Die "Mama von allen" und der geduldige Techniker in Wien-Simmering

Video27. September 2016, 11:00
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In der Flüchtlingssiedlung "Macondo" in Simmering sorgt mit Dragan und Marika Danilovic ein Ehepaar als Anlaufstelle unbürokratisch für Unterstützung

Dragan Danilovic kann nicht lange stillsitzen. Das war schon so, als er mit Anfang 20 aus Kroatien nach Wien reiste, um seine Schwester zu besuchen – und nach drei Tagen anfing zu arbeiten, "weil mir fad war" . Er beschloss, sein Einkommen ein halbes Jahr mit Aushilfsjobs aufzubessern, bevor er mit dem Studium in Kroatien beginnen sollte.

Doch dann brach der Balkankonflikt aus – und für Dragan, seine Frau Marika und das 1990 erst drei Monate alte erste Kind des Paares wurde die Rückkehr zu gefährlich. "Alle paar Wochen habe ich Verwandte gefragt, ob wir zurückkommen können", erzählt Marika. Erst als ihr Sohn in die Schule kam, hätten sie entschieden, für immer in Wien zu bleiben. "Du kannst nicht zwei Leben leben, du musst dich für eines entscheiden", sagt Dragan.

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Die Danilovics leben seit 1998 in der Flüchtlingssiedlung "Macondo" in Simmering – dem ersten und bis dato einzigen Wiener Bezirk mit einem blauen Bezirksvorsteher (Paul Stadler). Die Danilovics sind Hausmeister und Anlaufstelle für die rund 375 Bewohner des Wohnprojektes, das anerkannten Flüchtlingen mit – auf drei bis acht Jahre befristeten – leistbaren Wohnungen, Betreuung und Kursen eine Starthilfe gibt.

Bei Marika vorsprechen

Wer neu in die Siedlung zieht, die nach einem fiktiven Ort aus dem Roman Hundert Jahre Einsamkeit von Gabriel García Márquez benannt ist und wo schon seit 60 Jahren Flüchtlinge leben, muss zunächst bei Marika vorsprechen: Sie weist in Hausordnung und Brandschutzregeln ein. Auch wer Hilfe oder Beratung braucht – sei es beim Einzahlen der Stromrechnung oder bei der Suche nach einer unbefristeten Bleibe – ist bei ihr richtig.

Genau wie ihr 49-jähriger Gatte, der für Technik, Reparaturen und Instandhaltung zuständig ist, ist die 46-Jährige beim Österreichischen Integrationsfonds, der das Wohnprojekt betreut, angestellt. Die Bewohner sind heute meist aus Somalia, Afghanistan oder Tschetschenien.

maria von usslar
Die Danilovics sind Hausmeister und Anlaufstelle für die rund 375 Bewohner des Wohnprojektes in Macondo, das anerkannten Flüchtlingen mit leistbaren Wohnungen, Betreuung und Kursen eine Starthilfe gibt.

Die Danilovics haben immer ein offenes Ohr für sie, rufen den Notarzt, wenn ein Kind hohes Fieber hat, oder schalten einen Sozialarbeiter ein, wenn es Probleme gibt, die sie nicht lösen können: "Feierabend haben wir, wenn nichts los ist", sagen sie. "Aber wenn sie mich nachts aus dem Bett klingeln, weil die Waschmaschine kaputt ist ... Ich bin nicht immer nett", sagt Dragan mit einem Augenzwinkern.

Für den Job brauche es viel Geduld. Man müsse versuchen, den Hintergrund zu verstehen: So habe er sich einmal über eine Frau geärgert, die ihre Mistsackerln neben die Mülltonne stellte – bis er draufkam, dass sie schlicht nicht wusste, wie der Deckel zu öffnen ist.

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Dragan und Marika Danilovic kamen 1990 mit ihrem Kleinkind auf Besuch nach Wien. Sie blieben, weil der Balkankonflikt ausgebrochen war.

Es ginge oft um Kleinigkeiten: die Bedienung des Herdes, das Eintopfen von Pflanzen, das Wechseln von Glühbirnen. Aber auch darum, wie die Gesundheitsversorgung funktioniert oder wie Gemeindebauwohnungen vergeben werden. "Wir zeigen, wie man in Österreich lebt, wie man sich selbst helfen kann." Manche lernten schnell, andere brauchten "eine Ewigkeit". "Es sind ja keine Computer, es sind Menschen", sagt Dragan. Marika meint, sie fühle sich in der Siedlung wie "die Mama von allen. Weil ich alles erklären und mehrmals wiederholen muss, und weil ich die Geschichten, auch die schlimmen, der Menschen kenne."

Je älter sie würden, desto mehr spürten sie, wie anstrengend der Job manchmal sei, aber "man fühlt sich gut, wenn es den Leuten gutgeht, und wenn sie die Hilfe annehmen und wertschätzen".

Dass das Miteinander in "Macondo" weitgehend konfliktfrei funktioniere, liege für Dragan daran, dass die Menschen Zukunftsperspektiven hätten. Es habe aber auch mit Vertrauen zu tun: Abends mischt er sich gerne unter die Männer, die im Hof zusammenstehen und rauchen. "Wenn die Leute dir vertrauen, öffnen sie sich und dann funktioniert alles gut." (Text: Christa Minkin, Video: Maria von Usslar, Katharina Zingerle, 27.9.2016)

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