einzigartigen Entlassungswelle. "Zu den Ersten, die in den höchsten Justizorganen vom Dienst suspendiert wurden, gehörten die Richter am Verfassungsgericht, die unsere Freilassung veranlasst hatten", schreibt Dündar in einem im August verfassten Vorwort für die deutsche Ausgabe.

In erster Instanz wurde Dündar zu fünf Jahren und zehn Monaten Gefängnis verurteilt. Er überlebte einen Mordversuch unmittelbar vor dem Gerichtsgebäude. Bis zur Berufungsverhandlung auf freiem Fuß, hat sich Dündar entschlossen, sich unter den herrschenden Ausnahmebedingungen der türkischen Justiz nicht zu stellen und im Ausland abzuwarten. Seiner Frau Dilek wurde die Ausreise ohne Angaben von Gründen verweigert. Sie ist nun unter den wenigen zugelassenen Beobachtern eines neuen, unter Ausschluss der Öffentlichkeit gegen Dündar und Gül angestrengten Prozesses.

Aufruf zum Exitenzkampf der demokratischen Kräfte in der Türkei

"Unterstützen Sie den Existenzkampf der demokratischen Kräfte in der Türkei", fordert Dündar abschließend seine europäischen Leser auf, das Interesse an den Ereignissen in der Türkei zu intensivieren und den notwendigen Dialog nicht abzubrechen. "Nur so können wir dem religiös motivierten schmutzigen Krieg, der drauf und dran ist, die Welt in eine Katastrophe zu führen, sowie der Seuche des Nationalismus und den repressiven Regimen, die dieser Krieg mit sich bringt, Einhalt gebieten." (APA, 26.9.2016)

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