Trisha Brown: Wenn Körper auf Narzissmus verzichten

26. September 2016, 10:48
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Das Tanzquartier Wien zeigte zur Saisoneröffnung, warum die Arbeiten der postmodernen Klassikerin heute wichtig sind. Die Vertikale des Leopold-Museums wurde dabei zum Laufsteg für uneitle Architekturintervention

Wien – Trisha Brown (79) wird wohl nie wieder choreografieren. Sie leidet an vaskulärer Demenz und hat ihre letzten Arbeiten im Jahr 2011 geschaffen. Eine davon, I am going to toss my arms – if you catch them they’re yours, war in Ausschnitten am Samstag bei der Saisoneröffnung des Tanzquartier Wien im Hof des MQ zu sehen.

Nicht nur das machte die rund einstündige Kompilation kurzer Arbeiten vor allem aus den 1970-er- Jahren zu einem berührenden Ereignis. Sondern auch der damit einhergehende Hinweis darauf, welche Möglichkeiten dem Tanz zu dieser Zeit eröffnet wurden. Trisha Brown gehörte am Beginn ihrer Laufbahn zu den Gründungsmitgliedern des Judson Dance Theater (New York, 1962–1964), eines der wichtigsten Impulsgeber für die enorme künstlerische Bandbreite, die der Choreografie heute offenstehen.

Jahrzehnte vergingen, bevor sich dieses Spektrum durchsetzen konnte. Noch bis Ende der 1990-er-Jahre wurden etwa in Wien Tanzschaffende, die neu an die Ideen der amerikanischen Postmoderne anschlossen, mit Missachtung gestraft. Trisha Browns Ästhetik zeichnet sich durch völligen Verzicht auf jenen Narzissmus aus, der die Gegenwart der "sozialen" Medien, der Werbeindustrie, von Teilen der Popkultur und so mancher Auseinandersetzungen um Identitäten in der Kunst beherrscht.

In Trisha Browns in sich ausgesprochen vielschichtigem Werk gab es für Narzissmus keinen Platz. Das hat auch das Programm der heute von Carolyn Lucas und Diana Madden geleiteten Company für das Tanzquartier gezeigt. Den Auftritten der fünf Tänzerinnen und zwei Tänzer der Trisha Brown Dance Company ging ein Solo voraus, das die Künstlerin der kalifornischen Bandaloop Company überlassen hat: In Man Walking Down the Side of a Building, entstanden 1970, spazierte eine an einem Seil hängende Performerin die Fassade des Leopold-Museums hinunter – vom Dach über das "L" des in die Außenwand gravierten Museumsnamens bis zum Boden des Hofs. Einmal, in gemessenem Schritt.

Das war’s, ohne Gags oder Artistik, rein minimalistisch und doch spektakulär. Eine Auseinandersetzung mit Architektur und ihrem Verhältnis zum menschlichen Körper, und ein ironischer Hinweis darauf, dass die Vertikale nur mit Hilfsmitteln zu erobern ist. Die Tänzerinnen und Tänzer von Browns Company setzten mit einem Wall Walk fort, in dem eine von ihren Kollegen getragene Person horizontal an der Außenwand des Museums ging – ohne diese mit den Füßen zu berühren. Danach ging es in muschelartiger Formation durch die Zuschauermenge auf vier Podeste zur Group Primary Accumulation, einem ab strakten Quartett mit präzise synchronen, geometrisch gezirkelten Bewegungen.

Zum Klassiker der postmodernen Choreografie haben es auch die Leaning Duets (1970) gebracht, von denen es eine historische Filmaufnahme auf Youtube gibt. Diese zeigt, mit wie viel Spaß, mit welcher Radikalität und vor wie wenig Publikum die Tänzer damals in der ramponierten New Yorker Wooster Street experimentierten. Die heute so selbstverständliche Brown-Uniform – weiße Hosen und Shirts – gab es übrigens noch nicht.

Den Abschluss des Programms im Museumsquartier machte eine Duettversion von Accumulation von 1971 auf der Stiege zum Eingang des Mumok. Zum ersten Mal erklang dabei auch Musik: Uncle John’s Band von Grateful Dead – "when life looks like easy street, / there is danger at your door". (Helmut Ploebst, 26.9.2016)

  • Die Performerin Suzanne Gallo von der Company Bandaloop aus Oakland übernahm auch an der Fassade des Leopold Museums den Stunt des "Man Walking Down the Side of a Buildiing" von Tisha Brown.
    foto: http.//esel.at

    Die Performerin Suzanne Gallo von der Company Bandaloop aus Oakland übernahm auch an der Fassade des Leopold Museums den Stunt des "Man Walking Down the Side of a Buildiing" von Tisha Brown.

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