San Sebastián: Mörder aus Machtlosigkeit

25. September 2016, 17:57
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Beim Filmfestival San Sebastián konnte "Nocturama" überzeugen – mit der Goldenen Muschel prämiert wurde ein anderer: "I Am Not Madame Bovary"

Vor fünf Jahren legte die baskische Eta die Waffen nieder, an die 2000 Anschläge haben die Separatisten seit 1970 zu verantworten. Im Anbetracht der blutigen Geschichte der Region widmete das 64. Internationale Filmfestival von San Sebastián dem Thema "Globale Gewalt und Kino" ein umfangreiches Sonderprogramm. Die Reihe war der Beitrag des Festivals zum Jahr San Sebastiáns als Europäische Kulturhauptstadt. So allgemein das Thema gehalten war, so beliebig wirkte allerdings auch die Filmauswahl.

Denn was hat die staatliche Gewalt gegen die Protestierenden in der Ukraine im Winter 2013/14, wie sie Maidan dokumentiert, mit der Gewalt der Drogenkartelle gegen die Bevölkerung in Mexiko zu tun, wie sie der Spielfilm Heli zeigt? Was haben die Opfer des aktuellen islamistischen Terrors in Frankreich, denen der Dokumentarfilm Je suis Charlie ein Denkmal setzt, gemein mit den Tätern der indonesischen Todesschwadronen der Sechzigerjahre, wie sie in The Act of Killing vor die Kamera geholt werden? So gelungen diese Filme im Einzelnen sind, so sehr verliert in der Gesamtschau die Gewalt ihre Spezifik und wird zu einer anthropologischen Grundkonstante, zu einem globalen menschlichen Makel, der einen hilflos zurücklässt.

Tödliche Gewalt zog sich passenderweise auch als Hauptthema durch den diesjährigen Wettbewerb des Festivals. Hier allerdings mit dem besonderen Fokus auf junge Menschen, die aus Macht- oder Hilflosigkeit zu Mördern werden. In Lady Macbeth etwa ist es die junge Katherine, die im ländlichen England Mitte des 19. Jahrhunderts gewaltsam aus einer liebes- und sexlosen Ehe mit einem viel älteren Ehemann ausbricht.

Wahre Begebenheit

Verstörend ist der polnische Film Playground, in dem zwei Zwölfjährige ein Kind entführen und es scheinbar nur aus Langeweile zu Tode steinigen – der Film basiert auf einer wahren Geschichte. Im chilenischen Film Jesus prügelt eine Gruppe orientierungsloser Jugendlicher besoffen einen Gleichaltrigen zu Tode, um den Thrill der absoluten Macht zu spüren. Der mit Abstand schillerndste Film in dieser Gruppe war Bertrand Bonellos Nocturama. Schon vor seiner Europapremiere in San Sebastián hatte er für einigen publizistischen Wirbel gesorgt, weil er angeblich wegen seines brisanten Themas nicht zu den Filmfestspielen von Cannes eingeladen worden war.

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Der Film handelt von einer Gruppe Jugendlicher, die in Paris eine Reihe von Anschlägen begeht. Darin erschöpfen sich allerdings die Parallelen zu aktuellen Ereignissen. Regisseur und Drehbuchautor Bonello (Saint Laurent) geht es nicht um eine realistische Darstellung etwa islamistischen Terrors, sondern eher um das immer mehr ins (Alb-)Traumhafte abgleitende Porträt einer entfremdeten Jugend in einer durchkommerzialisierten Gesellschaft. Entstanden ist eine somnambule Mischung aus Bret Easton Ellis Glamourama und Gus Van Sants Elephant, die alle Erwartungen unterläuft und so den überdeterminierten Blick auf das Phänomen "Terrorismus" mit kinospezifischen Mitteln ein Stück weit befreit.

Leider würdigte die Jury um den dänischen Regisseur Bille August das mutige Werk mit keinem Preis. Mit der Goldenen Muschel wurde am Ende ein Film ausgezeichnet, der etwas märchenhaft gesellschaftliche Machtverhältnisse in einer Diktatur umkehrt: Xiaogang Fengs bildstarker I Am Not Madame Bovary erzählt von einer Frau aus der chinesischen Provinz, die ihre Scheidung rückgängig machen will – und es mit ihrem unbeugsamen Willen schafft, der Bürokratie und Politik bis ins ferne Peking Angst einzujagen. Dass in der Realität solche Beschwerdeführer mit gewaltsamen Repressalien rechnen müssen, blendet der Film aus. (Sven von Reden aus San Sebastián, 26.9.2016)

  • Entfremdete Jugend in einer durchkommerzialisierten Gesellschaft: "Nocturama" überzeugte beim Filmfestival San Sebastián.
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    Entfremdete Jugend in einer durchkommerzialisierten Gesellschaft: "Nocturama" überzeugte beim Filmfestival San Sebastián.

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