Aleppo: Geländegewinne für Regierungstruppen

24. September 2016, 17:18
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Luftangriffe auf Rebellenstellungen fortgesetzt – Zivilschutz: Mehr als 100 Tote – Berichte über große Zerstörungen

Aleppo/London – Syrische Regierungstruppen haben bei ihrer Großoffensive gegen Aleppo erste Geländegewinne erzielt. Am Samstag nahm die Armee mit der Unterstützung von Milizen das Lager Handarat im Norden der Metropole ein, wie beide Seiten mitteilten. Zuvor hatten Kampfflugzeuge erneut schwere Angriffe auf den von Rebellen gehaltenen Ostteil der Stadt geflogen.

Aufständischen zufolge waren vor allem russische Jets im Einsatz. Nach Informationen von Helfern und der oppositionsnahen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden seit Freitag Dutzende Menschen getötet. Allein am Samstag seien bis Mittag 25 Todesopfer registriert worden, teilte die Beobachtungsstelle mit.

"Viele Terroristen" getötet

"Handarat ist gefallen", sagte ein Vertreter der größten Rebellengruppen in Aleppo der Nachrichtenagentur Reuters. In einer Erklärung der Armee hieß es, bei der Einnahme seien "viele Terroristen" getötet worden. Das Palästinenser-Lager war seit Jahren in der Hand der Rebellen.

Syrien hatte die Offensive am Donnerstag ausgerufen. Der regierungstreue Kommandant einer irakischen Miliz sagte Reuters, Ziel sei es, ganz Aleppo innerhalb einer Woche einzunehmen. Die Offensive hatte in der Nacht zum Freitag mit einem schweren Bombardement begonnen, das auch am Samstag fortgesetzt wurde. "Die Angriffe sind heftig und dauern an", sagte der Direktor der Beobachtungsstelle, Rami Abdulrahman.

Zerstörungen

Im Osten Aleppos wohnen immer noch mehr als 250.000 Menschen. Einwohnern zufolge werden jetzt Waffen eingesetzt, die größere Zerstörungen anrichten als bisher. Viele Gebäude seien vollständig dem Erdboden gleichgemacht worden. Bilder von Einschlägen zeigen Krater, die mehrere Meter tief sind. "Die meisten Opfer liegen noch unter Trümmern begraben, weil mehr als die Hälfte des Zivilschutzes außer Gefecht gesetzt wurde", sagte ein Rebellensprecher. Der Chef der sogenannten Weißhelme, Ammar al-Selmo, sagte Reuters: "Unsere Teams versuchen zu helfen, aber es sind nicht genug, um auf eine Katastrophe solchen Ausmaßes angemessen zu reagieren."

Am Freitag waren durch Luftangriffe drei von vier Zentren des Zivilschutzes zerstört oder schwer beschädigt worden. Über 100 Menschen seien seit Beginn der neuen Luftangriffe am Freitag getötet worden, sagte Al-Selmo. Die syrische Armee gibt an, nur Rebellenziele ins Visier zu nehmen und keine zivilen Ziele. In syrischen Militärkreisen hieß es, der Einsatz verlaufe nach Plan. Es würden Präzisionswaffen eingesetzt, um Ziele wie Tunnels, Bunker und Kommandozentralen der Rebellen zu zerstören.

Am Montag war eine Feuerpause nach sieben Tagen nicht verlängert worden. Russland und die USA, die unterschiedliche Kriegsparteien unterstützen, konnten sich nicht auf eine erneute Waffenruhe einigen. Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier rief Russland auf, seinen Einfluss auf Machthaber Bashar al-Assad geltend zu machen. "Assads Luftwaffe muss ihre Angriffe stoppen. Dafür sehe ich auch Moskau in der Verantwortung", sagte Steinmeier am Freitag vor der UN-Vollversammlung in New York.

Auch die USA forderten Russland zu einem größeren Einsatz für eine Wiederbelebung der Waffenruhe auf. Russland wiederum warf den USA vor, mit zweierlei Maß zu messen. Außenminister Sergej Lawrow sagte, es seien klare Signale erforderlich, dass die USA und ihre Verbündeten die Aufständischen zur Zurückhaltung bewegen könnten. Man könne nicht nur von Russland einseitig Konzessionen verlangen, sagte er am Samstag in einem TV-Interview. (APA, 24.9.2016)

  • Der schwere Beschuss der Rebellengebiete dauerte den zweiten Tag in Folge an.
    foto: reuters/abdalrhman ismail

    Der schwere Beschuss der Rebellengebiete dauerte den zweiten Tag in Folge an.

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