Klaffenböck: Der Grenzgänger auf der Sondermarke

26. September 2016, 10:17
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Der Oberösterreicher Klaus Klaffenböck kam im Motorradsport nicht mit Talent, Mut, teurem Material und Glück auf der Sponsorensuche aus. Der Seitenwagenchampion benötigte auch Empathie und Führungsqualitäten

Wien – Die Isle of Man hat natürlich noch mehr zu bieten als schwanzlose Rassekatzen, eine milde Steuergesetzgebung und die mörderisch spektakuläre TT. Aber ein bis zwei dieser Attraktionen sind verantwortlich dafür, dass Klaus Klaffenböck auf die im britischen Kronbesitz befindliche Insel in der Irischen See gezogen ist. Der 48-jährige Oberösterreicher aus Peuerbach ist deshalb noch längst kein Manx, aber bei den Bewohnern wohlgelitten, ja von nicht wenigen sogar bewundert. Schließlich hat Klaffenböck drei Seitenwagenrennen der Tourist Trophy gewonnen, einer der ältesten Motorradrennveranstaltungen der Welt, der dafür aber mit Sicherheit gefährlichsten.

Die TT ist im Grund ein zweiwöchiges Frühsommerhappening für Benzinbrüder und -schwestern, die der Raserei auf gleichwohl gesperrten, aber öffentlichen Straßen frönen oder ihr einfach nur zusehen wollen. Denn der nach der höchsten Inselerhebung benannte 60,725 Kilometer lange Snaefell Mountain Course mit seinen mehr als 200 Kurven ist eben keine Rennstrecke, weshalb es an Sturzräumen und adäquaten Absicherungen gebricht.

Viele Tote

Zumeist nur Strohballen polstern auf der zweispurigen Landstraße mit ihren Kanaldeckeln, Randsteinen und schlecht einsehbaren Kurven die Grenzsteine, Brückenpfeiler, Bäume und Steinmauern. Dennoch steht die schnellste Rundenzeit bei knapp 17 Minuten. Mehr als 330 km/h wurden auf einzelnen Abschnitten erreicht. Fehler sind da nicht erlaubt. In all den Jahren haben mehr als 250 Menschen ihr TT-Abenteuer nicht überlebt. Der Wahnsinn, der nur möglich ist, weil für die "Road Racing Capital of the World" das britische Verbot für Rennen auf öffentlichen Straßen nicht gilt, hat magische Anziehungskraft. Klaffenböck sagt, was viele über die TT sagen: "Der Reiz ist der Grenzgang, weil es eben so gefährlich ist."

Er ist dem Reiz relativ spät in der Karriere erlegen, die irgendwie vorgezeichnet war, weil Klaffenböcks Vater Hubert Seitenwagenrennen bestritt. "Daher habe ich die Nähe zum nicht normalen Motorrad." Tatsächlich ist das Gespannfahren auf drei Rädern nicht normales Motorradfahren. "Es ist ein Mix aus Auto und Motorrad", sagt Klaffenböck über das spezielle Eisen. "Die Linie ist wie bei einem Auto, sexy ist, dass man so knapp über dem Boden fährt." Sieben Zentimeter Bodenfreiheit hat das 200 PS starke, aber nur ebenso viele Kilogramm schwere Gerät. "In Monza haben wir 300 km/h erreicht", sagt Klaffenböck.

Formel-1-Boliden kommen zwar auf schnellere Rundenzeiten, aber "sie vermitteln einen anderen Eindruck. Man ist eben angeschnallt und von Technik umgeben." Klaffenböck hat im Jahr 2000 auf dem A1-Ring ein Gefährt der sogenannten Königsklasse bewegt – der Vergleich hat ihn quasi sicher gemacht.

Blindes Verständnis

Aber eigentlich ist kein Vergleich möglich, weil zum Gespann eben nicht nur der Pilot, sondern auch der Beifahrer gehört. Und weil der zuweilen auch Schmiermaxe Genannte eine wichtige Rolle spielt. Er wirkt durch Gewichtsverlagerung unmittelbar auf das Fahrverhalten des Gespannes ein, ermöglicht höhere Geschwindigkeiten und hält das Gefährt stabil. Das Zusammenwirken von Fahrer und Beifahrer ist essenziell.

Klaffenböck, der zwar nie ein normales Motorrad besaß, aber Minimotocrossrennen bestritt und – inspiriert durch die einschlägige Natternbacher Legende Alois Fischbacher – auch sehr erfolgreich Skibobrennen fuhr, hatte das Glück, in seiner Karriere mehrere Beifahrer zu finden, mit denen er das nötige blinde Verständnis entwickeln konnte. Der erste heißt Christian Parzer, dessen Vater ebenfalls aus Peuerbach stammt. Klaffenböck/Parzer fuhren mit Unterbrechungen 20 Jahre zusammen. Das Duo verkehrte freundschaftlich, traf sich aber nur auf den Rennstrecken regelmäßig. "Ich war eindeutig der Boss", sagt Klaffenböck, "ich war immer ehrgeizig und habe das Ziel gehabt. Die Beifahrer brauchen oft jemanden, der sagt, wo es langgeht. Aber als Freund kannst du keinen besseren haben."

Klaffenböcks Ehrgeiz und Können, gepaart mit Parzers Talent und Unerschrockenheit, führte in die Erfolgsspur. 1992 schaut bereits Rang drei in der Weltmeisterschaft heraus, 1997 gelingt in Tschechien der erste Grand-Prix-Sieg. Die Saisonen 1998, 1999 und 2000 bestreitet Klaffenböck zusammen mit dem Schweizer Adolf Hänni und wird dreimal Vizeweltmeister, ehe 2001 wieder mit Parzer der große Coup gelingt – Weltmeistertitel nach vier Grand-Prix-Siegen.

Zu dieser Zeit werden die Seitenwagenrennen nicht mehr im Rahmen der normalen Motorradweltmeisterschaftsläufe ausgefahren. Die Folge ist ein gewisses Vermarktungsproblem, "aber das nötige Budget aufzutreiben stand eigentlich immer im Vordergrund", sagt Klaffenböck, der als gelernter Mechaniker auch selbst gut Hand anlegen konnte.

Potenter Sponsor

Etwa eine Million Schilling benötigte er für eine Saison mit acht bis zwölf Events. Von 1994 weg hatte Klaffenböck in ÖKM einen potenten Sponsor an der Hand. Der steirische Journalist Peter Janisch hätte nach eigener Aussage bei Aussicht auf kommerziellen Erfolg genauso gut ein Schrebergartenmagazin lanciert, gründete aber wohlweislich die an den St. Pauli Nachrichten orientierte Sexpostille Nachboteund später das Kontaktmagazin ÖKM. Janisch war bald reich und nebenbei ein Motorradsportenthusiast.

Klaffenböck/Parzer mischten mit ÖKM-Geld in der Spitze mit und posierten auch ohne Berührungsängste mit Szenestars wie Dolly Buster. Türen zu möglicherweise noch etwas besser gefüllten Sponsorengeldtresoren blieben deshalb jedoch verschlossen. "Ich bekam die Telefonnummer von Dietrich Mateschitz. Ich habe angerufen, und er war tatsäch- lich dran." Mateschitz beschied abschlägig: "Ihr habts eh einen guten Sponsor." Klaffenböck: "Er wollte mit uns eben nicht identifiziert werden."

Mateschitz' werbetechnische Prüderie schmerzte umso mehr, als Peter Janischs Sohn und Tochter nach Übernahme der Geschäfte zur Jahrtausendwende dem Motorradsport entsagten. 2004 schlagen Klaffenböck/Parzer dann auf der Isle of Man auf. Motto: "Ich hole mir die Trophy und das Preisgeld ab." Liebe auf den ersten Blick wird es nicht. Klaffenböck: "Nach der ersten Runde habe ich es eigentlich öd gefunden."

Manxman Sayle

Ab 2008 fährt Klaffenböck ohne Parzer die TT, erst mit Darren Hope, dann mit dem einheimischen Beifahrer Daniel Sayle, der bereits 2004 mit Rekordsieger Dave Molyneux triumphierte hatte. Der Manxman kommt auch mit Klaffenböck zum Erfolg. Das Duo gewinnt beide Rennen 2010 und das erste im Jahr darauf. In die Geschichte geht das zweite Rennen 2010 ein, in dem Klaffenböck/Sayle die Briten John Holden und Andrew Winkle nach jeweils fast einer Stunde Fahrzeit um 1,12 Sekunden auf Rang zwei verweisen. "Es gibt eine Serie von Sonderbriefmarken mit den zehn spannendsten Rennen der letzten 100 Jahre. Da sind wir dabei", sagt Klaffenböck, der zweite österreichische TT-Sieger nach dem legendären Rupert Hollaus, der 1954 auf einer NSU solo in der 125er-Klasse gewann.

Ende 2011 beendete Klaffenböck die Karriere. Die Seitenwagen, sonst mangels Interesse der Industrie gleichsam als Skisprungski der Motorradszene seit geraumer Zeit auf dem absteigenden Ast, sind auf der Isle of Man so oder so immer noch ein Heuler. "Zahlen des Senders ITV belegen, dass die Seitenwagen die meistgesehenen Rennen sind."

Ein Szeneveteran kann daraus natürlich Kapital schlagen. Klaffenböck, Vater von achtjährigen Zwillingstöchtern, mit denen er zehn Tage pro Monat in Wels verbringt, ist ein gefragter Begleiter für Biker, die hinter die Kulissen der TT blicken wollen. Im Hauptberuf betreibt er als Arbeitgeber für rund 20 Personen die Hospitality bei Motorradveranstaltungen. Das Einkommen garantiert Klaffenböck ein gutes Auskommen und ein gutes Leben nahe der Inselmetropole Douglas. Denn die Isle of Man, mit ihren 572 km² die Nummer 40 unter den kleinsten Ländern der Welt, hat tatsächlich mehr zu bieten als schwanzlose Rassekatzen, eine milde Steuergesetzgebung und die mörderisch spektakuläre TT. (Sigi Lützow, 26.9.2016)

  • 8. März 1995, Le Castellet, Frankreich: Posieren vor Testfahrten des Teams ÖKM: Christian Parzer, Dolly Buster und Klaus Klaffenböck.
    foto: rubra

    8. März 1995, Le Castellet, Frankreich: Posieren vor Testfahrten des Teams ÖKM: Christian Parzer, Dolly Buster und Klaus Klaffenböck.

  • Klaus Klaffenböck aktuell...
    foto: privat

    Klaus Klaffenböck aktuell...

  • ...und im Juni 2010 auf der Isle of Man, ein von Honda angetriebenes 600-ccm-Gespann des Schweizer Herstellers Louis Christen Racing (LCR) steuernd. Der Beifahrer Dan Sayle sorgt für Stabilität
    foto: privat/weiser

    ...und im Juni 2010 auf der Isle of Man, ein von Honda angetriebenes 600-ccm-Gespann des Schweizer Herstellers Louis Christen Racing (LCR) steuernd. Der Beifahrer Dan Sayle sorgt für Stabilität

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